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Kolumne „Nine to Five“ : Elektrisierter Onkel

  • -Aktualisiert am

Fünftklässler lernen mit iPads Bild: dpa

Früher war der digitale Höhepunkt im Schulunterricht oft eine kleine Diavorführung. Da können die Kinder heute deutlich mehr erleben. Das beeindruckt auch ältere Semester.

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          Und, wie läuft’s in der Schule?“ Rituell stellt Patenonkel Dieter die klassische Einstiegsfrage, die die meisten Kinder höflich abhaken, um rasch ans süße Mitbringsel zu gelangen. Diesmal gibt der Neffe gerne Auskunft: „Ich habe gestern gegerbt.“ – „Du hast bitte schön was getan?“ Der kinderlose Onkel staunt Bauklötze, als er dem Jungen über die Schulter blickt. Der Zwölfjährige schweift per Mausklick virtuell durchs Mittelalter. Geschichtsunterricht, das war bei Dieter, dem Babyboomer, ein lektürelastiger Präsenzunterricht, begleitet von vielen sparsam bebilderten, engbeschriebenen Seiten von der Antike bis zum Kalten Krieg.

          Höhepunkt waren ab und an eine kleine Diavorführung historischer Stätten und ein Ausflug ins nahe römische Xanten am Niederrhein, mit dem Dieter bis heute die Erinnerung an zu wenige Spuck- und zu viele geplatzte Capri-Sonne-Tüten im Bus verbindet. Der Neffe klickt sich derweil munter durch die Epochen und weiht Onkel Dieter ins Homeschooling ein.

          Huch, ein Kurzschluss!

          Das interaktive Lernprogramm „Stadt im Mittelalter“ des SWR- und WDR-Bildungsportals „Planet Schule“ hat es ihnen angetan. Sie streifen über den mittelalterlichen Marktplatz, verharren auf dem großen „I“ für Information. Mit dem analogen Onkel Dieter geht es in die Klosterschule, wo es für den Schüler Rudi Rute und Eselskappe gibt, weil er nicht Latein gesprochen hat.

          Nonnen verteilen Essen an die Ärmsten der Armen, der Wundermedicus schneidet Geschwüre heraus, schreckt nicht vor Augen-Operationen zurück (zum Glück nicht im Bild), ist für die Aussätzigenschau zuständig und betreibt einen Kräutergarten. Nach dem 3D-Streifzug hat Onkel Dieter Blut geleckt.

          Geradezu elektrisiert ist er vom Fach Physik, präziser: der Lernplattform „Leifiphysik“ der Joachim Herz Stiftung, die mit erhellenden Stromkreissimulationen aufwartet, auf denen auch Fachfremde schalten und walten können: hier eine Batterie, dort eine Verbindung – huch, ein Kurzschluss! Dem 50-Jährigen, bisher ohne nennenswertes technisches Verständnis, geht seit seinem Abstecher ins Mittelalter das eine oder andere Licht auf, wie die digitale Zukunft aussehen könnte.

          In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren über die Kuriositäten des Arbeits- und Hochschulalltags.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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