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Schritte zum Neuanfang : Ist das noch mein Beruf?

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Bild: Ikon-Images

Noch einmal komplett neu anzufangen, trauen sich im Berufsleben nur wenig. Wann es sinnvoll ist.

          3 Min.

          Markus Boxleitner mag Musik, Sonnenuntergänge und die Zusammenarbeit mit Frauen. Der selbständige Coach führt das auf sein stärkstes Grundmotiv zurück: „sinnliche Erfüllung“. Er steht gern auf der Bühne, angelt Komplimente und fährt, „entgegen jeder Logik“, einen Pick-up: „Der ist teuer, umständlich, unhandlich, schaut aber geil aus.“ Und passe damit gut zu Boxleitners Antreiber: „Geltungsstreben“. In seiner Freizeit schaut der Bayer gerne Dokus „über diesen oder jenen Schmarrn – Wissen, das ich eigentlich nicht brauche“. Neugier sei sein „drittstärkstes Motiv“, sagt er.

          Er weiß das alles so genau, weil er sich als Gründer und Geschäftsführer der Dreiflüsse Akademie nahe Passau hauptberuflich mit der Ausbildung von Führungskräften beschäftigt, mit Betriebsorganisation oder Stressmanagement – und mit der Frage, wann es besser ist, seinen Beruf hinter sich zu lassen. Sein Werkzeug sind achtzig Fragen, unterteilt in acht Grundmotive: Bequemlichkeit und Entspannung, Beziehung und Gemeinschaft, Geltungsstreben und Prestige, Gewinnstreben, Neugier und Wissensdrang, Sinnliche Erfüllung, Selbsterhaltung und Gesundheit, Sicherheit und Ordnung. Spannend mag diese Form der Selbsterkenntnis ja sein, monieren Kritiker. Unumstritten sei sie nicht.

          Als Boxleitner seine eigenen Antreiber ausmacht, hat er schon 15 Berufsjahre als Industrieelektroniker hinter sich. Eine Berufswahl, die auf Bequemlichkeit und das Sicherheitsbedürfnis der Eltern zurückgehe. „Ich bin den Weg gegangen, den meine Eltern vorgeplant hatten, obwohl ich längst nicht so ein Technikfanatiker wie mein Vater war.“ Sondern einer, der aufblüht, wenn er Kollegen etwas erklären kann, und deshalb vom Chef eine Ausbildung zum Business Coach spendiert bekommt. Es ist der Anfang einer beruflichen Wende: Boxleitner entdeckt in seinem Trainer ein Vorbild und in den acht Grundmotiven einen Wegweiser. „Die sind angelehnt an die 16 Lebensmotive nach Steven Reiss.“ Die wiederum sind eine Zusammenfassung von 400 Motiven, Zielen und Werten. Schon hier setzt die Kritik an: Die Reiss-Profile gingen nicht auf die Motivationsforschung zurück, sondern auf Statistik, bemängelte der Management-Professor Waldemar Pelz. „Was Reiss konstruiert hat, entspricht nicht der Wirklichkeit“, sagt auch Gerd Reimann. Der Psychologe hat über Eignungsdiagnostik promoviert und ärgert sich, dass Führungskräfte auf Verfahren zurückgreifen, die sie nicht hinterfragen. „Die sind verbreiteter als seriöse Tests, weil sie so schön nachvollziehbar sind“, sagt er.

          „Neugier, sinnliche Erfüllung und Geltungsstreben“

          Boxleitner hat sich in seiner Ausbildung zum Business Coach die Frage gestellt: „Was muss ich tun, um aus der Unzufriedenheit und meinem beruflichen Hamsterrad auszubrechen?“ Er habe sich vorgestellt, im neuen Job Anerkennung zu finden, „weil ich so ein hohes Geltungsstreben habe“. Zwei weitere Grundmotive erleichterten ihm den Schritt in die Selbständigkeit, weil sie nur schwach ausgeprägt waren: „Gesundheits- und Sicherheitsdenken habe ich überhaupt nicht.“ Unterstützt wird er in der Akademie von seiner Geschäftspartnerin Marion Friedl, einer ehemaligen Teilnehmerin: „In dem Führungskräftetraining ist mir klargeworden, warum ich in meinem damaligen Job keine dauerhafte Zufriedenheit erfahren konnte“, sagt Friedl, die damals das Labor einer Landkreisklinik leitete. Das bedeutet viel Routine, wenig Glanz – und passt nicht zu den drei Motiven, die bei der Humanbiologin im Vordergrund stehen: „Neugier, sinnliche Erfüllung und Geltungsstreben.“ Nur sei ihr das „jahrelang aberzogen“ worden.

          Inzwischen starten die beiden ihr Führungskräftetraining mit einem „Fragebogen Grundmotive“, den Friedl ausgearbeitet hat. „Gerade unreflektierte Menschen können sich in einem standardisierten Verfahren leichter wiedererkennen“, sagt sie. Die Fragen und ihre Zuordnung hat sie sich aber nicht wissenschaftlich absichern lassen: „Wir befinden uns ja nicht im pathologischen Bereich“, sagt sie. Es gehe auch nicht darum, Menschen zu klassifizieren und Diagnosen anzustellen. Es gehe um Hilfe zur Selbsthilfe: 80 Aussagen, denen Teilnehmer mit null bis drei Punkten zustimmen oder widersprechen können. „Keiner muss mehr von sich preisgeben, als er möchte, das läuft alles auf freiwilliger Basis“, so Friedl. Einige haderten allerdings mit den Ergebnissen: „Geltungs- und Gewinnstreben werden oft negativ gesehen, Bequemlichkeit mit faul gleichgestellt. Aber genau das darf man nicht tun, da Motive erst mal wertfrei sind“, sagt Boxleitner.

          Gerd Reimann bleibt skeptisch. Der Geschäftsführer der Potsdamer Beratung Gideon hat nichts gegen die Beschäftigung mit eigenen Motiven, wie er sagt: „Selbsterkenntnis wird immer wichtiger.“ Eignungsdiagnostik sei bei der Stellenbesetzung zunehmend gefragt. „Der Punkt ist nur, dass man die richtigen Methoden benutzt – und nicht die unwissenschaftlichen.“ Der Psychologe empfiehlt etwa das „Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung“, kurz BIP. Den Fragebogen der Dreiflüsse Akademie würde er aber auch ausfüllen. „Zum Spaß und zur Reflexionsverbesserung.“

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