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Kolumne „Nine to five" : Schön scheußlich

Eine bunte Bücher-Sammlung auf einem Flohmarkt in Frankfurt (Symbolbild) Bild: Maria Klenner

Der Mann auf dem Flohmarkt hat wirklich Verkaufstalent. Den Muffgeruch alter Bücher etwa adelt er als „Dufterlebnis echter Altertümchen". Was macht der wohl beruflich?

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          Eine wirklich gute Wahl haben Sie da getroffen. Ein seltenes Stück, werte Dame, und sooo günstig. Viel Freude damit.“ Die Frau, die offenbar schon lange niemand mehr Dame genannt hat, zieht selig von dannen mit ihrer perlenverzierten Abendtasche. Ein Retroteilchen wie aus dem „Babylon Berlin“-Fundus für schlappe 12 Euro. „Dafür können Sie es nicht selbst besticken“, scherzt der Verkäufer, der zugleich als unermüdlicher Entertainer und einfühlsamer Psychologe agiert. Wie werben und verkaufen funktioniert, Begehrlichkeiten für Teile geweckt werden, die die Kundschaft zuvor gar nicht begehrt hatte – das macht der fliegende Händler auf dem Flohmarkt in Aachens Speckgürtel vor.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Ganz gleich, wie heftig der Zahn der Zeit an der Ware genagt hat. Befeuert wird sein Verkaufstalent durch die wachsende Schar Besucher, die sich am Stand herumdrücken, um seinen absurden Lobpreisungen zu lauschen: Den Muffgeruch der alten Bücher adelt er als „Dufterlebnis echter Altertümchen“, aus den abgeschrabbelten Legosteinen lasse sich gar „Großes mit zeitlosen Klassikern bauen“. Die orange Vase mit der pockennarbigen Glasur sei ein „begehrtes Mid-Century-Schnäppchen“. Häh?

          „Oder Skandi-Stil oder 70er-Jahre-Chic oder so.“ Tja, das Keramikset in Ananasform sei nicht wirklich ein Designteil, biete aber ein Alleinstellungsmerkmal: „Damit besitzen Sie das potthässlichste Bowlegefäß, das je hergestellt wurde!“ Die zitronengelbe Scheußlichkeit wechselt für acht Euro den Besitzer. Denn eines sind die meisten Käufe sicher nicht: rein rational motiviert. Auf Nachfrage stellt sich heraus: Der Mann tingelt seit drei Monaten am Wochenende über die Märkte, um Flutopfer zu unterstützen. Im Hauptberuf ist er Zahnarzt. Ein schöner Beruf, wie er findet, nur die Kommunikation verlaufe notgedrungen einseitig. „Hier ernte ich wenigstens Lacher oder Widerrede.“ Handel im Wandel. „Unerhörte Schreihälse“ betitelte das Manager Magazin einen Marktschreier-Wettbewerb. Unser Zahnarzt, ein Mann mit Biss, stünde auf dem Podest. Mit Sicherheit.

          In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wechselnde Autoren über Kuriositäten aus dem Alltag in Büro und Hochschule

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