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Reformaktionismus : Warum Schule nicht gelingt

  • -Aktualisiert am

Schüler im Innenhof des Bischöflichen Gymnasiums Josephinum in Hildesheim Bild: dpa

Es fehlt an konsensfähigen Konzepten zwischen Studium, schulischer Praxis und Fort- und Weiterbildung. Statt auf Verständigung und Motivation zu setzen, werden niedersächsische Gymnasien mit Zielvorgaben überschüttet. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Die niedersächsischen Gymnasien waren in den vergangenen 16 Jahren von einer Vielzahl von Veränderungen betroffen: Abschaffung der Orientierungsstufe, Umstellung auf Zentralabitur, Einführung von Schulautonomie, Aufbau eines Ganztagsangebots, Umsetzung der Inklusion und Integration von Flüchtlingskindern. Hinzu kommt als dauerhafte Großbaustelle die Umstellung auf G8 und der unmittelbar danach verordnete Rückbau zu G9. Hinzu kommt die digitale Transformation. Sie wird schulische Logistik und Unterrichtsgestaltung tiefgreifend verändern.

          Veränderung also fand und findet fortwährend statt, und immer mit dem Ziel, Unterricht so lernwirksam wie möglich zu gestalten. Dabei wurde Schule meist als Gesamtgefüge betrachtet, das dem Zusammenspiel von fachlichem und sozialem Lernen den nötigen Raum bieten sollte. Ein vernünftiger Ansatz. Und doch erlebten Akteure und Schulöffentlichkeit diese Veränderungsphasen nicht als beständige Verbesserung, oft wurden sie nur zögernd in Angriff genommen, mitunter ignoriert. Das hat mit der Art ihrer Entstehung und vor allem ihrer Umsetzung zu tun. Alle genannten Reformen wurden politisch initiiert und top-down verfügt, sehr selten durch intrinsische Motivation gestützt. Erfolgreiche Veränderung allerdings – so lehrt es die Organisationspsychologie – gelingt nur, wenn man die beteiligten Personen einbezieht.

          Wo professionelle Führung fehlt

          Menschen nämlich verändern ihr Verhalten in der Regel nur, wenn sie sich etwas davon versprechen: weniger Belastung, mehr Wirksamkeit, tiefere Sinngebung des eigenen Tuns. In der Schule aber haben wir es oft mit zu komplexen Konzepten zu tun, deren Sinnhaftigkeit sich nicht von selbst erschließt. Professionelle Führung würde hier großen Wert auf vorausgehende Zielverständigung legen und dafür auch ausreichend Zeit einräumen. Sie aber fehlt in aller Regel im Maßnahmenmanagement der Bundesländer, wie die desaströse Fehlplanung sowohl bei der Schulzeitverkürzung als auch bei ihrer Aufhebung alle Beteiligten hat spüren lassen.

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          Ein zielführenderes Management könnte die Kultusadministration in ihren eigenen Schulen lernen, indem sie sich an Grundsätzen lernwirksamen Unterrichts orientierte: Es beginnt damit, dass man Ziele plausibel begründet und Einvernehmen über sie erzielt (Didaktik). Zugleich wären sie in ihrer Reichweite und Ausprägung an die Möglichkeiten der Klientel anzupassen (didaktische Reduzierung). Sodann ist ein Erfolg versprechender Weg zu finden, der verlässlich zu diesen Zielen führt (Methodik). Klug wäre es, wenn in möglichst kurzer Zeit erste positive Ergebnisse als Bestätigung und Ermutigung wirkten.

          Aus Sicht eines Schulleiters, der täglich in dieser Weise agieren muss, wenn er wirklich Veränderung will, drängt sich eine solche Parallele zwischen schulischen Institutionen und Lerngruppen geradezu auf. Eine notwendige Bedingung für gelingende Entwicklung wäre ein solcher Blickwechsel, aber leider noch keine hinreichende. Denn selbst wenn Veränderung in diesem Sinne smart organisiert wird, bleibt der Vermittlungsprozess schwierig. Zu unterschiedlich ist oft das jeweilige pädagogische Credo der Akteure, ungeklärt die fundamentale Frage nach dem Wert von Heterogenität, ungeklärt die Frage, wie intentional Unterricht zu sein hat und wie viel Laisser-faire er verträgt. Es fehlt an konsensfähigen Unterrichtskonzepten zwischen Studium, schulischer Praxis, Fort- und Weiterbildung. Ausbilder im Referendariat, Fachberater, Schulleiter, Fachmoderatoren – sie alle sprechen nicht dieselbe didaktische Sprache.

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