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Kolumne „Nine to five“ : Mensch, sind wir gut!

Daumen hoch - für uns selbst! Bild: Picture-Alliance

Eines hat die digitalisierte Welt ziemlich verstärkt: Das ständige Eigenlob. Jetzt gehen die Ersten wieder offline. Aber macht’s das besser?

          2 Min.

          Wir finden uns toll. Wir sind erfolgreich. Wir dokumentieren das. Wir liken uns und andere in der Hoffnung, dass sie dann uns wiederum beweihräuchern. Wir feiern uns. Yes, we can! Bescheidenheit ist etwas für Beckenrandschwimmer. Sich in vornehmer Zurückhaltung üben? Wo kämen wir denn da hin? Nirgendwo. Jedenfalls nicht aufs Siegertreppchen. Das haben wir früh gelernt. Schon fürs Bewerbungsgespräch haben wir uns darauf vorbereitet, druckreif und detailliert über unsere Stärken zu referieren.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Minimale Schwächen haben wir selbstredend auch – wir sind nämlich manchmal zu „ungeduldig“, was das Synonym für „dynamisch“ ist, wie wir uns im Selbstoptimierungsratgeber angelesen haben: Denn während der Tumbe noch über Lösungen grübelt, haben wir sie längst erkannt. Dergestalt dynamisch, wundern wir uns wenig, wenn allerorten gefeiert wird, sondern strahlen wie die sonnengefluteten Solarleuchten: Schon auf der FH of Applied Science in the Middle of Posemuckel durften wir unseren Bachelor zelebrieren, wie wir das vom Streamen amerikanischer Highschoolfilmchen kennen: mit klasse Kopfbedeckung, pompösen Ansprachen und Champagner vor Stehtisch-Hussen. Harvard ist überall.

          Im Berufsleben wird dann lustig weitergefeiert: Hier ein lukrativer Auftrag, dort 15 Monate Betriebszugehörigkeit, da eine semidubiose Auszeichnung eines obskuren Instituts, das durch Preisverleihungen auf sich aufmerksam macht und diese als Marketinginstrument für sich entdeckt hat. Wieder knallen die Korken, und Pressemitteilungen werden ins Netz geschossen. Wir Selbstmarketingverliebte treiben es mitunter bunt, so bunt, dass es einem vor lauter Außenwirkungsoptimierung ganz schummerig wird. Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser bleibt man ohne ihr, das haben wir von kleinauf verinnerlicht. Gearbeitet wird zwischendurch, ein Zeitfensterchen fürs Kerngeschäft wird sich schon finden.

          Wenn der Chef offline geht

          Die Gegenbewegung gibt es auch. Zumindest auf den ersten flüchtigen Blick klinken sich die Ersten aus und sind offline, was sie gerne herumposaunen: Der Vorstandsvorsitzende schmückt sich mit E-Mail-Fasten – seine Büromannschaft bleibt unerwähnt. Der Geschäftsführer spricht launig ins Mikrofon, privat Postkarten zu verschicken – na ja, wer’s glaubt ... Die Schauspielerin gibt zu Protokoll, kein Smartphone zu besitzen – wobei diese ungeheuerliche Neuigkeit blitzschnell auf Twitter die Runde macht.

          Vordergründig schwindet die Selbstdarstellung, aber das Misstrauen wächst: Kokettiert hier jemand mit seiner Diskretion? Diese Bescheidenheit ist schon wieder so bescheiden, dass sie bemerkenswert ist. Also ergeben wir uns weiterhin dem Eigenlob. Apropos: Kann mal jemand kräftig durchlüften?

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