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Das Ende Sigmund Freuds? : Das Monopol der Verhaltenstherapie

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Daher haben einige von ihnen ihre Universitätskarrieren nicht weitergeführt, sondern sich vor allem in interdisziplinären Forschungsprojekten oder in der psychodynamischen Weiter- und Fortbildung engagiert. Sie wären sehr geeignet, Studenten des neuen Psychotherapiewissenschaftsstudiums ihr eigenes Verfahren theoretisch, empirisch und bezogen auf die praktische Anwendbarkeit zu vermitteln. Das Fachwissen in den unterschiedlichen psychotherapeutischen Verfahren hat sich so sehr erweitert, dass es schwierig ist, dem Stand der Forschung und der Praxisanwendung gerecht zu werden, wenn man sich nicht in einem der Verfahren spezialisiert.

Das Ende der Unterschiede

So hat die umfangreiche empirische Studie der Psychologin Judith Lebiger-Vogel (2011) schon vor einigen Jahren gezeigt, dass die Hochschullehrer und Dozenten in Klinischer Psychologie in ihrer Lehre andere psychotherapeutische Verfahren als das von ihnen präferierte nicht „objektiv“, „neutral“ und „fair“, sondern mit einem abwertenden Unterton vermitteln. Zudem scheint Wissen zu den unterschiedlichen wissenschaftshistorischen Hintergründen und den damit verbundenen unterschiedlichen Menschenbildern, Vorstellungen von „psychischer Gesundheit und Krankheit“ und einem unterschiedlichen Forschungsverständnis kaum mehr gelehrt zu werden, Unterschiede, welche die beiden Hauptströmungen in der Psychotherapie, die psychodynamischen und die verhaltenstherapeutischen, prägen.

So ist die zentrale Schrift des Frankfurter Philosophen Jürgen Habermas (1968) nicht mehr Bestandteil der universitären Bildung heutiger Klinischer Psychologen. Er charakterisierte die Unterschiede in den Psychotherapieverfahren dadurch, dass die psychoanalytischen Ansätze aufgrund ihres Verständnisses von Forschen und Heilen einem „emanzipatorischen Erkenntnisinteresse“, die Verhaltenstherapie einem „technischen Erkenntnisinteresse“ verpflichtet seien. Stattdessen wird von einigen Klinischen Psychologen postuliert, dass eine empirisch abgestützte „Einheitspsychotherapie“ anzustreben sei. Bei näherem Hinsehen werden aber dadurch die eben skizzierten grundlegenden Unterschiede der beiden Psychotherapietraditionen zum Verschwinden gebracht.

Eine solche „Einheitspsychotherapie“ bedeutet deshalb, wie auch das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Forschungsgutachten feststellte (Strauß, 2009), einen Verlust an professioneller Kompetenz. So wurde in den mehr als hundert Jahren klinischer und empirischer Forschung in der Psychoanalyse ein breites Wissen zu den unbewussten Determinanten seelischen Leidens und ihrer Behandlung gesammelt. Es hat dazu geführt, dass wir inzwischen über weit differenziertere Behandlungstechniken und eine Diversität von psychodynamisch basierten Angeboten für Patienten verfügen als zu Freuds Zeiten.

Das Spektrum reicht von Kriseninterventionen, verschiedenen Formen von Kurzzeittherapien bis hin zu unterschiedlichen Formen der Langzeittherapie in verschiedenen Settings (für einzelne Patienten, Gruppen, Familien). Analoges gilt für die Verhaltenstherapie mit ihren lerntheoretischen Begründungen und ihrem naturwissenschaftlichen Forschungsparadigma. Daher hat es einen Verlust an Professionalität zur Folge, wenn eine sogenannte „Einheitspsychotherapie“ gefordert wird, die scheinbar die Ergebnisse verschiedener „Schultraditionen“ integriert, real aber die spezifischen Praxis- und Forschungserfahrungen in höchst problematischer Weise einebnet.

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