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New Work : Schöne neue Arbeitswelt?

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Hensen hat den einjährigen Wandlungsprozess bei Traumferienwohnung zusammen mit Kollegen begleitet. Heute gibt es Sitzsäcke, Hängematten und bunte Sessel, gearbeitet wird überall. Dank Laptops sind die Arbeitsplätze flexibel. Es gibt Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten und Konferenzräume für den Austausch. Deutlich aufwendiger war aber der eigentliche Kulturwandel. So mussten sich die Teams selbst über Urlaubsregelungen, passende Kommunikationstools oder Arbeitsformen abstimmen. Am Anfang gab es zum Beispiel sehr viele Mitarbeiter, die im Homeoffice arbeiteten. Viele kehrten nach wenigen Wochen zurück ins Büro, andere fanden darin einen besseren Weg zu arbeiten. Gleichzeitig mussten neue Wege für die Kommunikation und das gemeinsame Arbeiten gefunden werden. Zum Beispiel führten die Teams den Instant-Messaging-Dienst Slack ein, um die Zahl der internen Mails zu reduzieren und die digitale Kommunikation zu verbessern. Um gemeinsam und ortsunabhängig an Dokumenten arbeiten zu können, nutzen sie heute Cloud-Dienste. In Meetings schalten sich Mitarbeiter im Homeoffice per Videochat zu. Hensen spricht von einer schwierigen, aber sehr produktiven Reise, auch wenn diese nicht alle Mitarbeiter mitmachen wollten. Manche konnten sich mit der neuen Verantwortung nicht anfreunden, andere waren nicht bereit, die Aussicht auf eine Führungsposition aufzugeben.

Die Küche von Traum­ferienwohnungen: Bei gediegener Atmosphäre können die Mitarbeiter ihre Mittagspause genießen.

Zum Glück blieben die allermeisten dabei. Eine von ihnen ist Laura Löftering. 2012 stieg sie bei Traumferienwohnung ein und baute damals die Vertriebsabteilung auf. Vor der Umstrukturierung war sie sogar Teamleiterin. „Ich habe mich nie als klassische Führungskraft gesehen, die auf Hierarchien besteht. Schon früher wurde in meiner Abteilung viel im Team entschieden“, erzählt die studierte Tourismusmanagerin. Ihre Arbeit im Vertrieb gab sie auf. Inzwischen kümmert sie sich um das Thema Zusammenarbeit und ist eine wichtige Ansprechpartnerin für die Teams bei Gehaltsverhandlungen oder Konflikten. Nicht nur die neuen Aufgaben reizen sie. „Ich genieße die freiere Art des Arbeitens. Ich habe keinen klassischen Alltag, sondern kann mir meine Projekte und Zeiten viel stärker selbst einteilen und suchen“, berichtet sie. Im Homeoffice arbeitet Löftering dabei eher selten, der direkte Austausch mit den Kollegen und der „Trubel“ im Büro sind ihr lieber. Sie nutzt ihre Freiheiten anders – zum Beispiel für ausgedehnte Reisen rund um die Welt. Erst im vergangenen Jahr war sie drei Monate mit dem Rucksack unterwegs. „Ich habe dafür in vielen Projekten vorgearbeitet. New Work hat schließlich wenig mit ‚Hippietum‘ zu tun. Auch bei uns zählen die Leistung und Verkaufszahlen. Man hat aber mehr Freiheit, die gesteckten Ziele zu erfüllen“, sagt sie.

Stress durch Dauererreichbarkeit

Genau dieses Spannungsfeld zwischen Freiheit und Leistung kann durchaus zu Problemen führen – vor allem dann, wenn New-Work-Ideen auf alte Werte der Arbeitswelt treffen. Jahrzehntelang standen die Mitarbeiter ihren Firmen zu festen Zeiten zur Verfügung. Ihr Privatleben ordneten sie der Arbeit unter. Diese Ansprüche übertragen sich in vielen Firmen auch auf die digitale Verfügbarkeit. Plötzlich wurde es Konsens, spätabends noch einmal Mails zu checken und am Wochenende von zu Hause aus an einem Projekt zu arbeiten. Vor den Folgen warnen Gewerkschaften und Krankenkassen. Die Zahl der psychischen Erkrankungen und stressbedingten Arbeitsausfälle ist deutlich gestiegen. „Wir haben uns zwar von Anwesenheitspflichten und 9-to-5-Strukturen befreit, sind aber zunehmend durch die ständige Erreichbarkeit und digitale Dauer-Kommunikation gestresst“, schreibt auch Albers in seinem neuen Buch „Digitale Erschöpfung“. Ein weiteres Problem sieht er in der Gestaltung von Arbeit. Der moderne Wissensarbeiter verbringt 75 Prozent seiner Arbeitszeit mit Kommunikation und Meetings, da bleiben nur 25 Prozent für die konzentrierte Arbeit. Diese Verteilung hemmt die Produktivität und sorgt zusätzlich für Stress. Einen Grund, an dem Wandel der Arbeitswelt zu zweifeln, sieht der New-Work-Experte trotzdem nicht. „Mit den digitalen Technologien entstehen immer neue Möglichkeiten. Mit diesen umzugehen müssen wir erst einmal lernen“, sagt er. Zu diesem Lernprozess gehörten eben nicht nur die Entdeckung neuer Formen der Zusammenarbeit oder der Umgang mit Künstlicher Intelligenz, sondern auch das Ziehen von Grenzen und das richtige Maß an Kommunikation.

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