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Kolumne „Nine to five“ : Wo die wilden Tiere wohnen

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Vögel am Himmel vermitteln ein Gefühl von Freiheit. Es könnten aber auch Aasgeier sein. Bild: AFP

Studenten, die ihr in den öffentlichen Dienst wollt: Ja, in der Privatwirtschaft gibt es Kündigungen, Existenznöte, markant parfümierte Personalerinnen. Aber es gibt dort etwas, das ihr als Staatsdiener nie haben werdet.

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          Dies ist ein letzter und endgültiger Weckruf an die Jugend. Er soll dazu führen, dass die Jugend endlich aufwacht aus ihrem Traum vom öffentlichen Dienst. Denn ein Drittel der Studenten will später dort arbeiten laut einer Umfrage des Beratungshauses EY, über die wir in der F.A.Z. schon ausschweifend berichtet hatten.

          Studenten, Studierende, Studentinnen, nun werdet wach! Es kann zwar durchaus sein, dass es ein gutes Leben ist im öffentlichen Dienst mit geregeltem Stundentackern und in ewig glühender Vorfreude auf einen wohlsituierten Ruhestand - ja, das alles ist so, aber es muss aufgeräumt werden mit dem unsäglichen Vorurteil, in der Privatwirtschaft sei alles so viel furchtbarer.

          Und ja, zwar ist auch dort alles genau so, wie man denkt: In der Privatwirtschaft gibt es Kündigungen, Übernahmen, Arbeitsplatzverlagerungen, Existenznöte, Personalentwicklungsgespräche mit unsäglich markant parfümierten Personalentwicklerinnen. Es gibt, wie der Schwabe richtig sagt, uuungeheuren Leischdungsdrugg, aber trotz dieses Leischdungsdruggs ist die Wahrheit, die volle und ganze Wahrheit: Im Büro eines jeden privatwirtschaftlich geführten Unternehmens in diesem Land lebt es sich viel komfortabler als ganz in der Freiheit.

          Die Freiheit ist ein Mückenstich

          Freiheit? Was das ist? Die Rede ist hier nicht vom freien Unternehmertum, von dem in jeder Hinsicht ausdrücklichst abgeraten werden kann. Die Rede ist von der Freizeit. Vom Urlaub. Da darf ein kurzer privater Einblick in die vergangene Urlaubswoche des privatwirtschaftlichen Arbeitnehmers gestattet sein. Nur wenige Stichworte: Blechschaden, Mückenstich, Schürfwunde, Fahrerflucht, Zeckenbiss, Muskelkater, Steuerärgernis, Selbstbeteiligung, Pflaumenkuchen, Wolkenbruch, polizeiliche Ermittlung.

          Gegen die Freiheit, unter der wir Freizeit verstehen, ist das Büro des privatwirtschaftlichen Unternehmens eine Ruheoase. Es ist ein Sanatorium, ein Ort total geregelter Abläufe, routinierter Wege, ritualisierter Vorgänge, ein Ort der Sicherheit in doch sonst irgendwie erschreckenden Zeiten. Da die Studenten, die hier ihren ultimativen Weckruf erfahren dürfen, offenbar vor allem von Freizeit träumen, wenn sie beim öffentlichen Dienst anklopfen, müssen sie hier vor dieser Täuschung gewarnt werden.

          Freizeit wird mehr und mehr zum dschungelhaften, kafkaesken Unterfangen, je älter, langweiliger und sicherheitssuchender ein Mensch wird. Wer im öffentlichen Dienst seinen Frieden sucht, ist auf einer wackligen Hängebrücke aus morschem Holz über einem Fluss voller Krokodile unterwegs. Freiheit gibt es nur in der mütterlichen Geborgenheit der grauen Flure der Privatwirtschaft.

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