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Positivismusstreit : Ein Quexit in der Soziologie?

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Das wird sicher davon abhängen, wie grundsätzlich man jetzt streitet. Oder wie polemisch. Stefan Hirschauer jedenfalls, Inhaber einer Professur für Soziologische Theorie und Gender Studies in Mainz, hat in seiner Kritik an der AS den Weg der maximalen Polemik eingeschlagen. In einer Replik auf einen Beitrag von Hartmut Esser (Universität Mannheim) in der „Zeitschrift für Theoretische Soziologie“ nennt Hirschauer diesen den Spiritus Rector hinter der Gründung der AS. Die von Esser und der AS exemplarisch verkörperte individualistisch-quantifizierende Soziologie habe sich laut Hirschauer so sehr an den Rand des Faches manövriert, dass sie nun auch ihren organisatorischen Rückzug angetreten habe – den Quexit. Für die „Mannheimer“ findet Hirschauer nur noch Worte des Mitleids: „mannhaftes Objektivitätsethos“ kumuliere in genderisierten Dominanzgesten, und ihre Idealisierung der Wirtschaftswissenschaften als natürlichem Kooperationspartner diene nur der Selbstpositionierung dieser Soziologie in einer „Verachtungskaskade“ gegenüber den angeblich so unwissenschaftlichen qualitativen Kollegen.

Messbarkeitsfetisch gegen Professionalitätsdefizit

Darum kritisiert Hirschauer vor allem die Namensgebung und das öffentliche Auftreten der AS. Geradezu unverschämt sei deren Anmaßung, der großen Mehrheit der Soziologen implizit Wissenschaftlichkeit und Professionalität abzusprechen und damit den soziologischen Gesellschaftsvertrag aufzukündigen, der darin bestehe, dass man eigene Kompetenzgrenzen kennt und fremde Kompetenzen respektiere. Man behaupte, die Gründung der AS sei eine Reaktion auf die allgemeine Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft, reklamiere deren Behebung aber für sich allein und biedere sich dabei den datenhungrigen Akteuren in Politik und Wirtschaft an.

Die epistemologische und theoretische Grundhaltung der AS reiche fraglos für effiziente und nützliche Sozialforschung, meint Hirschauer, aber eine professionelle Distanz zur Gesellschaft insgesamt lasse sich in ihrem selbstgewissen Milieu nicht mehr erreichen. Dennoch sei der Auszug der AS aus der DGS bedauerlich. Denn es stünde ganz außer Frage, dass die sorgfältige Tatsachenkonstruktion der quantitativen Sozialforschung in mancher gesellschaftlichen Debatte zur Versachlichung beitrage. Doch man solle doch bitte nicht das Messbare der Gesellschaft immer noch mit dieser selbst verwechseln.

Thomas Hinz, Professor für Soziologie an der Universität Konstanz und aktueller Vorstandsvorsitzender der AS, hält Hirschauers Vorwurf eines Alleinvertretungsanspruches der AS für absurd und hofft, dass Hirschauers „wenig hilfreiche Verunglimpfung“ der AS einer zukünftigen Zusammenarbeit mit der DGS nicht im Wege stehen werde. Die Gründung der AS sei überfällig gewesen und habe durch die von ihr angestoßene Diskussion über Professionalisierungsdefizite in der deutschen Soziologie schon jetzt ihre Bestätigung erfahren. Die AS habe sich auch ganz offen in Göttingen am Rande des Soziologentages getroffen, von Tendenzen der Abspaltung könne also gar nicht die Rede sein. Es sei doch eher irritierend, wenn die DGS jetzt an die Kandidaten für die kommenden Wahlen zu ihrem Konzil einen Fragebogen verschickt, worin diese ihren „Standpunkt“ zur AS erklären sollen.

Statistik oder Essay – eine unversöhnliche Alternative?

Die DGS will diese Informationen anschließend veröffentlichen, um ihren Mitgliedern „deren Wahlentscheidung zu erleichtern“, teilt die Geschäftsstelle der DGS-Vorsitzenden Nicole Burzan mit. Beschlossen übrigens von den Mitgliedern des aktuellen Konzils der DGS. Sollte diese Form einer öffentlichen Gesinnungsabfrage also nur der Sicherung der eigenen Pfründe dienen?

Man muss die Soziologen vielleicht einmal daran erinnern, dass diese Pfründe sowieso nicht die ihrigen sind, sondern größtenteils öffentlichen Mitteln entstammen. Die Gesellschaft darf von den sie Erforschenden einen verantwortungsbewussten Umgang mit diesen erwarten. Benötigt wird beides: die entscheidungsleitenden Daten der quantitativen Surveys wie die dichten Beschreibungen der zeitdiagnostischen Soziologie. Wir brauchen unbestreitbare sozialwissenschaftliche Statistik, aber auch streitbare gesellschaftstheoretische Essays, deren Inspirationen durch den Einspruch nachprüfbarer Wissensbestände einem akademischen Formzwang ausgesetzt wurden, der das Ergebnis auch für den Laien unterscheidbar machen sollte von Journalismus, von Literatur und besonders von politischer Programmatik.

Wie viel und welche Institutionen dieser Erwartung am Ende dienlich sind, müssen die Soziologen selbst herausfinden. Mit einem endlosen Streit um die einzig richtige Soziologie ist dagegen keinem gedient.

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