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Scheitern, und dann? : Hinfallen, aufstehen, weitermachen

  • -Aktualisiert am

Laut Kucher-Sturm hängen besonders zwei Aspekte häufig mit durchgefallenen Prüfungen zusammen: Zeitmanagement und Prokrastination. „Dass die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen, kommt kaum vor. Eher verschätzen sich die meisten Studierenden in der Zeit, die sie tatsächlich für die Prüfungsvorbereitung benötigen.“ Allerdings sieht die Psychologin darin kein grundsätzliches Problem für Studierende, das sie in persönliche Krisen stürzen würde. In ihrem psychotherapeutischen Beratungsdienst landen nur die wirklichen Härtefälle, bei denen die Exmatrikulation droht.

Nur in seltenen Fällen entwickelt sich eine vergeigte Prüfung tatsächlich zur echten Krise. Nämlich dann, wenn jemand den Schluss zieht, dem Studium insgesamt nicht gewachsen zu sein, und es gar nicht weiter probiert, oder wenn jemand dazu tendiert, sich zurückzuziehen und mit niemandem darüber zu sprechen.

Scheitern als Tabu

Genau dagegen kämpft Felix Maria Arnet, der Scheitern als eines der letzten großen Tabus unserer Gesellschaft empfindet: „Wir alle kämpfen mit Scham, wenn wir Fehler machen. Doch anstatt offen darüber zu sprechen und sie zuzugeben, kehren wir unser vermeintliches Versagen unter den Teppich und reden nicht
darüber.“

Der Unternehmer, Coach und Buchautor spricht aus eigener Erfahrung, wenn er dazu aufruft, offen darüber zu sprechen. Seine Werbeagentur geriet in die Insolvenz aufgrund von Fehlentscheidungen, die er mitgetragen hatte. Daran knabberte er lange, bis er zu dem Schluss kam, dass Scheitern kein Grund für Traurigkeit sein muss: „Es wird sich nie ‚ausscheitern‘. Der Misserfolg gehört genauso zum Leben wie der Erfolg.“

Der Notfallkoffer von Arnet besteht aus einer großen Portion Unterstützung, einem veränderten Mindset und der verdienten Belohnung am Schluss. „Zuerst analysiere ich umfassend: War­um habe ich mein Ziel verfehlt? Dabei ist es wichtig, nicht im Grübeln zu verharren, sondern rechtzeitig einen Punkt zu machen und es zu akzeptieren“, empfiehlt der Coach. „Im Moment der Niederlage, wenn ich traurig und kopflos bin, ist es außerdem ratsam, mir einen Co-Piloten zu holen, der oder die mich in dieser Phase begleitet. Allein bin ich schwach.“

Den Helikopterblick anwenden

Im nächsten Schritt soll der Helikopterblick helfen, die negativen Gedanken in lösungsorientiertes Handeln umzuwandeln: „Wenn ich von oben auf meine Situation gucke und eine ‚Scheiter-Map‘ erstelle, dann hilft mir das, in Zeiten des völligen Chaos den Überblick zurückzugewinnen“, sagt Arnet. Und wenn die Krise überwunden ist? „Dann gehe ich feiern. Ich belohne mich, dass ich die enorme Belastung überwunden habe.“

Auch Psychologin Kucher-Sturm rät dazu, die Ursachen des Nichtbestehens zu analysieren. Dafür kann man Prüfungseinsicht verlangen oder mit Dozenten über die Knackpunkte sprechen. Direkt zur Tagesordnung überzugehen kann überfordern: „Man darf auch traurig sein und für einen Moment innehalten. Wichtig dabei ist, die Aufgabe vom Menschen zu trennen“, erklärt Kucher-Sturm. „Also sich klarzumachen, dass man nicht als Mensch mit der gesamten Persönlichkeit gescheitert ist, sondern diese eine Aufgabe nicht bestanden hat.“

Zu erkennen, dass die misslungene Prüfung nur einen kleinen Teilbereich des Lebens betrifft und andere Aspekte davon unberührt bleiben, hilft, über den Moment des Scheiterns hinwegzukommen. Das heißt, sich etwa ins Gedächtnis zu rufen, dass man in der Freizeit Ruderturniere gewinnt, eine erfüllende Beziehung führt oder sich ehrenamtlich in der Seniorenbetreuung engagiert und somit Wertschätzung außerhalb des Studiums genießt.

Das vermeintlich Negative in etwas Positives zu verwandeln, dem Scheitern eine Chance abzutrotzen, auch das ist Bestandteil des Studiums. Psychologin Kucher-Sturm: „Im Studium lerne ich neben den fachlichen Inhalten vor allem menschlich dazu. Wie ticke ich eigentlich? Was muss ich tun, um erfolgreich zu sein? Wie finde ich meinen eigenen Maßstab?“ Und dann auch mal ehrlich zu sich sein, wie USUS-Bloggerin Elena: „Denn inzwischen weiß ich auch: Ich war nie zu blöd fürs Studieren, nur zu faul.“

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