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Kolumne „Nine to five“ : Müller mault im Monolog

Wirklich wahr: Er redet mit dem Drucker! Bild: dpa

„Herrgottsakra, mir pressiert’s!“ Müllers Wut kennt keine Grenzen. Schimpftiraden schallen aus seinem Büro. Vielleicht benötigt sein Opfer Beistand?

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          Mensch, mach doch! Verdammt noch mal, wird’s bald! Ich hab’ nicht ewig Zeit, du Lahmste aller Enten. Herrgottsakra, mir pressiert’s!“ Schimpftiraden schallen aus dem Büro der selten aufgesuchten Etage. Müllers Wut kennt keine Grenzen. Dabei entspricht dieser unflätige Ausbruch gar nicht seiner Art, er gilt als allseits beliebt und hebt sich seine Hasstiraden für die Fußballfrustrationsdiskussionen am Montag auf. Wen attackiert er so heftig? Vielleicht benötigt sein Opfer Beistand?

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Müller ist allein im Raum. Allein mit einem Drucker, der den Geist aufgegeben hat. Müller beschimpft sein mausetotes Gegenüber, als gäbe es kein Halten mehr. Das Gezeter hat die sichtlich amüsierte Assistentin auf den Plan gerufen. Die Frau hat ein Händchen für Technik, nach einigen Minuten rattert der Drucker wieder. Müller ist die Szene unangenehm. Kleinlaut merkt er an: „Sonst fluche ich nur beim Fußballgucken.“

          Selbstgespräche schaffen einen klaren Kopf

          Wer Selbstgespräche führt, wirkt abgedreht. Dabei hat das gemeine Selbstgespräch viel für sich: Es schafft einen klaren Kopf, Dinge beim Namen zu nennen, Gedanken zu formulieren (Heinrich von Kleist lässt grüßen), Zweifel auszusprechen, laut zu reflektieren, sich und seine Wut abzuregen. Jeder Mensch ist ständig im Dialog mit sich selbst, wird dieser laut geführt, hört sich das verschroben an und verleiht jedem Großraumbüro den Touch einer Neurosenhochburg. Da haben es Chefs besser, sie können sich im Eckbüro abschotten.

          Die Stärke von Müllers Chef liegt eindeutig nicht im Rhetorischen, er wird aber häufig zu Grußwörtern gedungen. Bevorzugt freitagnachmittags verschanzt er sich in seinem Reich und deklamiert seine Reden, dabei auf und ab schreitend. So erzählt man sich.

          Seinem Auftritt tut die Übungseinheit gut, nicht seinem Image. Kicher, kicher auf den Fluren. . . – gelacht haben ausgerechnet jene, die unverkabelt keine drei Schritte mehr außer Haus gehen. Denn wir sind viele. Plappernd und plaudernd und motzend und schmeichelnd, hetzt die Head-Down-Generation durch die Städte im Gespräch mit einem Unsichtbaren. „Papa“, staunt das Kind, „mit wem sprechen die?“ Der erklärt: Ihr Gesprächspartner steckt in der Luft oder im Winzmikrophon ihres Smartphonekabels. Das Kind schaudert: „Das sieht unheimlich aus.“ Ja, mein Sohn. Jeder ist sich selbst der Nächste.

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