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Neues von den Germanen (4) : Es fehlen die guten, starken Geschichtsbilder

Im Bereich des ErlebnisWaldes Trappenkamp wird seit einigen Jahren die Schlacht bei Suentana nachgespielt. Bei dieser wohl größten Reenactment-Schlacht in Schleswig-Holstein sind mehr als 300 Reiter, Bogenschützen und Schwertkämpfer beteiligt.

Welche sind die Beweggründe von Reenactors?

Zunächst einmal hat das einfühlende Verstehen eine lange Tradition, die im deutschen Sprachraum nicht zuletzt mit Johann Joachim Winckelmann verbunden ist. Daneben hat dieses Phänomen nach meinem Verständnis mit Moderne und der diese konstituierenden Prozesse zu tun. Reenactment ist daher nichts Neues. In ähnlicher Form gab es das schon früher. Was die Sache heute so besonders macht: Der damit verbundene Exotismus bietet Menschen in industrialisierten Massengesellschaften die Möglichkeit einer kulturellen Auszeit oder Alternative. Es eröffnet sich ein Raum vom Kurzurlaub ins Museum bis zur praktischen Teilhabe an Wissenschaft in Form der Experimentalarchäologie. Ich kann mir als Reenactor, obwohl ich nicht in Forschung involviert bin, Forschungsinhalte aneignen. Dabei handelt es sich eigentlich um arbeitspraktische Themen wie Nachweben oder Nachschmieden. Der praktische Erfolg, eine alte Kulturtechnik verstanden zu haben stellt einen großen Ansporn dar. Dieses einfühlende Verstehen kann aber auch auf vor- und frühgeschichtliche Glaubens- und Religionsformen ausgedehnt werden und kann dann sicherlich keine historische Realität widerspiegeln.

Ist Reenactment auch eine Chance für die Wissenschaft und ihre Ausbreitung – auch wenn man, wie Sie schildern, manchmal der Spielverderber sein muss?

Auf jeden Fall. Reenactment beruht auf, ich gebe zu, dass der Begriff sehr sperrig ist, dependenzrelationalen Kausalzusammenhängen und meint Funktionsanalogien. Auf einer arbeitspraktischen Ebene kann ich herausfinden, wie bestimmte Dinge hergestellt wurden oder funktionieren. Der Erkenntnisgewinn hört eben nur irgendwann auf, dann, wenn es um komplexere Themen wie „Politik“, „Gesellschaft“ oder „Religion“ geht.

Archäologische Nachuntersuchung im Thorsberger Moor

Lassen wir mal außen vor, dass in Schleswig-Holstein sowohl Germanen als auch Slawen lebten, später auch Wikinger, was eine Unterscheidung bei archäologischen Funden sicher nicht leicht macht. Aber welche Form von Aussagen kann man aus wissenschaftlicher Sicht über die Germanen machen?

Das Problem, auf das Sie anspielen, hat der italienische Historiker Carlo Ginzburg einmal gut zusammengefasst. Die archäologische Forschung steht vor dem Dilemma, dass viele Inhalte, die eine hohe Resonanz erfahren, wissenschaftlich eigentlich nicht abzusichern sind. Begibt sie sich in strikt wissenschaftlich abgesicherte Bereiche, erhält sie lediglich Ergebnisse, die für die breite Öffentlichkeit von nur geringem Interesse sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass Archäologen nichts über bestimmte Zeiten oder Gruppen sagen können. Die Bilder sind, wenn alle stilistischen Elemente und Vermittlungsstrategien gestrichen werden, nur einfach nicht so bunt.

Was würden Sie jemandem, der sich über die Germanen informieren möchte, raten, sich in Schleswig-Holstein anzuschauen?

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