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Neues von C.D. Friedrich : Vaterländisches Grab anstelle des Altars

„Ruine Oybin“, 1810, 65 mal 47 Zentimeter Bild: Privatsammlung in der Hamburger Kunsthalle

Caspar David Friedrichs „Ruine Oybin“ ist der Vorgänger seines politischsten Werks, „Huttens Grab“. Die Hamburger Kunsthalle hat es jetzt erworben. Was erzählt ein Bildvergleich über die Entwicklung des Malers?

          5 Min.

          Eine schöne Ruine kehrt zurück. Das bislang in Privatbesitz befindliche, den Kunstliebhabern wie der Kunstgeschichte deshalb weitestgehend unbekannt gebliebene Friedrich-Gemälde der „Klosterruine auf dem Oybin“ aus den Jahren 1810 bis 1812 bereichert als Dauerleihgabe die Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Mit diesem spektakulären, ausnehmend gut erhaltenen Neuzugang, der zudem über seinen originalen Rahmen verfügt, besitzt Hamburg nun die erste Ruine von Caspar David Friedrich. Das Bild befand sich im Besitz der Schriftstellerin Elise Campe, die es vermutlich kurz vor ihrem Tod im Jahr 1873 Milly Brockhaus, der Schwiegertochter des Verlegers Heinrich Brockhaus, vermachte. Dessen Nachfahren gehört das Bild bis heute, und die Brockhaus-Familie war es auch, die das Oybin-Gemälde nun als Dauerleihgabe an die Hamburger Kunsthalle gab. Dass damit ein Bild nach Hamburg zurückkehrt, das sich bereits im neunzehnten Jahrhundert dort befand, ist schön für die Hansestadt; ein im Moment noch unabschätzbarer Gewinn hingegen ist es für die Kunstgeschichte und alle an ihr Interessierten, unabhängig davon, wo das Gemälde hängt. Denn die eigentliche Sensation ist, dass es sich dabei um die etwa zwölf Jahre ältere Schwester von Friedrichs vielleicht politischstem Programmbild, „Huttens Grab“, handelt, das von 1823 bis 1824 in einem quälend langen Prozess entstand.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Somit begleitete „Huttens Grab“ den zehnten Jahrestag des Ausbruchs der Befreiungskriege gegen die napoleonische Besatzung Deutschlands. Auf dem gemalten Grab stehen Inschriften von Protagonisten dieser Befreiungskriege wie Arndt und Fichte, womit Friedrich das frühe neunzehnte Jahrhundert mit dem sechzehnten Huttens kurzschließt. Es ist ein Gedenkbild für einen frühen humanistischen Kämpfer gegen Fremdbestimmung von außen, zugleich ein Gedankenbild, das seit seiner Entstehung als Mahnbild und „Propaganda“ interpretiert wurde. Dass der dichtende Reichsritter und Lutherparteigänger Ulrich von Hutten vehement zum bewaffneten Kampf gegen Rom aufrief, wurde insbesondere in der Zeit der Befreiungskriege als notwendiger Kampf gegen den katholischen Usurpator Frankreich umgedeutet. Friedrichs Bild hatte seine Unschuld verloren – sofern es je eine besaß.

          Politisches Kunstwerk: „Huttens Grab“, um 1823

          Für die massiven Klitterungen von „Huttens Grab“ im „Dritten Reich“ jedoch ist Friedrich nicht haftbar zu machen. Neben vielen anderen Kunsthistorikern biegt Kurt Eberlein den Polit-Romantiker Friedrich im Jahr 1939 gewaltsam in Richtung eines nationalistischen Malers der deutschen Sache um. Dessen gesamte Malerei wird nun als „Freiheitskampf um das Deutsche“ interpretiert. In einem eigenen Kapitel zum Motiv des Grabs bei Friedrich assoziiert Eberlein frei – aber zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ungewollt hellsichtig – mit Hutten einen „Held der nordischen Haltung, der auch den Untergang bejaht und seine Todesliebe wie das Schicksal liebt“. Hellsichtig deshalb, weil Friedrichs Motive Grab und Ruine bei Eberlein zu symbolischen Verkörperungen der 1939 noch ausstehenden wagnerianischen Untergangssehnsucht Hitlers wie auch zu Vorprägungen der von ihm und Speer entworfenen „Ruinenwerttheorie“ werden, die den Verfallszustand von NS-Bauten nach tausend Jahren immer schon mitberechnen wollte. Besonders arg erscheint, was Eberlein im Vorwort konstatiert: „Ich muß bekennen, daß über Friedrich Wesentliches und Neues zu sagen, doch erst heute möglich geworden ist, weil erst durch den Nationalsozialismus vielerlei in Frage und Antwort geklärt worden ist.“

          Während sich also NS-lastige Bücher seitenweise über „Huttens Grab“ in nationalistischem Ton ausgelassen haben, ist bislang in der kunsthistorischen Forschung annähernd nichts über das „neu entdeckte“ Hamburger Bild zu finden, weil es zwar mit der Klosterruine Oybin dieselbe Architekturkulisse aufweist, aber eben das Grab mit den Inschriften der antinapoleonischen Heroen fehlte und die in „Oybin“ rechts an die Chorwand gesetzte steinerne Maria mit Kind in „Huttens Grab“ durch eine geköpfte Statue der Fides, der Personifikation des Glaubens ersetzt ist.

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