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Kolumne „Nine to five“ : Sprecherziehung, nein danke

Aachener Dom: Der typische Singsang des Rheinlands ist manchem suspekt. Bild: dpa

Kluge spricht lupenreines Hochdeutsch. Und sieht gar nicht ein, warum alle anderen das nicht auch können. Bis eines Tages die Delegation von Großabnehmern überraschend auf der Matte steht.

          2 Min.

          Der Neue sei okay, aber seine Sprache, oh je – urteilt Kollege Kluge aus Hannover. Kluge spricht lupenreines Hochdeutsch. Das strengt den mittelalten Mann, der in einer mittelguten Position feststeckt, nicht an: Der Niedersachse hat die Sprache eingesogen wie die Muttermilch. Das hat sein neuer Kollege auch, aber sein Elternhaus stand in Aachen. Dort wird ein gemütliches Singsang gepflegt, der rheinländische Dialekt dringt durch.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          „Ts, unmöglich!“, befindet Kluge und stichelt: Das provinzielle Gehabe des neuen Assistenten blamiere die ganze Firma! Was sollten denn die international aufgestellten Investoren ob dieser „diffus-kölschen Klänge“ denken, warnt Kluge pikiert. Ratlos sieht ihn sein Chef an, dessen Ruhrpotttimbre sich verloren hat. Über Dialekte macht er sich keinen Kopf. Kluge hält sein Schweigen für Zustimmung, regt ein Sprechtraining für den Neuen an und wedelt beflissen mit dem Kärtchen einer „ausgewiesen guten logopädischen Praxis“.

          „Wat wor dat schön!“

          Kluge sieht sich als Sprachpapst und hat sich so schon manches Schwaben in Zweigniederlassungen entledigt. Nur das latente Sächsisch der Sekretärin findet er „niedlich“, die habe ja „nichts Offizielles“ zu sagen. Der Chef zögert, den jungen Hoffnungsträger nachschulen zu lassen erscheint ihm übergriffig.

          Überraschend kündigt sich eine Delegation möglicher Großabnehmer an. Das Gespräch läuft schleppend. Kluge ist aufgeregt, spontane Termine sind nicht seins. Es gilt, Boden wettzumachen: Der Assistent weilt außer Haus. Unvermittelt stürmt er ins Besprechungszimmer und entschuldigt sich wortreich. Die Gäste blicken auf. Der vielsprachige Manager, der die vergangenen Jahre in Asien verbracht hat, horcht auf. Ein Lächeln illuminiert sein Pokerface, gebannt wendet er sich an den Zuspätkommer. „Jott noch, Sie kommen aber auch aus dem Rheinland?!“ Ja, aus Aachen. Und selbst? Der Weitgereiste kommt von der Schäl Sick, aus Kölle! Minutenlang sind die anderen abgemeldet. Die zwei ergeben sich rheinischem Singsang und Heimatgefühlen. „Wat wor dat schön!“, bilanziert der Gast, nippt am Mineralwässerchen und wechselt ins Hochdeutsche.

          Fast angeekelt wird Kluge später über den Hang zum rheinischen Diminutiv lästern, den er unsäglich unmännlich findet. „Jeder Jeck ist anders jeck . . . – so sagen die das doch?“ Die, die hält er in ihrer sprachlichen Vulgarität für Steinzeitmenschen. „Das Neandertal liegt ja nahe Düsseldorf“, foppt ihn die Sekretärin. Kluges Sprachzensur ist ihr ein Graus. „Wir sind schließlich viele!“ In der Bewerbungsmappe lagere ein Bayer. „Et kütt wie et kütt!“, ärgert ihn die Frau und komplimentiert ihn mit einem „Nu, ei verbibbsch!“ hinaus.

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