https://www.faz.net/-gyl-920cl

Kolumne „Nine to five“ : Ein echtes Vorbild

Fit durch Yoga: Der Sonnengruß Bild: REUTES

Mehr Obst, weniger Kaffee, mehr Bewegung - Schmidt wollte ein gutes Vorbild für seine Untergebenen sein. Bis der Tag mit der Yogastunde kam.

          2 Min.

          Schmidt fand, dass sein Team zu träge war. Den lieben langen Tag saßen die Kollegen vor Bildschirmen, tranken Kaffee, und in der Mittagspause wurde allzu oft Ungesundes beim Pizzaservice bestellt. Seine erste Maßnahme betraf daher die Ernährung. Bei einem regionalen Biobauernhof orderte Schmidt eine Obstkiste. Einmal in der Woche wurde das Büro nun mit frischen Aprikosen, Birnen und Ähnlichem beliefert. Die Früchte waren unbehandelt, manchmal ein bisschen runzelig und madig. „Greift zu, greift zu“, rief Schmidt jeden Morgen, wenn er mit seiner Obstkiste die Runde durch die Büros macht, und biss dabei herzhaft in einen Apfel. Hauptsache, ein Vorbild sein. Das musste er als Chef.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Als Nächstes nahm sich Schmidt den Kaffeekonsum vor. Er kaufte einen Wasserkocher, einen Schwung Teesiebe, frische Kamillenblüten, getrocknete Minzblätter und Hagebutten, außerdem Kardamom und Ingwer. Dann animierte er die Kollegen, sich eigene Teemischungen zu kreieren. „Viel leckerer als der olle Kaffee“, erzählte er jedem, den er in der Büroküche traf, die neuerdings roch wie ein indischer Teesalon.

          Schließlich stand die Bewegung auf seinem Programm. Er druckte einen Schwung Werbeflyer für den Betriebssport am Mittwochabend, hängte einen in jedes Büro und in den Konferenzraum. Mittwochs kam er mit einer Sporttasche zur Arbeit, wechselte nach Dienstschluss auf der Toilette in kurze Hosen, Stutzen und Stollenschuhe und machte sich dann demonstrativ auf zur Betriebsfußballmannschaft. Sein Kummer war, dass die weiblichen Kollegen dabei nicht mitzogen. „Frau Müller, Frau Meier, wie wär’s? Dabei sein ist alles“, so versuchte er es jede Woche. Ohne Erfolg.

          Bis eines Mittwochs die Kolleginnen tatsächlich mit Sporttaschen zur Arbeit erschienen. „Beim Betriebssport gibt’s neuerdings auch Yoga“, klärte Frau Müller ihn auf. „Kommen Sie doch mal mit, Herr Schmidt, ist viel gesünder als Fußball!“ Schmidt war es ein bisschen peinlich. Esoterisch angehauchte Verrenkungen auf Gummimatten? Konnte er das bringen, als Chef? Schwamm drüber, er fühlte sich verpflichtet. Schließlich war er ein Vorbild!

          Am nächsten Morgen wunderten sich die Kollegen. Schmidt hatte die Obstrunde ausfallen lassen. In der Büroküche duftete es nach frisch gebrühtem Kaffee. Die Flyer für den Betriebssport waren abgehängt. Kollegin Müller wusste Bescheid. Gestern, als Schmidt sich am „Sonnengruß“ versuchte, hatte zunächst seine Hose unangenehm geknackt, später, beim „herabschauenden Hund“ irgendetwas in seinem Bein. Sogar der Krankenwagen sei da gewesen, erzählte Müller. Schmidt blieb an diesem Tag am Schreibtisch sitzen. Neben seinem Stuhl lehnte ein Paar Krücken.

          Weitere Themen

          Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Studie : Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Die Gehälter der Chefs der 30 größten Konzerne in Deutschland sind im vergangenen Jahr um 2 Prozent gesunken. Das betrifft allerdings nur die gewährten und nicht die ausgezahlten Gehälter.

          Fast niemand will mehr Manager werden

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Topmeldungen

          Klimapaket : Weg frei für billigere Bahntickets

          CO2-Preis und Pendlerpauschale sollen steigen. Dafür werden Bahnfahrten günstiger. Die Bundesregierung und die Bundesländer haben sich jetzt doch weitgehend auf einen Kompromiss beim Klimapaket verständigt.

          Nach Wahlsieg : Die Heldengeschichten der Tories

          Nach dem Sieg in der Unterhauswahl will Boris Johnson die Bürokratie stärker auf seine Politik ausrichten, munkelt man – in Westminster löst das Unruhe aus. Wer zum Erfolg des Premiers entscheidend beigetragen hat, ist hingegen glasklar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.