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Von Augsburg bis Dresden : Nebenjob: Tram fahren

  • -Aktualisiert am

Laura von Burski hat ihren Platz in der Linie 7 in Dresden sicher: im Führerstand. Bild: Robert Gommlich

Morgens auf den Gleisen, mittags in den Hörsaal. In vielen Großstädten in Deutschland steuern mittlerweile Studierende Straßenbahnen. So manch einer möchte nach dem Studium gar nicht mehr raus aus der Fahrerkabine.

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          Je voller die Straßenbahn, desto wohler fühlt sich Laura von Burski. Dichtes Gedränge nach Feierabend, grölendes Fußballvolk am Wochenende. „Egal. Hauptsache, es ist was los“, sagt von Burski. Ihren Platz hat die Studentin sowieso immer sicher. Seit knapp drei Jahren sitzt sie ganz vorne an den Schalthebeln der 45 Meter langen Straßenbahn. Die 25-Jährige ist eine von mehr als 20 studentischen Tramfahrern der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB).

          Um halb vier Uhr morgens, wenn für die Letzten die Partynacht vorbei ist und für die Ersten der Berufsalltag beginnt, rattert sie mit der Tram durch Dresden. Mit der Linie 7 vorbei am Hauptbahnhof, dann weiter über die Elbe. Legt man zum richtigen Zeitpunkt einen Schulterblick nach links ein, kann man auf der Fahrt einen Blick auf die Turmspitze der Frauenkirche erhaschen. Von Burski passiert die Bars der hippen Neustadt bis nach Weixdorf, wo es einen Bauernhof mit 300 Kühen, Wollschweinen und einer Schafsherde gibt. „Das ist meine Lieblingsstrecke“, sagt von Burski. „Früher konnte ich von der Fahrerkabine aus sehen, ob ich die Blumen in meiner Wohnung gegossen habe.“

          Eine Stunde und zwei Minuten dauert die Fahrt von Endstation zu Endstation – wenn alles glattläuft. Müllautos, die im Gleisbett rangieren, können am frühen Morgen ein Bremsklotz sein. Später am Tag gefährden andere Dinge die pünktliche Ankunft. Der Klassiker: Mitfahrer, die sich um eine Tür drängen, Lichtschranken blockieren, statt durchzugehen. Für diese Momente hat sich die Studentin eine Durchsage zurechtgelegt: „Die Bahn ist kein Adventskalender, hier kann man mehr als eine Tür gleichzeitig öffnen.“

          Tramfahren als beliebter Nebenjob

          Es gibt Studenten, die Bier zapfen und Longdrinks mixen. Andere räumen Supermarktregale ein und ziehen Strichcodes über das Kassenband. Wieder andere assistieren ihren Professoren. Rein statistisch gesehen, sind sie in der Überzahl. Aushilfstätigkeiten in der Gastronomie, im Einzelhandel und an der eigenen Hochschule zählen zu den gefragtesten Nebenjobs unter Studenten. Aber Tram fahren? Ganz vorne, nicht als Kartenkontrolleur im schaukelnden Wagenabteil, sondern als Chauffeur mit Verantwortung für bis zu 200 stehende und sitzende Fahrgäste?

          Dresden galt lange als einziger Standort, der auf Tramfahrer aus dem Hörsaal setzt. Doch mittlerweile haben andere Städte nachgezogen. Mit dem Slogan „Magdeburgs coolster Studentenjob? Tramfahrer!“ wirbt der Verkehrsbetrieb in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt um neues Personal. Bereits zu DDR-Zeiten unterstützten Aushilfsfahrer das Unternehmen, an diese Tradition möchte man anknüpfen. Auch in Potsdam, Augsburg, Heidelberg und Frankfurt am Main sitzen Studenten im Führerhaus.

          Mobilitätskonzepte gelebt, auch um zu verbessern

          Wie Laura von Burski studieren die allermeisten Aushilfsfahrer in Dresden Verkehrswissenschaften an der Technischen Universität (TU), auch wenn das keine Voraussetzung für den Nebenjob ist. Die Fakultät ist mit sechs Studiengängen und mehr als 1000 Studenten der deutschlandweit größte Lehrstuhl für Verkehrswissenschaften. Von Burski, die einzige Frau im Dresdner Studententeam, hat sich gleich im ersten Semester für den Job als Tramfahrerin beworben. „Wir lernen in den Uni-Seminaren, dass eine Ampel im Mittelwert so und so schalten muss. Aber ist das überhaupt umsetzbar? Ich will nicht am Schreibtisch über Verspätungen meckern, sondern eigene Erfahrungen sammeln“, sagt sie. Nach dem Studium möchte sie an Mobilitätskonzepten mitarbeiten und sich für verkehrsberuhigte Innenstädte einsetzen.

          Wer als Tramfahrer arbeiten will, muss mindestens 21 Jahre alt sein und einen Führerschein der Klasse B, also den herkömmlichen Pkw-Führerschein, vorweisen. Viele Verkehrsbetriebe verlangen außerdem, dass die Bewerber noch für mindestens zwei Jahre an einer Hochschule eingeschrieben sind. Denn wenn sie ihn einmal gelernt haben, sollen die Studenten den Job in der Tram so lange wie möglich machen. Bevor es auf die Gleise geht, müssen sie eine mehrere Wochen dauernde Ausbildung mit anschließender Prüfung absolvieren.

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          Auf dem Lehrplan stehen Signalkunde, ein Erste-Hilfe-Kurs und Berechnungen zu Bremsweg und Beschleunigung. Haben die Studenten das geschafft, geht es mit einem Ausbilder an der Seite zu den ersten Praxisfahrten, und nach erfolgreicher Prüfung dürfen sie dann Personen im jeweiligen Stadtgebiet befördern. Die Verkehrsbetriebe übernehmen die Kosten für den Führerschein, aber nicht in jeder Stadt werden auch die Übungsfahrten vergütet.

          Geschätzte Flexibilität

          Dafür spielt der Studentenstatus am Ende auf dem Lohnzettel keine Rolle mehr. Bezahlt wird nach Tarifvertrag, Zuschläge gibt es nachts, an Sonn- und Feiertagen. In Frankfurt liegt der Stundenlohn bei knapp 16 Euro, in Dresden bei 12,84 Euro.

          Geld ist das eine – aber Laura von Burski suchte vor allem einen Nebenjob, der sich gut mit dem Uni-Alltag vereinbaren lässt. Eine Woche im Voraus gibt die Studentin der TU Dresden ihre Verfügbarkeiten an. Es liegt dann an Kay Gläser, daraus einen Dienstplan zu basteln, der für alle passt. Seit zehn Jahren hat der Leiter der Disposition unter den insgesamt rund 1000 Fahrern auch studentische Aushilfen, die als sogenannte „Flexplanfahrer“ eingesetzt werden. An Interesse mangelt es nicht. „Es gibt immer mehr Bewerber unter den Studenten, als wir Plätze anbieten können“, sagt Gläser.

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          Jedes Jahr im Herbst kann die DVB sechs neue studentische Fahrer einstellen. Wenn in der Uni Klausuren anstehen, merkt Gläser das zwar sofort, weil dann die Verfügbarkeiten zurückgehen. Trotzdem seien die Aushilfen unverzichtbar, sagt er. Zu Großveranstaltungen, an Silvester und an den Weihnachtsfeiertagen würden die Studenten die Stammbelegschaft entlasten.

          Das Klischee der jungen Langschläfer kann der Chef über den Dienstplan nicht bestätigen. „Es gibt viele, die gerne um halb vier die Tram aus dem Betriebshof herausfahren und dann von ihrer Schicht direkt in den Hörsaal hüpfen“, meint Gläser. Auch Laura von Burski ist schon oft im weinroten Dress der Verkehrsbetriebe in den Hörsaal gegangen. In der Pandemie, als sie in ihrem WG-Zimmer weiter studieren musste und Freunde in der Gastronomie ihre Jobs verloren, war sie froh, weiter arbeiten zu dürfen. Auch als das Stammpersonal in Kurzarbeit gewesen sei, habe es immer noch einzelne Schichten für Studenten gegeben.

          Auch U-Bahnen werden von Studierenden gesteuert 

          In anderen Städten sind die Fahrer-Aushilfen die ersten gewesen, die in der Pandemie nicht mehr beschäftigt wurden. In Köln hingegen sind Studenten schon vor Corona aus der Fahrerkabine verschwunden. Nach zwölf Jahren hatten sich die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) 2018 dazu entschlossen, keine Studenten mehr für die Tramlinien auszubilden. Die Ausbildung sei zu aufwendig und letztlich nicht rentabel gewesen, begründet die KVB ihre Entscheidung.

          Das sieht man in Frankfurt offensichtlich anders. Als einzige Stadt in Deutschland steuern hier studentische Aushilfen auch die U-Bahn. Dominik Jaufmann, Chemie-Student an der Goethe-Universität, hat in den letzten sechs Jahren an einem ruckelfreien Fahrstil gefeilt. Zu Hause kann sich der 30-Jährige Tipps einholen – sein Vater fährt hauptberuflich auf den Frankfurter Gleisen. In den Semesterferien dürfen die studentischen Aushilfen ihre Arbeitszeit von 20 Stunden pro Woche aufstocken und dann Vollzeit arbeiten. „Die Flexibilität im Job ist ein großes Plus“, sagt Jaufmann, der die Jobausschreibung nicht über seinen Vater, sondern zufällig auf Facebook entdeckt hatte.

          So langsam sucht der Chemiestudent jetzt auch nach Stellen außerhalb der Fahrerkabine. Bald ist er mit seinem Master fertig. Das Ende seiner Lenkzeit muss das aber nicht bedeuten. Zwei Kollegen, der eine Arzt mit eigener Praxis, der andere Rechtsanwalt, seien nach ihrem Studium einfach als Aushilfen dabeigeblieben, erzählt Jaufmann: „Die fahren alle paar Wochen noch, damit die Fahrerlaubnis nicht erlischt und weil es einfach großen Spaß macht.“ Das kann er sich für später auch vorstellen.

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