https://www.faz.net/-gyl-83607

Neuer BMW-Chef Krüger : Aus Freude am Führen

  • -Aktualisiert am

Erfolg macht sexy. Harald Krüger, der neue Vorstandschef von BMW Bild: Christoph Busse / VISUM

Der neue Chef von BMW begeistert sich für Autos. Klar. Fast noch wichtiger: An diesem Mittwoch zieht ein ganz neuer Führungsstil im Konzern ein. Krüger kann zuhören - und seine Leute begeistern.

          6 Min.

          Der Generationswechsel in den Bayerischen Motorenwerken vollbracht: Mit der Hauptversammlung an diesem Mittwoch übergibt Norbert Reithofer den Vorstandsvorsitz an Harald Krüger, den Mann, der vor 23 Jahren als Trainee bei BMW angefangen hat - und seither auf diesen Tag hintrainiert hat.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Krüger - verheiratet, drei Kinder - hat die BMW-Reife für CEOs mit Bravour abgelegt: High Potential, Hoffnungsträger, Kronprinz - diese Stufen hat er flink genommen, hat dabei mit pflichtgemäßem Elan Auslandsstationen in England und Amerika absolviert. Ein cooler Typ, gesegnet mit einer positiven Aura, der Fähigkeit zum klaren Denken und für Bullshit-Bingo unempfänglich.

          Seine Berufung zeigt überdies: Generationswechsel gehen auch ohne Schmutzeleien, so grüßt es von München nach Wolfsburg, wo im VW-Reich gerade das Machtgefüge zerbröckelt, es nicht ausgemacht ist, welche Schäden sich der Konzern einbrockt in dem Versuch, die „Gerontokratie abzuschaffen“, wie es ein VW-Aufsichtsrat ausdrückt.

          Von Hause aus Ingenieur

          Was das Alter der handelnden Akteure betrifft, hat BMW gut 20 Jahre Vorsprung gegenüber Volkswagen: Ein 58-jähriger CEO wechselt als Oberkontrolleur in den Aufsichtsrat, ein 49-jähriger führt fortan die Geschäfte. Dabei folgen sie ansonsten in München durchaus der Doktrin des Ferdinand Piëch: „Ingenieure sind die besseren Manager.“ Die verstehen etwas von Technik, können rechnen, und das bisschen BWL, was es braucht, ist rasch gelernt. Selbstredend ist Harald Krüger Ingenieur (ausgebildet an der Kaderschmiede in Aachen), wie auch Reithofer. Nur ist Ingenieur eben nicht gleich Ingenieur.

          Der scheidende Chef ist ein Kind der Arbeiterklasse; aufgewachsen in der bayerischen Zechenstadt Penzberg, sein Onkel war der örtliche Metzger. Mit so viel bajuwarischer Bodenständigkeit kann Krüger nicht dienen. Er stammt aus Braunschweig (was für bayerische Ohren nach Zonenrand, also Ödnis klingt), aus einer Akademikerfamilie: Die Mutter war Lehrerin, der Vater promovierter Physiker.

          Weil der Vater an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig angeheuert hat, ist die Familie seinerzeit von Freiburg, wo Harald Krüger 1965 geboren wurde, in den Norden gezogen; in die Stadt übrigens, die Piëch zum Ehrenbürger ernannt hat, und wo Krüger in seiner Jugend ambitioniert gekickt hat, „in den großen Zeiten von Eintracht Braunschweig, mit Trainer Branco Zebec und Paul Breitner als Star“.

          „Der Star ist das Auto“

          Als der Jungspund im Vorstand seinerzeit die Verantwortung fürs Personal übernommen hat, schenkte ihm die Belegschaft zum Start Fußball, Trikot und Schienbeinschützer. Im Büro hat er die Fahne seines Lieblingsclubs Borussia Mönchengladbach aufgehängt - der einzige Makel, den Manfred Schoch, oberster BMW-Betriebsrat und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, an dem neuen Vorstandsvorsitzenden erkennen kann: „Krüger hat keine Ahnung vom Fußball.“ Ansonsten? „Ein idealer Kandidat“, weswegen Vorstand Herbert Diess, der sich ebenfalls Hoffnungen gemacht hatte, nur die Flucht zu VW blieb, nachdem kurz vor Weihnachten die endgültige Entscheidung gefallen war: Familie Quandt, die BMW-Großaktionäre, will Krüger, lobt dessen „Erfahrung und Gestaltungskraft“, die Arbeitnehmer wollen ihn sowieso.

          Der Favorit war er schon lange, Krüger wurde über Jahre gezielt aufgebaut, ohne selbst je öffentlich Ansprüche anzumelden. Das war klüger so. Vorlaute Manager mögen die Leute, auf die es im Konzern ankommt, gar nicht, allen voran Familie Quandt. Manager, die vergessen, dass sie nur leitende Angestellte sind, wecken bei der wenig Freude. Demut vor dem Eigentümer ist Pflicht, Demut vor dem Produkt auch.

          „Der Star ist das Auto“: Dieser Satz ist für einen BMW-Chef nie falsch. Außerdem ratsam: keine spektakulären Hobbys, keine Affären. Gäbe es nur solche Top-Manager, die Illustrierten würden verhungern. Harald Krüger wird alles daransetzen, dass dies so bleibt. Strahlen soll die Marke, nicht die Person.

          Bloß keine Diven züchten

          Wenn Großmanager wie VW-Chef Martin Winterkorn entlegene Flecken ihres Weltreiches besuchen, tun sie dies im Stile eines Monarchen, lassen sich huldvoll von den örtlich Regierenden empfangen, ihre Lakaien im Schlepptau. BMW tickt da anders. Das breitbeinig Auftrumpfende ist die Sache eines BMW-Chefs nicht, schon gar nicht eines mit Namen Krüger. Die Quandts genießen geräuschlos Zugang zum Kanzleramt, da hat ihr oberster Angestellter sich nicht aufzuplustern.

          Die Angst davor, im Konzern Diven zu züchten, geht im Hause BMW so weit, dass die Manager, selbst die obersten, im internen Sprachgebrauch hinter Buchstabenkürzeln verschwinden; je kürzer das Kürzel, desto wichtiger die Person. Am allerwichtigsten ist der „A“ - das ist der Vorstandsvorsitzende, in drei Tagen also Krüger. „F“ steht für den Finanzvorstand, „P“ für die Frau fürs Personal - die übrigens ist reichlich umstritten im Haus, von einer Revolte ihrer eigenen Führungsleute wird auf den Fluren getuschelt, ebenso wie von persönlichen Unverträglichkeiten zwischen zwei Nachrückern in den Vorstand. Nur von einem ist nichts zu hören, aber auch gar nichts: von etwaigen Konflikten zwischen Krüger und Reithofer

          Seit alle Welt weiß, dass er aufrückt, hält der Neue sich noch stärker zurück, nach außen sowieso, aber auch intern: Nur ja nicht dem verdienten Vorgänger die Show stehlen, befiehlt die Regie. Bis zum letzten Tag schwingt Reithofer in den Vorstandssitzungen das Zepter - und niemand stört ihn dabei, zumal der Bayer dies mit größerem Vergnügen denn je tut, da nun die Last des Tagesgeschäfts von ihm abfällt und er im Gefühl des Triumphes abtritt.

          „Sind wir nicht eine tolle Company?“

          Die meisterliche Inszenierung hat nur einen Schönheitsfehler: Reithofer wird sich bei der Wahl in den Aufsichtsrat eine Watschn einfangen. Die angelsächsischen Investoren meutern, weil er direkt den Posten anstrebt, ohne zweijährige Abkühlphase wie üblich und in den Corporate-Governance-Grundsätzen empfohlen. Die einflussreichen Aktionärsberater ISS, deren Votum viele internationale Großanleger folgen, haben ihr Urteil für die Hauptversammlung bereits gefällt: Punkt 6.3. der Tagesordnung ist abzulehnen. Wer auf sie hört, muss gegen Reithofer stimmen. So halten es auch deutsche Profianleger wie Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment: „Ein Aufsichtsratsvorsitzender braucht kritische Distanz, um Dinge zu hinterfragen.“ Trete Reithofer direkt an, schwäche dies die Position Krügers als Nachfolger, so geht die Argumentation: Wie soll der Neue etwas verändern, wenn ihm der Vorgänger ins Lenkrad greift?

          Formal ist die Personalie sauber, nach deutschem Recht kann ein Großaktionär eine Ausnahmeregel durchsetzen, wie von Familie Quandt für Reithofer avisiert. Mit ihrer Mehrheit der Anteile wird sie ihn auch durchdrücken, eine Blamage sind die zu erwartenden Gegenstimmen doch, zumal seine fachlichen Qualitäten außer Frage stehen: Norbert Reithofer hat Rekord auf Rekord aneinandergereiht.

          BMW ist der Primus der Premiumklasse, hält Audi und Mercedes auf Abstand. Die Aktie hat sich viermal stärker entwickelt als der Dax. Die Ausschüttung an die Eigentümer ist spektakulär. Mehr als 800 Millionen Euro Dividende erhalten allein die Quandts für das Jahr 2014. Erstmals in seiner 100-jährigen Geschichte hat der Konzern im Vorjahr mehr als zwei Millionen Autos verkauft, erstmals hat BMW mehr als 80 Milliarden Euro eingenommen (und damit den traditionell überlegenen Lokalrivalen Siemens überflügelt). 117.000 Menschen gibt BMW heute Lohn und Brot. Monat für Monat gehen 20.000 neue Bewerbungen im Hauptquartier ein: Erfolg macht sexy. „Sind wir nicht eine tolle Company?“, tönt ein Aufsichtsrat. Er meint das ohne jede Ironie.

          Elektroautos statt Formel 1

          In diesem Hochgefühl feiern sie 2016 Jahr mit ihrem neuen Chef den 100. Geburtstag. Anfang des Jahres geht’s los mit den Feierlichkeiten, im März folgt der Höhepunkt mit der einschlägigen Prominenz, aber weniger betulich als bei den an Staatsakte gemahnenden Festivitäten anderer Konzerne. Auch dies gebietet die BMW-Markenpolitik, die sich viel darauf einbildet, zeitgeistmäßig vorne weg zu fahren: keine Formel 1 mehr, dafür Elektroautos aus Karbon.

          Damit das Jubiläum nicht zu rückwärtsgewandt ausfällt, so der Plan, sollte mit Krüger die nächste Generation an die Spitze treten. Und damit auch ein neuer Stil einziehen. Der Spaß am Fahren bleibt, was sich ändert, ist die Freude am Führen: „Krüger hört zu, Reithofer nur manchmal“, sagt einer aus dem obersten Führungskreis.

          Als extrem durchsetzungsstark, aber weniger autoritär wird der Neue beschrieben. Verbindlich, sehr fordernd sei Krüger. Was ihm nicht passt, markiert er mit wenigen, nüchternen Worten: „Damit fühle ich mich nicht wohl“, klingt es dann. Lauter wird’s nicht. Seine Leute verstehen auch so, was die Stunde geschlagen hat. Es findet sich jedenfalls niemand, der ihn je hätte brüllen hören. „Harald Krüger hat noch nie die Fasson verloren, dafür ist er viel zu smart, viel zu kontrolliert“, berichtet ein Top-Manager.

          Er will „intrinsisch motivierte Mitarbeiter“

          Früh hat der künftige Konzernchef, noch zuständig fürs Personal, erfahren, dass die nachwachsende Führungselite anders angefasst werden will, wenn die „Generation Y“ das Vorstellungsgespräch mit dem Wunsch nach Sabbatical und einer ausgeglichenen Work-Life-Balance eröffnet.

          Die unter Krügers Regie entwickelten „Leadership“-Programme gelten im Konzern bis heute. „Stärkenorientierte Führung“ und solche Sachen üben sie seither, mühen sich aufrichtig, dass keiner - allem Ehrgeiz zum Trotz - als gesundheitliches Wrack rausmarschiert. Krüger war es auch, der verkündet hat, dass bei BMW keine Platz für Boni-Jäger ist. Er wolle „intrinsisch motivierte Mitarbeiter und keine Leute, denen man ständig eine Karotte vor die Nase halten muss, damit sie sich bewegen“, hat er postuliert.

          Die künftige BMW-Elite formt der Konzernchef auf deren Weg nach oben: Wer in den Kreis der „Top 300“ aufsteigt, braucht dazu die Empfehlung seines Vorgesetzten, außerdem elf Gutachter, die anonym über seinen Charakter urteilen. Da der Kandidat deren Namen nicht kennt, richtet er sich aus an der Gesamtgruppe. Das Management gleicht sich somit automatisch an, das Denken wird gleichförmiger, konzentriert auf Leistung, Disziplin, Wettbewerb - und den speziellen BMW-Spirit, wie es ein Altvorderer ausrückt, „den gemeinsamen Willen: Wir bauen die besten Autos der Welt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Tesla-Fabrik in Deutschland : Angriff im Heimatmarkt

          Für die deutschen Autohersteller wird der Wettbewerb noch schwieriger, wenn Tesla in Brandenburg eine große Fabrik baut. Ein Selbstläufer ist das Projekt allerdings nicht – Tesla muss sich auf einen harten Wettkampf einstellen.
          Die Köpfe hinter der Marke: Porsche-Design-Geschäftsführer Jan Becker (rechts) und Design-Chef Roland Heiler

          Porsche-Design-Chefs : Wann ist ein Mann ein Mann?

          Porsche Design steht für Männlichkeit, Geld und Stil. Im Interview sprechen die Chefs der Marke über neue Rollenbilder, gläserne Garagen – und anderen Luxus, den die Welt nicht braucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.