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Ute Lemper : Mal Vamp, mal Mutter

La Lemper: Ihr Durchbruch gelang Ute Lemper 1987 in Paris mit einer umjubelten Darstellung der Sally Bowles in „Cabaret” Bild: Roland Lindner

In Deutschland wurde Musicalstar Ute Lemper erst gefeiert, dann verrissen. Heute lebt sie in New York - und ist weiterhin gut im Geschäft.

          5 Min.

          Im Wohnviertel von Ute Lemper an der Upper West Side in New York herrscht kein Mangel an Prominenten: „Michael Douglas geht gleich hier um die Ecke ins Fitnessstudio, und die Tochter von Matt Damon ist in der gleichen Schule wie mein Sohn“, erzählt die deutsche Sängerin, die seit 13 Jahren in New York lebt. Neben solchen Hollywood-Größen fällt Lemper nicht weiter auf, doch ab und zu kommt es schon vor, dass sie jemand auf der Straße erkennt und anspricht. „Aber ganz unaufgeregt, so wie die New Yorker halt sind.“

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          In New York ist Ute Lemper längst heimisch und etabliert. Sie hat sich hier niedergelassen, weil sie meinte, nirgendwo anders so gut hinzupassen. Nicht in ihre deutsche Heimat, zu der sie lange Zeit ein schwieriges Verhältnis hatte. Nicht nach London („zu wenig entspannt“) und nicht nach Paris („zu arrogant und nationalistisch“), wichtige Stationen in ihrer Karriere. Im Schmelztiegel New York fühlt sie sich dagegen zugehörig, schließlich definiert sich die Stadt seit jeher als ein Magnet für Menschen, die ihre Wurzeln anderswo haben.

          „Ich sehe mich heute als New Yorkerin“, sagt die 47 Jahre alte Lemper. Sie lebt hier mit ihrem amerikanischen Mann und ihren drei Kindern, und sie hat ihre Nische in der New Yorker Unterhaltungsszene gefunden. Mal hat sie Engagements in hippen Downtown-Musikclubs, dann wieder auf Jazz- und Kabarettbühnen an der feinen Upper East Side oder auch in der berühmten Carnegie Hall. Und von ihrem New Yorker Stützpunkt aus geht Lemper immer wieder auf Tourneen in der ganzen Welt.

          Auf Abstand zu ihrer Heimat

          Ute Lemper strahlt heute Gelassenheit aus, wenn sie über ihre Karriere spricht. Auf die Achterbahnfahrt in der Anfangszeit kann sie verzichten, jetzt haben sich die Dinge auf einem Niveau eingependelt, mit dem sie gut leben kann. Sie wurde nach ihren ersten Erfolgen hoch gejubelt als die nächste Marlene Dietrich, dann aber auch wieder gnadenlos verrissen, jedenfalls in Deutschland. Sie ging auf Abstand zu ihrer Heimat, näherte sich vorsichtig wieder an und holte sich Anerkennung zurück: „Heute geht man in Deutschland sehr respektvoll mit mir um“, sagt sie. Lemper ist jetzt an einem Punkt, wo sie international gefragt ist, ohne den ganz großen Starrummel um sich zu haben. „Ich bin bis Ende 2012 gebucht. Manchmal würde ich sogar gerne ein bisschen zurückschrauben, ein paar weniger Jetlags wären nicht schlecht.“

          Begeisterung für Singen und Tanzen hatte Ute Lemper schon als kleines Mädchen in Münster. Sie erinnert sich noch an die Samstage, als der Nachbar zur „Sportschau“-Zeit mit dem Besenstiel an die Decke klopfte, weil er sich von ihrem Gesang gestört fühlte. Den Traum, ein Star zu werden, hatte sie aber nicht von Anfang an. Sie wusste nur, was überhaupt nicht in Frage kam: in Münster zu bleiben, das ihr zu katholisch und konservativ war, und in einer Bank zu arbeiten so wie ihr Vater, auch wenn der das gerne gesehen hätte.

          Der entscheidende Anstoß, einen künstlerischen Weg einzuschlagen, kam schließlich vom Besuch einer Theaterakademie in Salzburg während der Sommerferien. „Da haben mir alle geraten, sofort nach dem Abi auf die Schauspielschule zu gehen.“ Nur zu gerne ließ sie Münster hinter sich, studierte zunächst Tanz in Köln und dann Schauspiel in Wien. Dort sicherte sie sich 1983 ihre erste größere Rolle im Musical „Cats“, es folgten Engagements in Berlin und Stuttgart.

          „Der Druck war riesig“

          Der große Durchbruch kam 1987 im Pariser Mogador-Theater, mit einer umjubelten Darstellung der Sally Bowles in „Cabaret“. Auf einmal lag Paris „La Lemper“ zu Füßen, in Deutschland wurde das mit Stolz registriert. Nach dem Pariser Triumph stürzte sie sich in eine Solokarriere, ihre erste Platte mit Liedern von Kurt Weill verkaufte sich 250.000 Mal und kam später sogar in die amerikanischen Charts. Viele weitere Platten und CDs folgten.

          Im Rückblick findet sie selbst, dass der Sprung zur Solokünstlerin übereilt war und sie sich ein Stück weit hat verheizen lassen: „Der Druck war riesig, und ich war noch sehr jung. Ich hätte mich erst einmal noch zehn Jahre aufs Theaterspielen beschränken sollen. Andererseits hätte ich dann wohl den Absprung verpasst.“ Lemper wurde immer bekannter und präsenter, aber in Deutschland mischten sich in die anfängliche Bewunderung bald auch negative Stimmen. Ein Tiefpunkt waren die vernichtenden Kritiken ihrer Darstellung der Lola in einer Berliner Inszenierung von „Der Blaue Engel“ im Jahr 1992: „Es ist dieser fabrizierte und mediengesteuerte Mechanismus: Erst wird man in den Himmel gelobt, dann fallengelassen.“ Trotz der Rückschläge in Deutschland feierte sie anderswo weiter Erfolge, zum Beispiel 1998 in London mit einem preisgekrönten Gastspiel als Velma Kelly im Musical „Chicago“. Diesen Part spielte sie im gleichen Jahr auch am New Yorker Broadway.

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