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Neue Arbeitswelt : Chef sein – aber nicht mehr der Boss

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Büro ohne Boss: In der Arbeitswelt 4.0 sollen Mitarbeiter eigenverantwortlich handeln und ihre Vorstellungen umzusetzen können. Bild: dpa

Junge Führungskräfte und Unternehmer stellen sich darauf ein, ihre eigene Leitungsrolle abzuschaffen. Kann das gut gehen?

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          „Führungskraft bin ich in 20 Jahren sicher nicht mehr“, sagt Florian Gloßner. Bemerkenswert ist das vor allem für einen, der seit mehr als 20 Jahren immer irgendwie Führungskraft war und ist. Im Alter von 17 Jahren gründete Gloßner sein erstes Unternehmen, heute leitet er zwei Unternehmensberatungen und ein Unternehmen für Messedienstleistungen. Gloßner findet, „es wäre naiv zu denken, dass die Welt in 20 Jahren auch nur ansatzweise mit heute vergleichbar ist“. Was er meint: Arbeit wird in Zukunft so radikal anders organisiert sein, dass für Chefs kein Platz mehr sein wird – oder jedenfalls nur noch ein sehr kleiner.

          Das sieht auch das Netzwerk der Wirtschaftsjunioren so, dem Gloßner bis zum Jahreswechsel vorstand. Die Wirtschaftsjunioren sind ein Verband von Unternehmern und Führungskräften unter 40 Jahren. Gloßner, der in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiern wird, hat kürzlich den Vorsitz an seinen Nachfolger, den 34 Jahre alten Sebastian Döberl abgegeben.

          Interessant bleibt aber die Marschrichtung, die Gloßner dem Netzwerk zum Schluss mit auf den Weg gegeben hat: Die Verbandsmitglieder wollen an Bedeutung verlieren, sich ein Stück weit selbst überflüssig machen. Denn sie haben sich „New Work“ auf die Fahnen geschrieben, also „Neue Arbeit“: In Zukunft sollen Arbeitnehmer freier und selbständiger arbeiten. Hierarchien sollen abgebaut werden oder ganz verschwinden.

          Vorbild niederländische Pflegekräfte

          Entscheidender Treiber für den Wandel sei die Digitalisierung, sagt Thomas Wolter-Rössler. Mit seinem gleichnamigen Beratungsunternehmen begleitet er Unternehmen in die neue Arbeitswelt. „Um heute wettbewerbsfähig zu bleiben, muss alles viel schneller ablaufen.“ Bis ein Anliegen oder Problem alle Hierarchieebenen durchlaufen habe, sei es nicht mehr aktuell.

          Entscheiden die involvierten Arbeitsgruppen selbst, wie sie einen Auftrag bearbeiten wollen, dauere es dagegen im Idealfall nur einen Bruchteil der Zeit. „Meine Leute müssen selbst unternehmerisch handeln, wenn alles immer vernetzter und schneller wird“, sagt auch Florian Gloßner. Denn sie sitzen an den Schnittstellen zu Kunden und Partnern. Vor allem dann, wenn Kunden individuell betreut werden müssen, ist das wichtig. „Warum sollte ich auch in Entscheidungen von oben reinreden? Wenn meine Leute gut sind, bekommen die das hin.“

          Das funktioniert nicht nur in der Beratungsbranche. Die Niederlande machen vor, wie sich auch in der häuslichen Alten- und Krankenpflege mehr Selbstbestimmung der Mitarbeiter umsetzen und das Patienteninteresse ins Zentrum rücken lässt: Niederländische Pflegekräfte organisieren sich seit dem Jahr 2006 in nachbarschaftlichen Kleingruppen. Statt wie in Deutschland generalisierte Pflegekataloge abzuarbeiten, finden sie gemeinsam mit ihren Patienten heraus, was ihnen zu mehr Eigenständigkeit verhelfen kann. Mittlerweile wurde dieses System auch schon von mehreren anderen Ländern kopiert.

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