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Kolumne „Nine to five“ : Berufsbild Kontrolletti

Ihm entgeht nichts: der Kontrolletti Bild: Picture-Alliance

Gerade liegt ein neuer „Zweitjob“ im Trend: Der Kontrolletti. Wer ihn in Aktion erleben will, der suche Geldautomaten, Geschäfte, Parks und Parkplätze auf.

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          Wir müssen beruflich krisentauglich und flexibel sein. Viele Arbeitsplätze werde es nach Corona nicht mehr geben, unken Zukunftsforscher. Da wäre ein Zweitberuf nicht schlecht. Hoch oben im Ranking beliebter Nebenjobs thront derzeit der Kontrolletti. Große Vorbildung scheint dafür nicht vonnöten zu sein. Aber eine Reihe von Eigenschaften sind erfolgversprechend: eine Neigung zu oberlehrerhafter Besserwisserei, der Hang, vorzupreschen ohne Affektkontrolle, die Liebe zum öffentlichen Anprangern, gepaart mit der Schadenfreude, andere zu beschämen, das Selbstbild, immer auf der richtigen Seite zu stehen.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Wer diese engagierten Zweitberufler in Aktion erleben will, der suche Geldautomaten, Geschäfte und Parks und Parkplätze auf. An diesen Orten blüht der Kontrolletti auf. Seinem unruhig kreisenden Blick entgeht nichts: Wehe dem, der dort keinen Abstand hält. Mental ist der Denunziant mit dem Zollstock unterwegs, am liebsten würde er mit Drohnen sein Umfeld überwachen. Wer rückt zu nah auf, wer wagt es, im Laden keine Maske zu tragen, wer trägt diese nicht korrekt? „Weg da, Sie kommen mir zu nah!“ Da wird zurechtgewiesen, was das Zeug hält. Ohne Scham würden sich solche Eiferer mit Säcken voller Hühnermist bewaffnen, um sich abzugrenzen. In ihren Erstberufen lässt sich laut unserer – zugegebenermaßen völlig subjektiven – Beobachtung keine Linie erkennen. Eher im Gegenteil, vom Architekten, der sich so gerne als Freigeist bezeichnet, über die pensionierte Verwaltungswissenschaftlerin bis zum Heilpädagogen lässt sich kein Muster erkennen. Sie alle gerieren sich als Corona-Krieger, weisen zurecht, kanzeln ab, spionieren nach, wer mit wem wohnt, weggeht, zurückkehrt.

          Der regelstrenge Jurist von nebenan mit millimetergenau getrimmter Koniferenhecke gewinnt zu unserem Erstaunen der Blockwart-Zweitkarriere nichts ab, grüßt und lässt die anderen leben. Er sitzt allerdings im Glashaus: Soooo viele Menschen zum Grillen einzuladen, wenn auch weit auseinander plaziert, ist derzeit nicht erlaubt. Wortfetzen wehen herüber. Regeltreue hört sich anders an. Streng genommen ein Fall fürs Ordnungsamt. Aber wo ein Richter, da kein Kläger.

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