https://www.faz.net/-gyl-8ymwc

Kolumne „Nine to five“ : Mal schön unachtsam sein

Eine Rosine ganz langsam? Nein. Zur Abwechslung mal eine ganze Hand voll auf Ex! Bild: Frank Röth

Die Achtsamkeit hat eine geradezu kometenhafte Karriere hingelegt. Natürlich ist da auch was dran, achtsam mit sich und anderen umzugehen. Wären da nur nicht die Rosinen-Kau-Übung und das ganze sonstige Wortgeklingel!

          1 Min.

          Um in der Flut der Neuerscheinungen zu bestehen, braucht es Marketing-, Marketang-, Marketong-Gags und Gadgets. Auch die berufliche Erbauungsliteratur lebt von immer neuen Themen, die sich aber dummerweise im solide vor sich hin plätschernden Arbeitsalltag nicht so einfach rekrutieren lassen. So müssen steile Thesen, Wortgeklingel und ein Keynote-Autor her. Eine Lieblingsvokabel, die neben dem Stichwort Resilienz eine kometenhafte Karriere hingelegt hat, ist das Wort von der Achtsamkeit.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Natürlich ist da etwas dran, achtsam mit sich, der Gesundheit, den Kollegen und Aufgaben umzugehen – wer kann ernsthaft etwas dagegen haben? Über eine anständige Haltung können sich theoretisch alle verständigen. Das wiederum klingt nicht aufregend, sondern nach Allgemeinplatz. So muss diese Achtsamkeit künstlich aufgepumpt werden.

          Alte Thesen in neuen Schläuchen, das lukrative Verfahren illustriert zum Beispiel die Rosinen-Kau-Übung. Zur Erinnerung: Da sollen Seminarteilnehmer minutenlang eine getrocknete Weintraube betrachten, einspeicheln, kauen und so das Bewusstsein für die Dinge zu erweitern, denn das Gute liegt im Einfachen, in der Reduktion auf das Wesentliche. Ein sensationeller Marketingcoup.

          Auch aus der Kunst des Lächelns ließe sich ein Portfolio erstellen

          Keine Publikation, die den Achtsamkeitshype ignoriert. Die Illustrierte referiert zehn Übungen für Berufstätige. Lieblingslektion ist die Nummer zwei: „Das Nass erleben. Beim Duschen volle Konzentration auf das Hier und Jetzt. Fühlen, wie das warme Wasser von der Haut abperlt.“ Klingt wie ein Spot nach dem Sport oder vergeigtem Artzroman. Sie wissen schon, die Passage, wo die grazile Assistenzärztin dem einsamen Oberarzt in die muskulösen Arme sinkt. Der Bericht ist übrigens eingebettet in Werbung für Hygienevorlagen.

          Manche gutgemeinten Ratschläge sind so penetrant-trivial, dass man am liebsten gleich ins Gegenteil verfallen möchte, unachtsam sein, zu schlampen, sich renitent und schmatzend eine Handvoll Rosinen auf Ex einverleiben, am liebsten vor düpierten Seminarteilnehmern, die viel Geld für wenig Erkenntnis berappt haben und die Rosinenbombenstimmung gar nicht komisch finden. Uns aber entspannt und erheitert dieses Anarchoverhalten ganz ungemein.

          Apropos: Die Kunst des Lächelns – dazu ließe sich doch auch mal ein Portfolio erstellen. Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag, heute schon gelacht und so dröge und so fort. Das ließe sich locker lukrativ bis zum Lach-Yoga deklinieren. Wetten?!

          Weitere Themen

          Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Studie : Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Die Gehälter der Chefs der 30 größten Konzerne in Deutschland sind im vergangenen Jahr um 2 Prozent gesunken. Das betrifft allerdings nur die gewährten und nicht die ausgezahlten Gehälter.

          Fast niemand will mehr Manager werden

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Topmeldungen

          Gergely Karacsony am Sonntag nach seinem Wahlsieg in Budapest

          Kommunalwahlen in Ungarn : Die Hauptstadt wendet sich gegen Orbán

          Die Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten erleidet empfindliche Niederlagen in Budapest und anderen wichtigen Städten. Das hat mit Skandalen und Korruptionsvorwürfen zu tun, aber auch mit einer Kooperationsstrategie der Opposition von links bis ganz rechts.
          Der amtierende indische Ministerpräsident Narendra Modi

          Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

          Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.