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Nachwuchskräfte : Frauen an die Macht

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak

Die Wirtschaft braucht mehr Frauen. Wegen des demographischen Wandels. Und wegen der Quote. Um junge Frauen zu locken, scheuen Konzerne keine Mühen. Doch die wahre Herausforderung ist, sie auch zu befördern.

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          Wer im vergangenen Jahr als Passant in Zürich unterwegs war, konnte Zeuge einer eigenwilligen Plakatkampagne werden. Riesige Tafeln verkündeten „Tramführerinnen gesucht“, daneben drückte sich, jeweils verschwindend klein, ein verschämtes „Tramführer gesucht“. Die überdimensionierten Tafeln hatten durchschlagenden Erfolg: Innerhalb weniger Monate verdoppelte sich die Anzahl der Bewerberinnen bei den Züricher Verkehrsbetrieben; das Unternehmen erreichte spielend leicht die gewünschte Verbesserung des Frauenanteils unter den Mitarbeitern.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Zürich ist überall. Auch in Deutschland bemühen sich die Unternehmen, mehr weiblichen Nachwuchs für sich zu gewinnen. Längst hat sich eine eigene Industrie entwickelt, die Unternehmen und Frauen zusammenbringt. Der Karrieredienstleister Access lädt Anfang Dezember in die Nähe von Wiesbaden ein, „Women in Technology“ heißt die Veranstaltung, auf der Cap Gemini, die Bahn, Continental und Nokia um Hochschulabsolventinnen werben. „Vor ein paar Jahren gab es so etwas noch gar nicht“, sagt Vera Pilkuhn, die diese Veranstaltungen organisiert. Im kommenden Jahr richtet sie gleich drei davon speziell für Frauen aus.

          „Noch mehr weibliche Talente“

          Unternehmensberatungen wie McKinsey und die Boston Consulting Group (BCG) veranstalten regelmäßig Workshops, die sich ausschließlich an Frauen richten. Um „noch mehr weibliche Talente“ für den Berater-Beruf zu begeistern, wie es heißt. Der Energiekonzern RWE wirbt zwar nicht explizit um Frauen, ziert aber die Einladung zu seinem Bewerbungstraining namens „Meet’n Speed“ mit einem weiblichen Gesicht, wie überhaupt die Unternehmen auf ihren Karriereseiten im Internet dieser Tage besonders gern Frauen zeigen.

          Grund für all den Eifer ist zum einen der demographische Wandel. Lange Zeit ein abstraktes Phänomen, spüren vor allem techniklastige Unternehmen schon heute, dass der Nachwuchs knapp wird. Und dann ist da noch der nicht nachlassende Eifer von EU-Justizkommissarin Viviane Reding, die den männlichen Monokulturen auf den Führungsetagen ein Ende bereiten will. Geht es nach ihrem Willen, sollen in den Aufsichtsräten von 5000 börsennotierten Unternehmen in Europa bis zum Jahr 2020 40 Prozent der Sitze in weiblicher Hand sein. Wohl dem, der genügend qualifizierte Kandidatinnen in seiner Belegschaft hat. In Deutschland ist der Nachholbedarf besonders groß: Nur 15,9 Prozent der Aufsichtsräte der größten Unternehmen sind Frauen, hat eine Auswertung der Personalberatung Egon Zehnder ergeben, deutlich weniger als in vielen anderen europäischen Ländern. Bei den Vorständen sieht es noch düsterer aus: Dort beträgt der Frauenanteil nur 4,5 Prozent.

          2011 waren 50,7 Prozent der Absolventen und 46,6 Prozent der Studienanfänger weiblich

          An weiblichen Berufseinsteigern mangelt es nicht. Schon seit Jahren sind mehr als die Hälfte der Hochschulabsolventen Frauen. Und auch in den Traineeprogrammen, mit denen Unternehmen die „High Potentials“ auf Führungsaufgaben vorbereiten, bewegt sich der Anteil inzwischen in der gleichen Größenordnung. Beispiel Telekom: Als das Unternehmen im März 2010 das Ziel ausgab, bis zum Jahr 2015 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen zu besetzen, waren erst 33 Prozent der Trainees Frauen. Heute sind es 52 Prozent. Auch Adidas vermeldet mehr weibliche als männliche Trainees. Und selbst ein techniklastiger Konzern wie die Bahn steigerte den Frauenanteil unter den Nachwuchsführungskräften von einst 30 auf heute 50Prozent.

          Nicht jedes Unternehmen geht die Frauenförderung mit derartiger Akribie an wie die Telekom, die jeden Baustein ihres Einstellungsverfahrens auf den Prüfstand stellte. Weil „Schmidt Schmidtchen sucht“, wie die für Vielfalt zuständige Sprecherin sagt, wurden die Männer geschult, in den Assessment Centern nicht nur ihresgleichen gut zu bewerten. Außerdem brachte eine Unternehmensberatung zutage, dass Frauen in den Auswahlrunden eine längere Kennenlernrunde wollen. Die Folge: Früher dauerte die „Warm-up“-Phase nur zwei Minuten, heute sind es sieben bis zehn. Auch die Bildsprache in den Anzeigen wurde „gegendert“. Statt Bergsteigern und Extremsportlern (wovon sich Frauen Umfragen zufolge nicht angesprochen fühlten), dominieren jetzt Familienszenen.

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