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Migrationsforschung : Wissenschaft mit Agenda?

  • -Aktualisiert am

Erste Integrationsschritte: Flüchtlingskind in einem Aufnahmelager Bild: Reuters

Die Politik erwartet von der Migrationsforschung einen positiven Beitrag zur Integration. Den Vorwurf der Parteilichkeit weisen die Wissenschaftler aber von sich.

          4 Min.

          Die Berliner Migrationsforscherin Naika Foroutan hat vergangenes Jahr im Universitätsjournal der TU Dresden aufgezählt, was die Integrationsforschung alles versäumt hat: Es sei ihr nicht gelungen, Einwanderung „narrativ und politisch als eine Erfolgsgeschichte zu erzählen“, obwohl die empirischen Daten doch deutliche Hinweise für diesen Erfolg geliefert hätten. Auch die Verknüpfung von Migration mit Bedrohung und die Wahrnehmungen der Bevölkerung von Integration als eine Geschichte des Scheiterns habe die Forschung nicht verhindert. Es wäre daher sinnvoll, zu lernen, so Foroutan, wie diese Daten besser aufbereitet werden könnten, damit sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich würden.

          Immerhin gibt es inzwischen das von Foroutan gemeinsam mit Frank Kalter geleitete Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim). Der Sozialpsychologe Andreas Zick, derzeit Sprecher der „Forschungs-Gemeinschaft“ des Dezim, sieht dessen Aufgabe darin, „Kenntnisse so aufzubereiten, dass Migration weniger als Gefahr denn als Chance erkannt wird“. Ist das Dezim eine PR-Agentur für Zuwanderung?

          Die Verantwortlichen weisen den Vorwurf natürlich zurück. Die Projekte des Zentrums „berührten“ selbstverständlich auch die Konflikte und Probleme der Einwanderungsgesellschaft, stellen Foroutan und Kalter gegenüber dieser Zeitung klar. Dennoch sei es richtig, dass „ein besonderer Schwerpunkt des Zentrums auf migrationsbezogenen Integrationsprozessen liegt und auf den „Mechanismen, die ,gelingender‘ oder ,nicht-gelingender‘ Integration zugrunde liegen“. Die deutsche Gesellschaft sei jedoch längst eine „postmigrantische“, sie müsse gar nicht mehr in eine solche transformiert werden. „Wir gehen davon aus“, so die Leiter des Dezim, dass in dieser Postmigrationsgesellschaft die „Konflikte zu- statt abnehmen und diese Konflikte das gesellschaftliche Zusammenleben rekonfigurieren – mit offenem Ausgang“.

          Ein Problem der Wahrnehmung?

          Einseitigkeit bei der Themenwahl kann man dem Dezim nicht vorhalten. Der Vorwurf, bei der Auswahl seiner Projekte zu sehr auf die Diskriminierungserfahrungen der muslimischen Zuwanderer insbesondere aus der Türkei konzentriert zu sein, wird entschieden zurückgewiesen. Man verstehe Migration im Gegenteil sehr breit und versuche gerade, das Verständnis für die wachsende Heterogenität der Migration und der sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebensbedingungen zu schärfen.

          Auch der Vorwurf, man betreibe am Dezim keine Forschung zur ökonomischen Dimension der postmigrantischen Gesellschaft, die in der Gesellschaft oft als „Flüchtlingsindustrie“ diffamiert wird, wird von Foroutan und Kalter zurückgewiesen, wenngleich man den Begriff „Migrationsindustrie“ nicht selbst verwende. Am „Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung“ (BIM), das ebenfalls Teil der Forschungsgemeinschaft des Dezim ist, gehe eine ganze Nachwuchsforschergruppe der Frage nach, welche Folgen die Migration, darunter auch der starke Anstieg der Fluchtmigration in den Jahren 2015 und 2016, für den Sozialstaat in Deutschland habe. Auch dem Thema Ausländerkriminalität weiche man nicht aus, so habe man bei der Bundesregierung ein Integrationsmonitoring eingeworben. Die Analyse der Kriminalitätsstatistik sei ausdrücklich Teil dieses Monitorings.

          Mit seinen 27 Projekten lässt das Dezim tatsächlich nichts aus, eher vermisst man eine ordnende Struktur. Hier herrscht die für staatliche Auftragsforschung typische Furcht vor, sich um irgendeinen Aspekt des konfliktreichen Themas nicht gekümmert zu haben. Aber kann man dem Dezim vorwerfen, diese konfliktreiche Wirklichkeit mit den Mitteln der Sozialpsychologie zu einem Problem der richtigen Wahrnehmung zu erklären? Seit Jahrzehnten, so Foroutan und Kalter, lasse sich ein Trend zu einer positiven Bewertung von Migration beobachten, und nur „daneben“ existiere auch eine massive Ablehnung. Diese erklärt man damit, „dass Migration von Teilen der Bevölkerung als Bedrohung wahrgenommen wird, so dass Konflikte und Polarisierungen entstehen, die Integrationsprozesse gesamtgesellschaftlich eher hemmen“.

          Das ist zumindest eine erstaunliche Kausalitätskonstruktion: Nicht die realen Konflikte sollen die Ablehnung verursachen, sondern die Wahrnehmung der Zuwanderung als Bedrohung. Integration lässt sich nach dieser Annahme vor allem dort stärken, wo Migration als Chance wahrgenommen wird. Es sei sogar „sehr wahrscheinlich“, so Foroutan, „dass durch die Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse und sachlicher Information Migration häufiger als Chance denn als Gefahr erkannt werden“ könne.

          Erwartungen der Politik

          Man kann es Sozialwissenschaftlern nicht verdenken, dass sie so sehr von der Wirksamkeit ihrer Publikationen überzeugt sind. Aber wenn es wirklich auf die positive Verstärkung der richtigen Wahrnehmung von Migration ankommt, müsste man dann ihre negativen Seiten in der Forschung am besten gar nicht erst erwähnen? Es ehrt die Dezim-Forscher, dass sie sich einer solchen Erwartung verweigern, aber wer im Dienst der Politik forscht, weiß auch, dass sich diese dem sozialen Zusammenhalt verpflichtet weiß. Je unvoreingenommener sich die Migrationsforschung der konfliktreichen Empirie ihres Gegenstandes stellt, desto mehr muss sie mit den normativen Erwartungen der Politik in Konflikt geraten.

          In ihrem Gespräch mit der TU Dresden nannte Foroutan diese Erwartungshaltung dann auch „zu groß“: Die Migrationsforschung solle nicht nur Fluchtursachen erklären und möglicherweise präventiv voraussagen. Es werde auch verlangt, Vorlagen für Integrationspolitiken zu entwickeln, Hinweise zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu geben, den Anstieg von migrationsfeindlichen Bewegungen zu erklären und am Ende auch noch Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Die Migrationsforschung, so Foroutan, werde „aufgefordert, sich mehr einzumischen“, und müsse gleichzeitig das Vertrauen in ihre „empirische Nüchternheit“ aufrechterhalten.

          Nun kann die durch so viel politische Aufmerksamkeit genährte Überzeugung der eigenen Bedeutung auch nüchterne Sozialforscher trunken machen. Das beste Gegenmittel wäre größere institutionelle Unabhängigkeit gegenüber der Politik gewesen. Keiner hat die deutsche Migrationsforschung vor drei Jahren gezwungen, sich ausgerechnet in Form der Ressortforschung das Vertrauen in ihre empirische Unvoreingenommenheit zu erhalten.

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