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Kolumne „Nine to Five“ : Über die Unfähigkeit zu warten

Der Bahnhof von Grävenwiesbach im Hintertaunus. Die Wahrscheinlichkeit ist leider groß, dass die Autorin eines Tages auch hier stranden wird. Bild: Frank Röth

Unsere Autorin kann einfach nicht aufhören, am Bahnsteig E-Mails zu checken. Dabei weiß sie so einiges über die Folgen zu berichten, die das vermeintlich so produktive Herumstehen haben kann.

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          Den letzten Text für diese Kolumne hat Frau O. in einem Wartezimmer geschrieben. Das Wartezimmer war zu voll und die Arzthelferin so gestresst, dass sie das nicht merkte. Für beides war Frau O. mitverantwortlich, weil sie zu spät zu ihrem Termin erschienen war.

          Dabei war sie eigentlich schon um sechs Uhr aufgestanden, um viertel vor sieben am Bahnhof gewesen und in den Zug gestiegen, der sie zu der Arztpraxis bringen sollte. Es brauchte 20 Minuten und ein Gespräch mit dem letzten verbliebenen Passagier, der die Gunst der Stunde nutzte, um im Zug zu rauchen, bis Frau O. merkte, dass sie in die falsche Bahn gestiegen war. Es brauchte noch weitere 60 Minuten, um doch noch in das Wartezimmer der Ärztin zu gelangen.

          Frau O. hat auf ähnlichem Wege schon viele deutsche Bahnhöfe kennengelernt. Lorsbach im Taunus zum Beispiel. Oder Dutenhofen im Lahntal. Auch den Leipziger Hauptbahnhof in seiner gesamten imposanten Leere kennt Frau O. gut, seit sie statt von Bayern nach Hessen versehentlich von Bayern nach Sachsen fuhr.

          Frau O. glaubt: All diese Fahrlässigkeiten sind ein Symptom von etwas Schwerwiegenderem. Sie hat das Warten verlernt. 10 Sekunden Stillstand – und Frau O. fühlt sich unproduktiv. Sie beginnt, ihre To-do-Liste im Kopf durchzugehen – recherchieren, telefonieren, Artikel schreiben. Fast immer landet sie bei ihren E-Mails. Ihr Blick schweift weg von der Anzeigentafel, hin zum Handy, sie beginnt zu lesen, zu denken, zu tippen, aber hört auf zu schauen. Frau O. will das Warten verhindern. Aber am Ende muss sie oft noch länger warten – und kann nicht richtig arbeiten.

          Seit Frau O. vor vielen Jahren zum zweiten Mal aus Handy-Abgelenktheit in einen falschen Zug gestiegen war, denkt sie häufiger darüber nach, wieso sie und all die anderen Menschen auf diesem Planeten ständig Dinge tun, von denen sie wissen, dass das Risiko den Nutzen überwiegt. Frau O. weiß es nicht. Aber sie hofft, eines Tages – vielleicht irgendwo auf einem Dorf-Bahnsteig in der Morgensonne wartend – eine Antwort in ihren E-Mails zu finden.

          In der Kolumne „Nine to Five“ schreiben wechselnde Autoren über Kuriositäten aus dem Alltag in Büro und Hochschule.

          Sarah Obertreis
          (eis.), Wirtschaft

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