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Kolumne: „Nine to Five“ : Der Jeck muss weg

Ein als Clown verkleideter Karnevalist streckt die Zunge heraus Bild: dpa

Die Karnevalszeit spaltet die Gemüter. Für manche ist sie der Höhepunkt des Jahres, für andere schlicht der blanke Horror. Vom Unverständnis eines Mediziners über Verkleidungen, Karnevalsmusik und Alkoholexzesse.

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          Ein Nichtverhältnis wäre noch sozial verträglich, nicht aber diese Abscheu, dieser Ekel. Herrn Dr. M. schüttelt es beim Gedanken an Karneval, den seziert er als Unterschichtenphänomen. M. stammt aus Niedersachsen, ihn hat es nach Aachen, also abgrundtief in den Westen verschlagen. Den nennt er gerne den Wilden Westen und erklärt ungefragt, worin diese Wildnis gründet. Das ist beileibe nicht die rauhe Moorlandschaft des Hohen Venns. Nein, es geht um die rüden Karnevalssitten der Kaiserstadt. Die erregen den Zorn des Zugezogenen: Bäckereiangestellte mit Pappnasen sollen Brot verkaufen und ihn nicht für dumm. Puffel, wie das schon phonetisch daherkomme! Das sind Berliner, belehrt Herr M. die Fachkraft fachlich. Tanzmariechen klärt er frech darüber auf, dass kurze Röcke und frivole Einlagen einst Regimentshuren verhöhnten.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Ebenso ordinär findet er es, wenn ihm auf dem Weg zur Arbeit kleine Star-Wars-Krieger auflauern und Bonbons durch die Luft fliegen. Unsäglich, der Öcher-Puttes-Orden: Wie man sich eine Blutwurst umhängen kann, entzieht sich seiner Vorstellungskraft. Sitzungskarneval ist für ihn ohnehin ein Synonym für dumpfe Prekariatsvulgarität. War er denn mal dabei? Durch die Frage fühlt er sich hochgenommen. Schunkeln mit Erwachsenen in Käferkostümen, Polonaise mit kreischenden Weibern im Schlepptau? Iiiiiiii. Als ihm eine Kollegin die Krawatte abschnitt, wäre er am liebsten handgreiflich geworden, erzählt man. Nach Jahren im Exil reiht er sich in die Karawane der Karnevalsflüchtlinge an die Küste, um hinterher über den Stau zu schimpfen. „Lachen ist gesund“, neckt ihn die Sekretärin. Sich in Toleranz zu üben ebenso, möchte man ihm zurufen. Der Mann ist Mediziner. Einer von der strengen Sorte, die den Leib, seltener die Seele im Blick haben. Im Nachtdienst erzählt er von Einsätzen als junger Notfallmediziner bei Schützenfesten, von Erbrochenem, Alkohol, Blut und Tränen. Das Verständnis über sein Unverständnis wächst.

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