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#MeToo-Debatte : Vermintes Gelände am Arbeitsplatz

In der Arbeitswelt hat die #MeToo-Debatte zu viel Verunsicherung geführt. Bild: dpa

Die #MeToo-Debatte hat viel Unsicherheit in die Büros gebracht: Was ist harmlose Freundlichkeit, was ein frecher Flirt? Und wann ist eine Grenze überschritten?

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          Es hat sich viel verbessert, aber wir sind weit davon entfernt, ein entspanntes Verhältnis zwischen Männern und Frauen am Arbeitsplatz zu haben. Das sagt Stefanie Stahl. Die Diplompsychologin aus Trier beobachtet eine wachsende Verunsicherung. Dabei meint sie nicht die eindeutigen Fälle sexueller Attacken eines Harvey Weinstein. „Da geht es um Machtgefälle und Dominanzstreben von Leuten, die es sehr weit oben an die Spitze gebracht, dabei aber völlig den Kontakt zur Realität verloren haben. Sie wähnen sich gottähnlich, haben kein Unrechtsbewusstsein, dafür aber narzisstische Strukturen“, sagt Stahl. Schwieriger zu beurteilen seien die Grenzfälle. Bei diesem Thema sind Klischees sicher programmiert: Ein Mann gilt tendenziell als toller Hecht, wenn er beim anderen Geschlecht prächtig ankommt und begehrliche Blicke auf sich zieht, während eine Frau im umgekehrten Fall schnell als Schlampe dasteht.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          An der Materialfrage schwächelt die Diskussion nur punktuell: Jede zweite Frau wurde schon einmal sexuell belästigt, da ist die Statistik recht klar. Wie oft das Männern widerfahren ist, darüber gibt es dagegen – bisher – keine Untersuchungen. Aber einen beinahe ebenso prominenten Fall, wie den des Harvey Weinstein: Der Schauspieler Kevin Spacey wird unter anderem der versuchten Vergewaltigung eines seiner männlichen Schauspielschüler beschuldigt. Und der Schauspieler Anthony Rapp wirft Spacey vor, in der Vergangenheit übergriffig geworden zu sein. Auch Männer können also durchaus Opfer werden, selbst wenn die Mehrheit der Vorfälle Frauen betreffen mag.

          Sachlichkeit tut der Debatte in jedem Fall gut. Aber wie soll das gehen, wenn sich einerseits eine 180-Prozent-Feministin und aggressive Binnen-I-Verteidigern schon darüber aufregt, wenn das Wort „Altweibersommer“ in einem Text auftaucht? Wie soll das andererseits möglich sein, wenn ein junger Agenturleiter es völlig in Ordnung findet, über „die neue rattenscharfe Kollegin“ und deren Qualitäten herzuziehen, die weder oberhalb der Schultern angesiedelt seien noch etwas mit inneren Werten zu tun hätten? Es sind keineswegs nur die ergrauten Kerle, die noch in der Steinzeit studiert zu haben scheinen, die bei der hübschen Assistentin „touchy“ werden. Sensibel werden Menschen für schräge Töne oft erst, wenn sie selbst oder ihre Kinder Opfer solcher Konfrontationen werden. Dann ist es nicht mehr in Ordnung, anzügliche Die-hat-wohl-ihre-Tage-Zicken-Zoten zu reißen, sondern dann wird das als gezielte Demütigung erlebt und geahndet. Bei Betroffenheit verschieben sich die Toleranzgrenzen; was vormals als Altherrenwitz abgetan wurde, bekommt jetzt die rote Karte.

          Wo hört kollegiale Freundlichkeit auf, wo fängt unkollegiale Belästigung an? Wo verläuft die Grenze zwischen Flirt und unerwünschter Anmache? Wer soll sich da noch auskennen? Das aber fordert die Psychologin Stahl ein: „Wenn man sich als Mann öffnet, dann sieht man doch, ob man eine empfindsame, zarte Seele vor sich hat, die man vorsichtig, mit respektvoller Distanz behandeln muss, oder einen robusten Kumpeltyp, bei dem es derber zugehen kann.“

          Empathie stärken

          Die Therapeutin fordert, gezielt zu üben, Empathie zu stärken, und rät, sich kritisch zu fragen: Soll meine eigene Tochter, Frau oder Mutter so behandelt werden? Männer sollten sich Gefühle der Schwäche erlauben. „Sie können zwei Gefühle gut: Freude und Aggression.“ Schwieriger dagegen seien Angst, Hilflosigkeit, Trauer. Ausdrücklich stellt Stahl klar: „Wir sprechen über die feineren Bereiche. Was eine Vergewaltigung ist, das weiß der Täter. Da gibt es nichts zu diskutieren.“

          Die Grenzen sexueller Annäherung sind hingegen fließend und werden von jedem anders definiert. Auch das gilt übrigens für beide Geschlechter gleichermaßen. „Das ist für mich eine Typfrage“, sagt ein Stuttgarter Vertriebsleiter, den wir hier Burkard Beer nennen. Der 54-Jährige steht viel im Kundenkontakt und sieht sowohl Männer als auch Frauen, die einem heftigen Flirt oder mehr zugeneigt sind – „wenn das Scheunentor offen ist, dann wird da durchgegangen“.

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