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Nachwuchsforschung : Die Schönheit des Kera’a

Uta Reinöhl Bild: Frieda Berg

Sie sammelt seltene Sprachen in fernen Weltteilen. Jetzt ist die Mainzer Linguistin Uta Reinöhl mit dem Heinz-Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet worden.

          2 Min.

          Es gibt Worte, die sind für Linguisten tabu, und zwar im ursprünglichen Sinn. Uta Reinöhl macht diese Erfahrung manchmal, wenn sie sich mit seltenen Sprachen Australiens beschäftigt. Nicht alles, was Wissenschaftler den Einheimischen dort ablauschen, dürfen sie veröffentlichen: Es kann zum Beispiel verboten sein, Namen von Verstorbenen aufzuzeichnen – die Ureinwohner fürchten, dies könne die Geister der Ahnen erzürnen.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Andere Hindernisse, auf die Reinöhl bei ihrer Arbeit stößt, sind von profanerer Art. Von den 6000 bis 7000 Sprachen, die es nach Worten der Forscherin weltweit gibt, sind bis zu 90 Prozent vom Aussterben bedroht. Wer rare Idiome an Ort und Stelle studieren will, muss weite Wege auf sich nehmen und das Vertrauen von Menschen gewinnen, die oft wegen ihrer Sprache diskriminiert werden. Stark ist der Druck auf sie, die eigenen Traditionen aufzugeben und sich einer Großsprache wie Englisch, Chinesisch, Hindi oder Arabisch zu bedienen.

          Reinöhl hat aber auch gute Erfahrungen gemacht, wenn sie mit Aufnahmegerät und Kamera loszog. In Nordostindien etwa, wo die Mainzer Wissenschaftlerin der bisher unerforschten Sprache Kera’a nachspürte, wurde sie sehr freundlich aufgenommen: Dort, sagt sie, schätzten die Menschen den Wert ihrer eigenen Kultur hoch und teilten diese Haltung gern mit ihren Gästen.

          Schwierigkeiten des Kontexts

          In vier Sprachen Indiens, Ost-Timors und Australiens, wo Reinöhl zwei Jahre verbrachte, hat sie nach Gemeinsamkeiten gesucht, die dem oft auf Westeuropa fixierten Blick ihrer Fachdisziplin lange verborgen geblieben waren. Die Arbeiten, die daraus entstanden sind, haben der 1986 geborenen Linguistin eine hohe Auszeichnung eingebracht: Reinöhl gehört zu den zehn Wissenschaftlern, die in diesem Jahr mit dem Heinz-Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Bundesforschungsministeriums geehrt wurden. Er gilt als der bedeutendste Preis für Nachwuchsforscher in Deutschland; jeder Träger erhält 20. 000 Euro, die er für seine weitere Arbeit verwenden soll.

          Die gebürtige Würzburgerin, die seit kurzem an der Gutenberg-Uni eine von der DFG finanzierte Nachwuchsgruppe leitet, interessiert sich besonders für die Frage, wie in nichteuropäischen Sprachen komplexe Ausdrücke gebildet werden. „Im Deutschen, Englischen und Französischen kommen Wörter mit einem Label wie ,Nomen‘, ,Verb‘ oder ,Adjektiv‘ daher“, erklärt sie. Dadurch werde definiert, wie sie innerhalb von Sätzen zu verwenden seien. In anderen Sprachen hingegen könne ein und dasselbe Wort mal wie ein Nomen, mal wie ein Adjektiv gebraucht werden. Es gebe dann etwa nur einen Begriff für „schön“ und „Schönheit“, und erst der grammatische Kontext, in dem er verwendet werde, definiere den aktuellen Sinn.

          Ein Laie könnte denken, dass Sprachen mit einer geringeren Zahl von Wortkategorien leichter zu erlernen seien. Aber das sei ein Irrtum, stellt Reinöhl klar. Gerade der Umstand, dass es auf den Kontext ankomme, in dem ein Begriff stehe, könne dem Sprecher Schwierigkeiten bereiten. Das nordindische Kera’a sei zudem wie das Chinesische eine „Tonsprache“, in der unter anderem die Tonhöhe für die Bedeutung entscheidend sei. Für den Linguisten, der fremde Sprachen mit Computerprogrammen erfasst, sie in Einzelteile zerlegt und kategorisiert, ist es nicht zwingend nötig, sich in diesen Idiomen auch verständigen zu können, wie Reinöhl sagt. Trotzdem: „Ich bin dabei, Kera’a zu lernen.“

          Schließlich sind Sprachen für Reinöhl weit mehr als logische Systeme zur Buchstabenverkettung, nämlich „Ausdruck der Identität“ wie kaum ein anderes Merkmal humaner Existenz und ein „Fenster zum menschlichen Geist“. Wenn eine Sprache verlorengehe, sei das für die betroffene Bevölkerungsgruppe „immer traumatisch“, wie sich etwa in Australien zeige.

          Gern würde Reinöhl den kulturellen Wert ihres Forschungsgegenstands irgendwann auch von einem Lehrstuhl aus vermitteln. Spätestens wenn in fünf bis sechs Jahren ihre DFG-Nachwuchsgruppenförderung ausläuft, wird sie sich wohl an einer anderen Uni um eine Professur bemühen. Das Angebot an Stellen ist in ihrem Fach knapp, doch der Maier-Leibnitz-Preis dürfte seine Wirkung im Lebenslauf nicht verfehlen. Und wenn sich an einer deutschen Hochschule nichts findet, geht Reinöhl gern ins Ausland. Schließlich ist sie auch privat nicht in eurozentrischen Denkmustern gefangen: Ihr Mann ist Südafrikaner.

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