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Migrationsforschung : Wissenschaft mit Agenda?

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Mit seinen 27 Projekten lässt das Dezim tatsächlich nichts aus, eher vermisst man eine ordnende Struktur. Hier herrscht die für staatliche Auftragsforschung typische Furcht vor, sich um irgendeinen Aspekt des konfliktreichen Themas nicht gekümmert zu haben. Aber kann man dem Dezim vorwerfen, diese konfliktreiche Wirklichkeit mit den Mitteln der Sozialpsychologie zu einem Problem der richtigen Wahrnehmung zu erklären? Seit Jahrzehnten, so Foroutan und Kalter, lasse sich ein Trend zu einer positiven Bewertung von Migration beobachten, und nur „daneben“ existiere auch eine massive Ablehnung. Diese erklärt man damit, „dass Migration von Teilen der Bevölkerung als Bedrohung wahrgenommen wird, so dass Konflikte und Polarisierungen entstehen, die Integrationsprozesse gesamtgesellschaftlich eher hemmen“.

Das ist zumindest eine erstaunliche Kausalitätskonstruktion: Nicht die realen Konflikte sollen die Ablehnung verursachen, sondern die Wahrnehmung der Zuwanderung als Bedrohung. Integration lässt sich nach dieser Annahme vor allem dort stärken, wo Migration als Chance wahrgenommen wird. Es sei sogar „sehr wahrscheinlich“, so Foroutan, „dass durch die Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse und sachlicher Information Migration häufiger als Chance denn als Gefahr erkannt werden“ könne.

Erwartungen der Politik

Man kann es Sozialwissenschaftlern nicht verdenken, dass sie so sehr von der Wirksamkeit ihrer Publikationen überzeugt sind. Aber wenn es wirklich auf die positive Verstärkung der richtigen Wahrnehmung von Migration ankommt, müsste man dann ihre negativen Seiten in der Forschung am besten gar nicht erst erwähnen? Es ehrt die Dezim-Forscher, dass sie sich einer solchen Erwartung verweigern, aber wer im Dienst der Politik forscht, weiß auch, dass sich diese dem sozialen Zusammenhalt verpflichtet weiß. Je unvoreingenommener sich die Migrationsforschung der konfliktreichen Empirie ihres Gegenstandes stellt, desto mehr muss sie mit den normativen Erwartungen der Politik in Konflikt geraten.

In ihrem Gespräch mit der TU Dresden nannte Foroutan diese Erwartungshaltung dann auch „zu groß“: Die Migrationsforschung solle nicht nur Fluchtursachen erklären und möglicherweise präventiv voraussagen. Es werde auch verlangt, Vorlagen für Integrationspolitiken zu entwickeln, Hinweise zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu geben, den Anstieg von migrationsfeindlichen Bewegungen zu erklären und am Ende auch noch Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Die Migrationsforschung, so Foroutan, werde „aufgefordert, sich mehr einzumischen“, und müsse gleichzeitig das Vertrauen in ihre „empirische Nüchternheit“ aufrechterhalten.

Nun kann die durch so viel politische Aufmerksamkeit genährte Überzeugung der eigenen Bedeutung auch nüchterne Sozialforscher trunken machen. Das beste Gegenmittel wäre größere institutionelle Unabhängigkeit gegenüber der Politik gewesen. Keiner hat die deutsche Migrationsforschung vor drei Jahren gezwungen, sich ausgerechnet in Form der Ressortforschung das Vertrauen in ihre empirische Unvoreingenommenheit zu erhalten.

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