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Neues von den Germanen (3) : Was wir über Runen wissen

Älteste Darstellung des Runenalphabets: die Steinplatte von Kylwer auf Gotland Bild: Picture-Alliance

Warum legten die Germanen Grabsteine mit dem Runenalphabet bäuchlings auf Gräber? Und warum kommen einem die Buchstaben so bekannt vor? Gespräch mit dem Altskandinavisten Arnulf Krause.

          9 Min.

          Welches war der jüngste germanische Runenfund, der Sie in Erstaunen versetzt hat?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Arnulf Krause: Eine der letzten wissenschaftlichen Sensationen, die mir einfällt – der Fund liegt allerdings schon 15 Jahre zurück – war ein für Laien ganz unscheinbarer. In einem Vorort von Erfurt ist man auf eine germanische Siedlung mit einem Opferschacht gestoßen, aus der Zeit um 300 nach Christus. Dort hat man allerlei gefunden: Tierknochen, Waffenscherben und auch einen nur wenige Zentimeter großen Kamm aus einer Knochenbeinart, sehr kunstvoll geschnitzt, aber zerbrochen. Beim Zusammensetzen ist den Archäologinnen und Archäologen, unterstützt von der Runologie, aufgefallen, dass dort Schriftzeichen, Runen, eingeritzt waren. Es waren insgesamt nur vier, die man von Anfang an gut lesen konnte: „KABA“. Da wir von späteren Funden beziehungsweise durch sprachhistorische Erkenntnisse wissen, dass man in gewissen Lautkonstellationen, in diesem Fall bei folgendem „B“, auf die Nasallaute, vor allem das „M“, verzichtete, ist zu lesen: „kamba“. Der Kamm wird also als solcher benannt.

          Sonderbar.

          In Fachkreisen war der Frienstedter Kamm eine Sensation. Erstens hatte man so weit südlich noch keine Runenfunde gemacht. Die älteren stammen alle aus dem südskandinavischen Bereich, vor allem aus Dänemark. Der Fund war aber auch sprachgeschichtlich interessant. Die Form „kamba“ muss dem Westgermanischen zugeschrieben werden, die älteren bis dahin vorliegenden Inschriften waren alle nordgermanisch. Dies war also der älteste westgermanische Fund. Und schließlich kann man sich der Überlegung hingeben, warum jemand auf einen Kamm dessen Bezeichnung ritzt. An dieser Frage können sich auch Nichtwissenschaftler beteiligen. Man ist zunächst natürlich versucht, von einer kindlichen Einübung in die Zeichen zu sprechen. Doch das ist unwahrscheinlich, Runen gab es schon lange genug, und ein Kamm wäre wohl auch zu wertvoll gewesen für solche Schreibübungen. Ein anderer Erklärungsansatz wäre der magische. Durch die Runenbeschriftung sollte möglicherweise  eine bestehende magische Bedeutung hervorgehoben werden.

          Eine kleine Sensation: der Kamm von Frienstedt

          Der Frienstedter Kamm ist ein gutes Beispiel für viele Runenfunde gerade der älteren Zeit: Sie sind recht klein, sehr unspektakulär, provozieren aber eine Reihe von Fragen, die meist über Jahrzehnte hinweg heftigst diskutiert werden. Zentral ist immer wieder die Frage: Ist Runenschrift als etwas Profanes zu sehen oder ist sie sakral, magisch zu verstehen?

          Wodurch würde beim „Kamm“-Kamm die Magie genau entstehen?

          Zum einen muss man den Runenzeichen selbst eine magische Bedeutung unterstellen. Das würde bedeuten, dass die Aufschrift die Funktion des Kammes magisch unterstützt. Denn es kommt hinzu: Das Haar selbst hatte bei den Germanen wahrscheinlich eine magische Bedeutung, das wissen wir aus der späteren Überlieferung. So trugen die Merowinger langes Haar, weil dies zu ihrer Königswürde gehörte. Kämme könnten also nicht nur zur Haarpflege verwendet worden sein, ihnen kann auch eine eigene magische Bedeutung angehaftet haben.

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