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Kolumne „Nine to five“ : Beim Gehalt hört der Spaß auf

Ein Blick in die Gehaltsabrechnung der anderen kann viel verändern – nicht nur zum Guten. Bild: dpa

Einen Blick in die Gehaltsabrechnungen von Kollegen werfen – das würde doch jeder gern! Aber ist das wirklich so eine gute Idee?

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          Das Team versteht sich gut. Man kennt sich, seine Stärken und Schwächen und die der anderen. Doch seit jenem denkwürdigen Tag ist es vorbei mit der Harmonie in der Abteilung. G. hatte sich eilig verabschiedet, ohne seine Papiere vom Kopierer zu pflücken. N., der Hilfsbereite, trug sie ihm ins Büro, schusselig entglitten ihm die Blätter. Beim Zusammenklauben gehen N. die Augen über – hat er doch G.s Gehaltsabrechnung in der Hand.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Was er da liest, gereicht ihm nicht zur Freude. Fassungslos erblickt er, was der altgediente Kollege, der sich neuerdings so früh in den Feierabend verabschiedet, Monat für Monat überwiesen bekommt. Und bitte schön wofür? N. ist randvoll mit Missgunst. Sein Wutcocktail schäumt über: Aus dem geschätzten Kollegen wird innerhalb weniger Minuten ein Low-Performer, ein Nichtstuer, Nichtskönner, ein schnarchnasiger Schmarotzer.

          N. perfektioniert sich in der Rache des kleinen, schlechter bezahlten Mannes. Übernahm er vorher klaglos Dienste von G., stellt er sich nun stur. Winkte er vor dem Gehalts-GAU G.s Konzepte durch, erweist er sich nun als Korinthenkacker. Zu wissen, was der Kerl verdient, vergiftet das Klima. G. wundert sich über die Attacken und versteht seine Arbeitswelt nicht mehr.

          Peinlich berührt, nicht neiderfüllt

          Bis zu jenem Tag, an dem N. final seine Beherrschung verliert und enthemmt pöbelt: „Von einem, der seine 5000 netto jeden Monat einsackt, kann man wohl etwas anderes erwarten!“ So, jetzt ist es raus! Totenstille in der Teamrunde. Hinter den Stirnen der anderen rattert es. G. verlässt kopfschüttelnd den Raum. Die anderen blicken entgeistert auf N., peinlich berührt, aber nicht neiderfüllt. Einer klärt N. auf: G. betreut mittlerweile zwei demente Verwandte, der eine lässt nachts den Herd glühen, die andere hat Weglauftendenzen, von Inkontinenz und Rollatorverweigerung gar nicht zu reden. Nix da Yachtträume.

          G. hat sich nach durchwachten Nächten, von denen er einige auf Polizeiwachen und in Notfallambulanzen verbracht hat, Hilfe eingekauft. So ein Pflegedienst verschlingt Unsummen. Wenn er das Gehalt nicht hätte, wäre er arm dran. Auch so bleibt wenig übrig. N. verharrt stecknadelstill. Das Gehaltsthema spricht er nicht wieder an.

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