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„Mittelalter“ abschaffen? : In den Weiten zwischen Atlantik und Hindukusch

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Braucht es eine neue Periodisierung der Geschichte? So stark der Einfluss des Islams war, für zentrale Fragen der europäischen Geschichte gibt er keine Antwort. Eine Entgegnung auf Thomas Bauer und Michael Borgolte.

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          Thomas Bauer hat in der F.A.Z. und in seinem jüngsten Buch eine neue Periodisierung der Geschichte gefordert, die den Begriff „Mittelalter“ abschafft und – wie schon häufiger, zuletzt von Garth Fowden, vorgeschlagen – als neue Epochengrenze die Zeit um 1050 postuliert; mit einer zweiten Epochengrenze um 1750 erreicht er wieder eine Dreiteilung der Geschichte, deren Mittelteil zwar in den verschiedenen Teilen Asiens und Europas höchst unterschiedlich verlaufe, aber dennoch als „Frühneuzeit“ einen eigenen Charakter aufweise. In einer ersten Antwort kommt Michael Borgolte zur bisherigen Epochengliederung zurück, will aber das Mittelalter in globalhistorischer Perspektive in „Eufrasisches Zeitalter“ umbenennen. Was ist mit diesen Vorschlägen gewonnen, und wie sind sie vor dem Hintergrund der jüngeren Forschungen über die Spätantike und ihren Übergang ins Mittelalter zu bewerten?

          Kontinuitäten sprechen genauso wenig per se gegen eine bestimmte Periodisierung, wie Austausch gegen die Konstruktion eines geographischen Raumes spricht: eines nicht vorgegebenen, sondern für eine bestimmte Fragestellung als sinnvolles Gliederungsinstrument erkannten Raumes. So markiert das Ende der Antike nicht nur das Ende des Römischen Reiches im Westen (ein Prozess, den niemand mehr ernsthaft als ein Ereignis des Jahres 476 beschreiben kann); sie markiert in vielerlei Hinsicht auch das Auseinanderfallen von westlicher und östlicher Hälfte des Mittelmeerraumes. Kontakte bestehen fort, doch markieren schon allein die Sprachen eine immer schärfere Grenze: Die Kenntnisse des Lateinischen gehen im Osten ebenso rasch zurück wie jene des Griechischen im Westen. Dort verfallen nicht nur politische Organisationsformen wie die Stadt als Gemeinde prinzipiell teilhabeberechtigter Bürger. Es bilden sich grundlegend neue gesellschaftliche Strukturen heraus, indem die Stiftung von Sinn, hier: religiösem Sinn, an eine Elite übertragen wird, die an Bildung, Organisationsfähigkeit und bisweilen sogar Reichtum die politischen Eliten auf lange Zeit hin überragen wird.

          Weltgeschichte findet nie in geographisch vorgegebenen Großräumen statt

          Dass man in Europa seitdem immer wieder auf die Antike als maßstabsetzendes, aber auch erklärungs- und kommentarbedürftiges Erbe zurückgeschaut hat, liegt in diesem Bruch begründet; einem Bruch, der in verschiedenen Regionen des westlichen Mittelmeerraumes durchaus unterschiedliche Formen annehmen konnte, teils – wie in Gallien – mit dem Aufstieg germanischer Nachfolgereiche zusammenfiel, teils – wie etwa in Spanien oder Italien – gerade von diesen aufgehalten wurde. Von hier aus sollten römische Herrschaftskonzeptionen und später das römische Recht auch die staatlichen Ordnungen in Westeuropa wesentlich prägen.

          Zu Recht weist Bauer darauf hin, dass die frühe islamische Geschichte sich über weite Strecken ebenfalls als Fortsetzung von oder Rückgriff auf antike Verhältnisse begreifen lässt; lange blieb man diesen antiken Wurzeln teilweise näher als im Westen. Doch standen etwa in Philosophie und Kunst ganz andere Phänomene im Mittelpunkt. Sogar die spätrömische Verwaltung konnte etwa in Ägypten weitergeführt werden. Es ist sehr die Frage, ob ein Römer vom Ende des sechsten Jahrhunderts sich am Ende des siebten im arabisch eroberten Ägypten oder im merowingischen Gallien besser zurechtgefunden hätte.

          Dafür wandelte sich der geographische Rahmen von Geschichte mit den arabischen Eroberungen noch einmal grundlegend. Denn Weltgeschichte findet nie „in geographisch vorgegebenen Großräumen statt“: Diese Räume werden erst in ihr festgelegt. Und den Raum der islamischen Hochkultur, von Marokko bis Samarkand, kann man für die Zeit vor dem Islam nicht sinnvoll beschreiben. Einem Bürger des Römischen Reiches in Marokko bedeutete Zentralasien nichts: weil die Feldzüge Alexanders Episode geblieben waren, führt auch die Vorstellung einer „romano-graeco-iranischen Antike“ – unbeschadet vieler Berührungspunkte – in die Irre. Damaskus und später Bagdad, aus der Perspektive des Römischen Reiches am östlichen Rand gelegen, konnten zu buchstäblich globalen Zentren erst nach den arabischen Eroberungen werden.

          Die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem

          Periodisierungen, ebenso wie die Konstruktion von Räumen, sind immer heuristische Setzungen der Forschung. Die von Bauer vorgeschlagene Periodisierung mag aus der Perspektive der Islamwissenschaft den Vorteil haben, deren Verzahnung mit der (west-)europäischen Geschichte deutlicher hervortreten zu lassen; für zentrale Fragen der europäischen Geschichte verstellt sie jedoch den Blick auf wichtige Brüche, die Neukonstruktion von Räumen – etwa eines „Abendlandes“ bis zum Nordkap – und die teilweise sehr ungleichzeitig verlaufenden Übergange von Spätantike zu Mittelaltern in verschiedenen Räumen und verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen: Leicht werden in den Weiten einer globalen „Frühneuzeit“ vom Atlantik bis zum Hindukusch alle Katzen grau.

          Die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem und diametral entgegengesetze Entwicklungen in Antikerezeption und Antikeverlust könnte eine Periodisierungsdiskussion freilegen, in der variable Periodisierungen gewählt werden. So hat die jüngst erschienene „Cambridge History of the World“ für die Geschichte der Stadt, die Entwicklung von Reichen und für den Handel drei verschiedene Periodisierungen zugrundegelegt. Sie dürfte damit weiter gegriffen haben als Postulate neuer, mit der Wucht globalhistorischer Ansprüche vorgebrachter Periodisierungen.

          Ralf Behrwald ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Bayreuth.

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