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Kolumne „Nine to Five“ : Facebook-Master, Youtube-Meister

  • -Aktualisiert am

Seit Jahren beklagen Mediziner, dass Patienten zu viel im Internet surfen, sich halbgares Wissen anlesen und dann glauben, selbst Experten zu sein. Die Realität lehrt Demut. Bild: Frank Röth

Hobbyvirologen, die ihre Expertise auf Facebook erworben und an der Internet-Akademie promoviert haben, glänzen, genau wie die Heimtrainer, vor allem durch eines: hanebüchenes Unwissen.

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          Alle vier Jahre zur Fußballweltmeisterschaft hat das Land nicht nur einen, sondern Millionen Nationaltrainer. Standorte: Couch und Kneipe. Auch ohne Trainingslager weiß jeder alles – vor allem alles besser. Lauthals wird darüber gefachsimpelt, warum diese Start-Elf die völlig falsche ist und der Nationaltrainer keine Ahnung hat. Die hat man selbst, sobald man weiß, was Abseits bedeutet. So mutiert nicht König Fußball, sondern Besserwisserei zum Nationalsport.

          Mit Blick auf ein harmloses Freizeitvergnügen mag das noch amüsant sein. Anders verhält es sich mit Blick auf eine weltweit wütende Pandemie, die schon mehr als 400.000 Tote gefordert hat und nach Meinung von Wirtschaftsexperten zu einer schweren Rezession führen wird. Hier ist der Umstand, dass sich plötzlich an allen Ecken und Enden Menschen dazu berufen fühlen, ihre Meinung zur Eindämmung des Coronavirus kundzutun, brandgefährlich.

          Professionalisierung ist eben doch viel wert

          Denn Hobbyvirologen, die ihre Expertise auf Facebook erworben und an der Internet-Akademie promoviert haben, glänzen, genau wie die Heimtrainer, vor allem durch eines: hanebüchenes Unwissen, gepaart mit dem Glauben, wissenschaftliche Fakten interpretieren zu können. Dabei versteht es sich von selbst, dass dabei nur Erkenntnisse berücksichtigt werden, die dem eigenen Weltbild oder der individuellen Bequemlichkeit entgegenkommen. Seit Jahren beklagen Mediziner, dass Patienten zu viel im Internet surfen, sich dort halbgares Wissen anlesen und dann glauben, selbst Experten zu sein. Respekt vor einem anspruchsvollen Studium samt knallharter Facharztausbildung?

          Fehlanzeige. Warum auch, einen Klempner braucht heutzutage auch niemand mehr – dafür gibt es Youtube-Videos. Eine beunruhigende Entwicklung. Bis zum Corona-bedingten Ladenschluss der Frisöre kam auch kaum jemand auf die Idee, sich die Haare selbst zu schneiden. Der mäßige Erfolg, der auf vielen Bildern im Internet zu bestaunen ist, zeigt: Professionalisierung ist eben doch viel wert. In ihren Master oder Meister haben die meisten Menschen viel Zeit und Herzblut investiert und sind dann genau das, was viele sich immer häufiger ohne fundierte Ausbildung auf die Fahnen schreiben: Fachleute.

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