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Akademischer Mittelbau : Massentaufe zum Professor

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Protestaktion gegen Dauerbefristung im akademischen Mittelbau vor der Berliner Humboldt-Universität Bild: Kay Herschelmann

Die Misere des Mittelbaus an den Universitäten lässt sich nicht allein über Tenure-Track-Professuren auflösen. Denn nicht jeder kann oder will Professor werden. Eine Replik auf HRK-Präsident Peter-André Alt.

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          Ist die Universität eine demokratische Organisation oder ein Or­ganisation in der Demokratie? Diese Frage ist spätestens seit den Studentenunruhen von 1968 immer wieder gestellt worden. Die Lösung war damals die Neuorganisation der akademischen Selbstverwaltung, von der man sich eine Demokratisierung der Universität und ihrer Selbstverwaltungsstrukturen erhoffte: die Or­dinarienuniversität sollte durch die Gruppenuniversität ersetzt werden. Be­erdigt wurde diese Hoffnung auf eine in ihren Verfahren demokratische Hochschule durch das berühmte Urteil der Bundesverfassungsgerichts von 1973. Be­kanntlich besagt dies, dass die absolute Mehrheit der Professoren in allen Fragen der Selbstverwaltung, die un­mittelbar die Organisation der Forschung betreffen, garantiert sein muss. In Fragen der Lehre, mit denen sich Kommissionen oder Räte beschäftigen, gehört die Hälfte der Stimmen seitdem der Statusgruppe der Professoren, die somit alle anderen Statusgruppen überstimmen können, wenn diese sich nicht einigen. Wohlgemerkt gilt diese Logik nur für staatliche Hochschulen. An privaten Hochschulen ist mehr Demokratie in der Selbstverwaltung möglich.

          Departmentstrukturen, wie sie Jörg Peltzer als eine Möglichkeit der Reform von Karrierewegen vorgeschlagen hat, sind eine absolut diskutable Idee. Sie umzusetzen ist aber vor allem an staatlichen Hochschulen voraussetzungsvoll. Zunächst einmal müsste das Dienstrecht geändert werden, das bisher für den Mittelbau gar keine selbständige Lehre oder Forschung vorsieht. Der erste Schritt wäre also die flächendeckende Übertragung einer selbständigen Wahrnehmung von Aufgaben in Forschung und Lehre auf den Mittelbau, wie es zum Beispiel im Falle von Juniorprofessoren oder Lecturern seit Längerem Usus ist. Dies wäre der erste Schritt in die Unabhängigkeit.

          Die zweite Konsequenz ist wesentlich weitreichender und problema­tischer, weil sie Machtverhältnisse er­schüttert und etablierte Hierarchien ir­ritiert. Departmentstrukturen berühren nämlich auf fundamentale Art und Weise die Interessen der professoralen Statusgruppe, weil diese Form der Or­ga­nisation in Departments schon sehr früh die Unabhängigkeit des sogenannten Nachwuchswissenschaftlers in den Mittelpunkt stellt, nicht dessen Dienstbarkeit für die Interessen des Pro­fessors.

          Forschung als Dienstpflicht statt für den Vorgesetzten

          An den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten mag diese konsti­tutionelle Unabhängigkeit funktionieren (wie zum Beispiel in einigen Einheiten der Reformuniversität Bielefeld), an stark hierarchisch geprägten Fakultäten wie den ingenieurswissenschaftlichen oder medizinischen mit Sicherheit nicht. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass Doktoranden in den Ingenieurswissenschaften oder in der Medizin, die durch die Universität und damit durch öffentliche Mittel finanziert werden, einen guten Teil ihrer Ar­beitszeit­ressourcen in die Unterstützung extracurricularer Aktivitäten mit Gewinn­absicht ihres Vorgesetzen investieren müssen. Das weiß jedes Rektorat, jeder Dekan. In Dänemark wurde gerade eine Initiative gestartet, die auf diese Form der Ausbeutung aufmerksam macht.

          Insofern ist Peter-André Alts Hinweis auf die Forschungslogik in den „Technik- und Naturwissenschaften“ wohlfeil, da er das eigentliche Problem, nämlich die unmittelbare Abhängigkeit, auf die Ebene der Forschungsorganisation ver­­schiebt. Ändern kann oder will niemand etwas, weil eine Universität nun einmal nicht gegen die Interessen der Ingenieure und der Mediziner regierbar ist. Eine Lösung wäre, die Fakultäten oder sogar die Institute in den Fragen der Organisation autonom werden zu lassen. Nach Möglichkeit sollte jede Einheit über die Form der Organisation von Forschung und Lehren selbst entscheiden.

          Bei aller Durchdachtheit weisen Jörg Peltzers Vorschläge doch einen blinden Fleck auf: Es gibt bisher keine institutionalisierten Anerkennungsstrukturen, etwa in Form von Ziel- und Leistungsvereinbarungen, für die Leistungen des Mittelbaus; weder für hervorragende Forschung, noch für ein über Gebühr erfolgendes Engagement in der Lehre und schon gar nicht für die Betreuung von studentischen Qualifikationsschriften. Es ist ja ein sys­temisches Problem, dass die sogenannte Postdoc-Phase institutionell eher schwebend ist und weder rechtlich noch institutionell klar definiert ist: Drittmittel zur Finanzierung der eigenen Stelle einzuwerben ist etwas vollkommen anderes als an einem Lehrstuhl zu arbeiten, Juniorprofessor zu sein erscheint different zur Postdoc Rolle als Leiter einer Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe.

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