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Neues von den Germanen (4) : Es fehlen die guten, starken Geschichtsbilder

Das ursprünglich von J. Magnus Petersen 1863 produzierte Bild eines germanischen Kriegers erfuhr über die Industrialisierung des Druckereiwesens eine massenhafte Verbreitung. Das Bild selbst wurde überarbeitet und spiegelt fachlich die unterschiedlichen Rekonstruktionsversuche wieder. Dabei strebt die Detailversessenheit der abgebildeten archäologischen Funde aus dem Thorsberger Moor wissenschaftliche Genauigkeit an. Bild: Überarbeitete handkolorierte Radierung des Runologen G. Stephens und digital verändertes Detail an d

In Schleswig-Holstein gibt es viele Spuren der Germanen. Doch was die Nachwelt am meisten interessiert, verschweigen sie oft. Was folgt daraus für Denkmäler und Museen? Gespräch mit dem Archäologen Ulf Ickerodt.

          10 Min.

          Hätte man nur die archäologischen Ausgrabungen Schleswig-Holsteins zur Verfügung, was könnte man sicher von den Germanen sagen, wie würden Sie den Begriff überhaupt fassen?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Ulf Ickerodt: Der Begriff der „Germanen“ stammt ja aus der historischen Überlieferung von Tacitus. Die Antwort würde ich aus einer forschungsgeschichtlichen Perspektive heraus geben. Man hat auf der einen Seite das Bild der Germanen von Tacitus, der aber nie in Nordeuropa war. Was Schleswig-Holstein auf der anderen Seite als Archäologie-Standort so besonders macht, ist die Feuchtbodenerhaltung. Diese besonderen Bedingungen ermöglichen je nach Standortqualität den Erhalt von organischen und anorganischen Materialien. Andere Länder benötigten völkerkundliche Informationen, um Überlieferungslücken zu schließen, wir haben Fundplätze wie das Thorsberger Moor, ein germanisches Opfermoor aus der römischen Kaiserzeit, wo wir die besondere materielle Kultur in Form von Kleidung, Waffen und Holzgegenständen nachvollziehen können, einschließlich des pflanzlichen und tierischen Spektrums, das verwertet wurde. Zudem haben wir die Landschaftsgeschichte. Wir können sicher sagen, welche Tiere sie besessen, welche Pflanzen sie genutzt haben, wir können die räumlichen Veränderungen, die sie vollzogen haben, sehen.

          Das heißt, wir können ein sehr buntes Bild der damaligen Zeit wissenschaftlich erarbeiten. Wir verstehen die Germanen dabei wie auch alle anderen Gesellschaften und Kulturen aber nur als einen Teil der Landesgeschichte, als Teil eines Prozesses, der ins Heute führt.

          Stimmen Ihre Funde mit dem gängigen Bild der Germanen überein oder widerlegen sie verbreitete Mythen?

          Ulf Ickerodt

          Meine Antwort würde ich gerne in eine bestimmte Relation setzen: Stellen Sie sich vor, wir fahren an einem Tag X nach Hamburg an einen bestimmten Ort, um eine Dokumentation zu machen von dem, was wir dort sehen. Wir würden Vergleichbares in Bremen, Lübeck, Kiel und Flensburg machen. Anschließend würde ich Sie bitten, daraus die Geschichte des 21. Jahrhunderts zu schreiben. Der Ausschnitt wäre natürlich zu selektiv. Man kann die Geschichte des Menschen in Schleswig-Holstein als großes Entwicklungskontinuum fassen, aber man wird, auch wenn man bestimmte Einzelakteure hat, keine Personengeschichte schreiben können, weil die Überlieferungsbedingungen uns immer wieder unsere Wissensgrenzen aufzeigen und vieles einfach nicht verallgemeinert werden kann.

          Ein anderes Beispiel: Wir arbeiten, was die Slawenforschung angeht, mit Reenactorn zusammen – ein englischer Begriff, der sich durchgesetzt hat für Menschen, die geschichtliche Ereignisse nachspielen oder nachleben. Einmal bin ich zu der nachgespielten Schlacht von Suentana eingeladen worden, die, soviel ich weiß, nur durch wenige Zeilen kolportiert ist. Niemand weiß, wo genau sie stattgefunden hat und was genau passiert ist. Diese Reenactor stecken in solche Nachstellungen unglaublich viel Arbeit. Es geht so weit, dass Stoffe nachgewebt werden. Als einer von ihnen dann im Gespräch zu mir sagte, das sei alles „echt“, antwortete ich: Das ist schwierig, weil sie einerseits eine bestimmte Person abbilden wollen, andererseits aber, um die Kleidung nachzustellen, die Archäologie des gesamten slawischen frühmittelalterlichen Raums einfließen lassen. Ich habe versucht, deutlich zu machen, dass Reenactment in gewisser Weise authentisch sein kann – ein Slawe dieser Zeit hätte einen anderen und wohl auch diesen Reenacator erkannt. Das Ergebnis kann aber nicht echt sein, da die Echtheit als archäologisches Kriterium von Wissenschaftlichkeit immer direkt mit dem historischen Entstehungszeitpunkt oder -raum verbunden ist. Es bleibt nachgespielt.

          Im Bereich des ErlebnisWaldes Trappenkamp wird seit einigen Jahren die Schlacht bei Suentana nachgespielt. Bei dieser wohl größten Reenactment-Schlacht in Schleswig-Holstein sind mehr als 300 Reiter, Bogenschützen und Schwertkämpfer beteiligt.

          Welche sind die Beweggründe von Reenactors?

          Zunächst einmal hat das einfühlende Verstehen eine lange Tradition, die im deutschen Sprachraum nicht zuletzt mit Johann Joachim Winckelmann verbunden ist. Daneben hat dieses Phänomen nach meinem Verständnis mit Moderne und der diese konstituierenden Prozesse zu tun. Reenactment ist daher nichts Neues. In ähnlicher Form gab es das schon früher. Was die Sache heute so besonders macht: Der damit verbundene Exotismus bietet Menschen in industrialisierten Massengesellschaften die Möglichkeit einer kulturellen Auszeit oder Alternative. Es eröffnet sich ein Raum vom Kurzurlaub ins Museum bis zur praktischen Teilhabe an Wissenschaft in Form der Experimentalarchäologie. Ich kann mir als Reenactor, obwohl ich nicht in Forschung involviert bin, Forschungsinhalte aneignen. Dabei handelt es sich eigentlich um arbeitspraktische Themen wie Nachweben oder Nachschmieden. Der praktische Erfolg, eine alte Kulturtechnik verstanden zu haben stellt einen großen Ansporn dar. Dieses einfühlende Verstehen kann aber auch auf vor- und frühgeschichtliche Glaubens- und Religionsformen ausgedehnt werden und kann dann sicherlich keine historische Realität widerspiegeln.

          Ist Reenactment auch eine Chance für die Wissenschaft und ihre Ausbreitung – auch wenn man, wie Sie schildern, manchmal der Spielverderber sein muss?

          Auf jeden Fall. Reenactment beruht auf, ich gebe zu, dass der Begriff sehr sperrig ist, dependenzrelationalen Kausalzusammenhängen und meint Funktionsanalogien. Auf einer arbeitspraktischen Ebene kann ich herausfinden, wie bestimmte Dinge hergestellt wurden oder funktionieren. Der Erkenntnisgewinn hört eben nur irgendwann auf, dann, wenn es um komplexere Themen wie „Politik“, „Gesellschaft“ oder „Religion“ geht.

          Archäologische Nachuntersuchung im Thorsberger Moor

          Lassen wir mal außen vor, dass in Schleswig-Holstein sowohl Germanen als auch Slawen lebten, später auch Wikinger, was eine Unterscheidung bei archäologischen Funden sicher nicht leicht macht. Aber welche Form von Aussagen kann man aus wissenschaftlicher Sicht über die Germanen machen?

          Das Problem, auf das Sie anspielen, hat der italienische Historiker Carlo Ginzburg einmal gut zusammengefasst. Die archäologische Forschung steht vor dem Dilemma, dass viele Inhalte, die eine hohe Resonanz erfahren, wissenschaftlich eigentlich nicht abzusichern sind. Begibt sie sich in strikt wissenschaftlich abgesicherte Bereiche, erhält sie lediglich Ergebnisse, die für die breite Öffentlichkeit von nur geringem Interesse sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass Archäologen nichts über bestimmte Zeiten oder Gruppen sagen können. Die Bilder sind, wenn alle stilistischen Elemente und Vermittlungsstrategien gestrichen werden, nur einfach nicht so bunt.

          Was würden Sie jemandem, der sich über die Germanen informieren möchte, raten, sich in Schleswig-Holstein anzuschauen?

          Die Antwort muss hier jeweils das Vorwissen und das Interesse berücksichtigen. Sicherlich stellen unsere Denkmäler und Fundstellen gute Geschichtsquellen dar. Sie sind aber nicht selbsterklärend. Manche, wie das in Süderbrarup gelegenen Thorsberger Moor sind gut zugänglich und über Tafeln gut erklärt. Sie können bei einem schönen Spaziergang erschlossen werden. Ansonsten ist das Landesmuseum in Schleswig der zentrale Ort. Dort werden die wichtigsten Funde des Landes gezeigt. Die Germanen sind dabei nicht so leicht einzuordnen, da der Begriff eigentlich ein Abstraktum ist, das sich heute auf die Menschen der vorrömischen Kaiserzeit, der Kaiserzeit und der Zeit der Völkerwanderung bezieht – und nicht etwa auf eine geschlossene ethnische Einheit. Aber die Funde aus dem Thorsberger Moor passen in diese Zeit, sie haben die Germanenrezeption im 19. Jahrhundert stark beflügelt und finden noch heute öffentliches Interesse.

          Nordgermane, ausgestattet mit Funden aus dem Thorsberger Moor – Farblithographie von Friedrich Hottenroth (1840-1917)

          Haben Sie persönlich nach jahrelanger Beschäftigung eigentlich ein klares Bild von den Germanen?

          Eigentlich nicht, ich habe aber ein klares Bild, wie man sich den Germanen annähern sollte. Diese Annäherung kann nur, wie man heute sagt, in einem transdisziplinären Forschungsfelds beantwortet werden. Wir haben archäologische Quellen – wie bewegliche und unbewegliche Denkmale –, Befunde und Funde die die Entwicklung seit der vorrömischen Eisenzeit über die Kaiserzeit bis in die Völkerwanderungszeit abbilden. Wir haben Geschichtsquellen – die Geschichtswissenschaften, die Alte Geschichte –, wir haben die heutige Ethnologie, mit der man über Analogien viel verstehen kann. Und wir haben die Sprachwissenschaft, die Philologien, die Numismatik, die Münzkunde. Wir haben aber auch viele direkte, indirekte und miteinander verquickte Geschichtsbilder, die, glaube ich, ein sehr konkretes Germanenbild herstellen können.

          Kürzlich habe ich die Kaiserburg in Nürnberg besucht. Die Führung war sehr klug, aber stark dekonstruktivistisch. Zum Schluss sah man vor lauter Relativierungen den Wald nicht mehr. Man musste sich fragen: Was kann ich jetzt eigentlich davon mitnehmen?

          Das ist genau der Spagat, um den es geht. Um ein wissenschaftliches Bild zu bekommen, mache ich Quellenkritik und versuche zu verstehen: Was kann ich wirklich sagen, was ist wirklich abgesichert? Das führt dann letztlich zur Dekonstruktion und zu einem methodologischen Dilemma. Denn auf der anderen Seite hat das Fehlen von guten, starken Geschichtsbildern, die man wegen der Erfahrung im Dritten Reich eigentlich nicht will, zur Folge, dass die Leute sich ihre eigenen Bilder malen, mit allen Stärken und Schwächen, mit allen richtigen Inhalten und allen Fehlern.

          Besucher stehen an der Waldemarmauer des Grenzwalls Danewerk.

          Obwohl es so viele Unsicherheiten gibt, sind Sie als Landesarchäologe damit konfrontiert, dass Menschen, die sich Fundstellen, Denkmäler, Museen anschauen, diese als echt oder seriös nachgestellt ansehen und sogar eine bestimmte Identitätsstiftung daraus ziehen. Und sie haben natürlich auch das Recht dazu. Auf der anderen Seite sind viele solcher Erinnerungsorte – bestes Beispiel ist das Freilichtmuseum im niedersächsischen Oerlinghausen – in der der NS-Zeit mitgeprägt worden.

          Ich würde sogar noch weiter gehen. Ich zitiere George Orwell aus seinem Buch „1984“, der sinngemäß sagt: „Abgeschnitten von der Berührung mit (…) der Vergangenheit, gleicht der Bürger (…) einem Menschen im interplanetarischen Raum, der keinen Anhaltspunkt hat, in welcher Richtung oben und unten ist.“ Wir haben deswegen aus der Perspektive einer archäologischen Denkmalpflege, die Geschichtsquellen in Form von unbeweglichen und beweglichen Denkmalen erhalten will, den Ansatz des Regiobrandings zusammen mit der Leibniz Universität Hannover entwickelt. Auf Basis einer Kulturlandschaftswandelkarte arbeiten wir dabei historische Entwicklungen in einem Untersuchungsraum wissenschaftlich nachvollziehbar auf. Dieses Werkzeug nutzen wir dann vor Ort, zum Beispiel in Glückstadt, Kiel, Meldorf oder in den Steinburger Elbmarschen, um die Besucher zu fragen: Welche Geschichte sollen wir erzählen? Ihr habt ganz viele Facetten, zwischen denen ihr wählen könnt. Und ihr habt diese und diese konkreten Denkmale und Kulturlandschaftselemente, die diese Geschichte belegen.

          Der in Itzehoe ausgegrabene bronzezeitliche Grabhügel wurde in der Folgezeit überhügelt, um den optischen Eindruck eines die schleswig-holsteinische Landschaft prägenden bronzezeitlichen Grabhügels zu erzeugen.

          Ich nehme mal als besonders dankbares Beispiel Schleswig-Busdorf, wo mit dem Wikinger-Museum Haithabu das Frühmittelalter vertreten ist. 1066 wird Haithabu zerstört und die Leute siedeln auf die andere Schlei-Seite über, das heutige Schleswig entsteht. Das hat nicht nur Bedeutung für die regionale Identität, es hat auch Bedeutung bis hin zur Wirtschaftsförderung, bis hin zum Tourismus, der für ein Land wie Schleswig-Holstein besonders wichtig ist. Mit der Kulturlandschaftswandelkarte geben wir den Besuchern die Möglichkeit, sich selbst eine Meinung auf Grundlage der historischen Fakten zu bilden. Das kann ein sehr fruchtbarer Prozess sein.

          Wenn die Besucher zur Weltkulturerbe-Stätte Haithabu kommen, denken sie zunächst, das sei eine tolle Landschaft aus der Wikingerzeit. Aber den heutigen Baumbestand etwa gab es in dieser Form früher nicht. Und er ist nur da, weil es sich um ein Landschaftsschutz- und Denkmalschutzgebiet handelt, das über extensive Wirtschaftsformen erhalten wird. Und die Wallkörper von Haithabu sind zuletzt in der dänischen Zeit, zwischen 1848 und 1864, überhöht worden. Das heißt: Sie sehen eigentlich gar nicht die Wikingerzeit. Und dann verwechseln die Besucher auch noch die Wikingerhäuser mit dem Bodendenkmal „Haithabu“, das wie auch die etwa ab dem 5. Jahrhundert sich ausbildende Grenze Danewerk den Welterbestatus als archäologisches Denkmal erhalten hat. Die Häuser selber sind dabei nicht frühmittelalterlich, sie sind aber das Produkt einer wissenschaftlichen Erforschung und geben als Rekonstruktionen dem Betrachter ein Bild, wie es ausgesehen haben könnte.

          Haben Sie bei manchen Denkmälern nicht ein Bauchgrimmen, weil eine angemessene Vermittlung nicht vorliegt? So viel wie Sie aus wissenschaftlicher Sicht einschränken müssten, können Sie wahrscheinlich gar nicht leisten.

          Das wäre arbeitspraktisch eine Mammutaufgabe. Wir haben gegenwärtig über 60.000 Fundstellen erfasst und davon etwa 9 Prozent als Denkmale ausgewiesen. Wir sind aber auch eines der kleinsten Ämter in Deutschland. Daher konzentrieren wir uns auf die Förderung lokaler Aneignungstrategien. Über Süderbrarup haben wir schon gesprochen, und das Thorsberger Moor zum Beispiel ist der historische Aufhänger für die heute inzwischen regelhaft stattfindenden Thorsberg-Festspiele. Wichtig ist das Wir-Gefühl, das wir erzeugen. Und das erscheint mir heute vor dem Hintergrund eines großen Gesellschaftswandels, in dem wir uns befinden, besonders grundlegend. Das ist eine wichtige Aufgabe in einem zusammenwachsenden Europa. Nationalstaaten verlieren ihre Bindung, aber wir brauchen das Wir-Gefühl. 

          Welche Vereinfachung darf man sich erlauben, um dieses Wir-Gefühl anzusprechen?

          Damit kommen wir wieder zu dem ethisch-verantwortungsvollen wissenschaftlichen Umgang und der denkmalpflegerischen Herausforderung der Pluralisierung von Geschichtsbildern. Sind „wir“ „Germanen“? Sind wir überhaupt „wir Germanen“? Das Bild des Germanen entsteht ja durch eine falsch verstandene Abstammungslehre Darwins, in deren Folge plötzlich historische Kontinuität mit rassischer, ethnischer Kontinuität gleichgesetzt wird. Die determinierende Wirkung der Vergangenheit wurde überstrapaziert, um sich innerhalb der entstehenden Nationalstaaten abzugrenzen und mündete schließlich auch in Deutschland in den Sozialdarwinismus, das Rassedenken und die Eugenik. 

          Das ist die ethische Herausforderung, vor der wir Archäologen stehen: Wie können wir monokausale Erklärungen, einfache Lösungen, so aufbereiten, dass sie nicht genutzt werden, um Abgrenzungsprozesse auszulösen. Mit dem genannten Danewerk zum Beispiel haben wir ein Denkmal an der Grenze, an dem seit dem 5. Jahrhundert gebaut wird, da sind wir noch in der Völkerwanderungszeit, in der man noch Germanen verortet. Und das Ganze wird dann im Grunde 1848 und 1945 wieder als Grenze überformt. Heute ist es ein gemeinsames, deutsch-dänisches Denkmal, das wir mit den dänischen Kollegen pflegen, eine alte Grenze, die überwunden wurde und die für ein Zusammenwachsen steht.

          Die Häuser des Wikingermuseums Haithabu.

          Was kann jemand, der aus Süddeutschland kommt, in Haithabu über sich lernen?

          Wenn der Besucher dorthin kommt, wird er zunächst einmal viel über den damaligen Handelsort und die Grenzlandschaft Haithabu-Danewerk lernen. Was die Besucher für sich selbst mitnehmen, ist eine schwierige Frage. Und der denkmalpflegerische Umgang mit Räumen ist auch immer schwierig.

          Wenn ich eine Führung auf dem Gebiet mache, gehe ich immer los an der Andreaskirche, das ist heute die evangelische Kirche bei Haithabu. Dort gibt es eine Ansgar-Stele, eine Stele für den „Apostel des Nordens“. Für katholische und protestantische Christen im Norden ist das der zentrale Ort, der die Christianisierung widerspiegelt, Haithabu war der Ausgangspunkt für die Nordmission. Wenn ich dann über die Schlei nach Schleswig schaue, sehe ich auf die katholische Sankt-Ansgar-Kirche. Dann kann ich thematisieren, dass mit der Reformation die Ansgar-Reliquien in den Süden gebracht wurden, erst mit der Neugründung des Bistums Hamburg im Jahr 1995 kamen die Reliquien wieder zurück in den Norden. Wir befinden uns dort also auch in einer christlich geprägten Landschaft. Es gibt aber auch eine religiöse Landschaft der NS-Zeit dort. In dem heute als Hochburg bezeichneten Bereich wollte das Reichspropagandaministerium Abteilung Nord eine Thing-Stätte aufbauen. Diese  Arbeiten haben im Boden Spuren hinterlassen, die mein Kollege Sven Kalmring nachweisen konnte. Heinrich Himmler, der im Zuge des Militärflughafenbaus in Jagel mit Haithabu in Berührung kam, unterlief diese Bestrebungen. Er sagte nach seinem Besuch, dass Haithabu für ihn das Pompeji des Nordens sei. Damit haben wir also hier auch ein Denkmal, das etwas über die Sicht des Dritten Reiches auf den sogenannten Ursprungsort der Germanen bietet.

          Die Eröffnung des Germanengrabs in Itzehoe in den dreißiger Jahren war ein Großereignis, das viel NS-Prominenz nach Itzehoe brachte. Der damaligen archäologische Nachwuchs sah diese Entwicklung allerdings mit großer Skepsis und hatte fachliche Bedenken.

          Dann gehen wir weiter, von der dänischen Überprägung durch Militärtechnologie habe ich schon gesprochen, und wir kommen zu den schön gelegenen Wikingerhäusern, von denen ebenfalls schon die Rede war. Sie gehen als Besucher dorthin und haben das Gefühl, sie befänden sich plötzlich in einer anderen Kultur, einer anderen Welt, sie sehen den Pfeilmacher, den Korbflechter. Auch wenn das alles nicht echt ist, sehen Sie aber, wenn Ihnen die Nachgstellung bewusst ist, wie Dinge entstanden sind, sie vergegenwärtigen sich Ihren eigenen Fortschritt, was Ihnen dabei hilft, eine Position in der Frage „Wer bin ich?“ zu finden und Ihren Modernismus in einer gewissen Relation zu sehen.

          Aber es ist auch klar, dass wir nach den Erfahrungen der NS-Zeit in der Folgeabschätzung von in den Medien und durch Forschung erzeugten Geschichtsbildern noch nicht wirklich sicher sind. Darum ist die Vermittlungsarbeit so wichtig, von der wir gesprochen haben, weil sie hilft, die dahinterliegenden ethischen Probleme zu erkennen. Das Sein ist nicht ein Wettbewerb, bei dem sich der Stärkste durchsetzt. Das ist eine Voraussetzung, die oft postuliert wird, die aber nicht stimmt. Es ist vielmehr so, dass der Stärkere im Kampf ums Sein, um bei der Metapher zu bleiben, nur a posteriori identifiziert werden kann. Es heißt aber nicht, dass er grundsätzlich besser war. Es geht nicht um eine starke Rasse, sondern um die Frage, warum Menschen zu einer bestimmten Zeit einer bestimmten Wirtschaftsform nachgegangen sind.

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus.

          ***

          Ulf Ickerodt leitet seit 2018 das Archäologische Landesamt in Schleswig-Holstein. Publizistisch beschäftigte er sich besonders mit den Themenbereichen des nationalen und internationalen Kulturlandschafts- und Denkmalpflegemanagements sowie mit der Geschichte der Archäologie in Schleswig-Holstein.

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