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Kolumne „Nine to five“ : Herr G. geht

  • -Aktualisiert am

Von nun an frei wie ein Vogel? Bild: dpa

Nach fast 40 Jahren in der Firma hört der Büronachbar auf und geht in Rente. Kaum zu glauben.

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          Kürzlich fragte der stets gutgelaunte Kollege von nebenan, ob man das Wort „dufte“ noch kenne. Er hätte sicher etwas dagegen, mit vollem Namen in der Zeitung zu stehen, deshalb wollen wir ihn G. nennen. G. jedenfalls fragte nicht nur nach einem Wort, das seine besten Tage hinter sich hat und mit dem einer seiner geschäftlichen Gesprächspartner partout nichts anzufangen wusste. Er machte auch eine kleine Zeitreise und genoss sie geradezu.

          Dufte, das war mal das frühere „cool“, erinnerte er sich. Kannte jeder. Heute wird man dafür ratlos angesehen. Von den Jüngeren zumindest. Oder das Wort „Murks“, also etwas Mangelhaftes, schlecht Gemachtes, Verpfuschtes: Genau das Gleiche, fand er, irgendwie verstaubt, vergessen, in kaum einer Unterhaltung mehr zu gebrauchen. G. bedauerte das nicht, er stellte es vielmehr heiter fest. Denn er ist, obwohl Mitte sechzig, kein Mann von gestern. Die Dinge ändern sich eben, Sprache sowieso. Damit kann er leben. Betrüblich nur, dass sich in den Tagen, als G. das erzählte, auch sein Büro stark veränderte. Er räumte es nämlich immer leerer. G. geht Ende des Monats in Rente, nach fast vierzig Jahren in der Firma. Die Kollegen raunen schon: 31.3. – kaum zu glauben, dass es dann wirklich so weit ist. Aber der Kalender lügt nicht. Sein Büro leert G. mit großer Gelassenheit. Alles, was er als Rentner nicht mehr braucht und was kein anderer haben will, wird entsorgt. Manches habe er seit Jahren nicht in den Händen gehalten: Mappen, Broschüren, Büchlein, Werbegeschenke.

          Sie bildeten stattliche Stapel und Reihen in seinen Regalen, aber jetzt geht es ihnen an den Kragen. Sagt man das noch so – an den Kragen gehen –, oder ist das auch aus der Zeit gefallen? Egal, G. könnte damit bestimmt etwas anfangen. Erst einmal aber entsorgt er weiter und nimmt Abschied. Von Wörtern, überflüssigem Büro-Krempel, in wenigen Tagen von den Kollegen. Klar, Rente muss sein – aber manchmal ist sie Murks.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

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