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Kolumne „Nine to five“ : Säckeweise Erkenntnisse

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Das Arbeit einen Wert hat, gilt es früh zu lernen. Bild: dpa

Wir erinnern uns: Das erste eigene Geld zu verdienen, ruft ein besonderes Gefühl hervor. Schon bei den ersten Schülerjobs gilt es zu lernen, seinen Lohn richtig zu verhandeln.

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          Viele Arbeitnehmer, die jeden Monat wie selbstverständlich den Eingang ihres Lohns auf dem Konto registrieren, erinnern sich vielleicht noch an das Gefühl, zum ersten Mal eigenes Geld verdient zu haben. Das kann durchaus im Gedächtnis geblieben sein, weil es so mühsam erschien. Etwa weil die Großeltern einen sogenannten Wengert besaßen, altfränkisch für Weinberg. Was in diesem Fall allerdings lediglich bedeutete, dass der abschüssige Hang hinter dem Haus mit Hilfe von Stützmäuerchen in Terrassenform gebracht worden war, wie es bei Weinbergen in steilen Lagen üblich ist, angebaut wurde jedoch Obst. Im Herbst hieß es für die ganze Familie anpacken bei Mirabellen-, Zwetschgen- und Apfelernte. Das stundenlange Bücken und Säckebefüllen ödete besonders die jüngere Fraktion der Arbeitskompanie an und grenzte fast schon an „Kinderarbeit“, wie diese beständig maulend betonte.

          Um die Jugend bei der Stange zu halten, bedienten sich die Eltern, beide Pädagogen, eines gewieften Tricks: Jedes Kind durfte neben der allgemeinen Ernte einen kleinen Sack Äpfel allein füllen und der Kelterei verkaufen, anstatt in Saft dafür bezahlt zu werden. Nach Erhalt des Fünf-Mark-Stücks stellte sich das schöne Gefühl von Stolz ein, mit harter Arbeit den ersten Lohn erwirtschaftet zu haben. Diese Erfahrung macht gerade die nächste Generation.

          Wie viele Mädchen vor ihnen sind die Schwestern ins Babysitter-Geschäft eingestiegen: Die Eltern des zuckersüßen, acht Monate alten Nachbarsmädchens sind froh, wenn die beiden ein- bis zweimal in der Woche zum Spielen vorbeischauen. Dann kann endlich mal das Bad geputzt, die Küche geschrubbt oder ein Nickerchen eingelegt werden – eben all das, was zu kurz kommt mit einem Säugling. Nach dem Erhalt der ersten Bezahlung von fünf Euro resümiert die 11-Jährige: „Das hat so viel Spaß gemacht, die hätten mich dafür gar nicht bezahlen müssen.“ Die 13-Jährige widerspricht: „So ein Quatsch! Arbeit kann Spaß machen, und trotzdem muss man dafür bezahlt werden.“ Instinktiv hat sie begriffen, woran sich mancher Arbeitnehmer (gilt oft vor allem für Arbeitnehmerinnen) in Gehaltsverhandlungen erinnern sollte, um gut zu argumentieren: den Wert der eigenen Arbeitskraft zu kennen. Und sich nicht darunter zu verkaufen.

          In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wechselnde Autoren einmal in der Woche über die Kuriositäten des Arbeits- und Hochschullebens.

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