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Tyler Brûlé : Einsamer Stern am Medienhimmel

  • -Aktualisiert am

Bild: Henning Hoff

Ein Hinterhalt in Afghanistan hat das Leben des jungen Journalisten verändert. Heute genießt Tyler Brûlé als Verleger, Werber und Kolumnist eine Menge Einfluss.

          5 Min.

          Im März 1994, auf der Fahrt im zerbeulten Toyota durch das vom Bürgerkrieg zerrissene Kabul, wurde es um den kanadischen Journalisten Tyler Brûlé auf einmal gespenstisch ruhig. Der damals 25jährige Brûlé, für das Magazin „Focus“ unterwegs, und Fotograf Zed Nelson bedeuteten dem Dolmetscher, auf der plötzlich leeren Straße umzukehren. Da fielen schon die ersten Schüsse. Der afghanische Fahrer riss den Wagen herum, fast wären Brûlé und seine Begleiter in einen Graben gerutscht. Sie schienen schon entkommen zu sein, als mehrere Maschinengewehrsalven ihr Auto buchstäblich zersiebten. Brûlé, der sich auf den Boden drückte, starrte auf die blutverschmierte Wagendecke. Wie durch ein Wunder überlebten die Insassen, obwohl alle von Kugeln getroffen wurden. Brûlé kann seitdem seine linke Hand nicht mehr bewegen.

          In Afghanistan war Brûlé, der ansonsten in schwindelerregendem Tempo zu fast jedem Flecken des Globus jettet, nie wieder. Es scheint weit weg im kleinen, eleganten Seitenstraßen-Bürohaus nahe des Londoner Bahnhofs Marylebone und ist doch gar nicht so fern. Ohne dieses Erlebnis wäre sein Leben anders verlaufen, ist sich Brûlé sicher. „Ich hatte danach eine ganze Reihe von Erweckungserscheinungen. So eine Erfahrung zwingt einen, sich ganz neu zu überlegen, was man mit dem Rest seines Lebens anfangen will“, erzählt Brûlé, „es hat meine Einstellung verändert, und wenn ich heute zurückblicke – so schlimm, wie es war –, bedaure ich es auf eine seltsame Weise nicht.“ Natürlich wolle er das nicht noch einmal erleben. „Aber wenn es nötig war, um all das hier zu erreichen“, sagt Brûlé und weist mit der rechten Hand vage auf die sich türmenden Magazine, Kampagnenentwürfe und Fotostrecken. „Ich will nicht sagen, dass es das wert war, aber ohne die Erfahrung wäre ich nicht, wo ich jetzt bin. Und ich bin sehr glücklich, wo ich jetzt bin.“

          Aus Kanada nach London zur BBC

          Bis zur Verwundung in Afghanistan war Brûlé ein vor allem frei arbeitender Fernseh- und Magazinreporter, der schnell die Auftraggeber wechselte. Als Kind eines Profifußballers und einer Künstlerin in Winnipeg geboren, wollte er früh Journalist werden. Im Haus seiner estnischen Tante Anita blätterte er im „Spiegel“ ebenso wie in „Time“ und „National Geographic“. Sein Traum war es, die Hauptnachrichten im kanadischen Fernsehen zu moderieren. Er besuchte die Ryerson-Journalistenschule in Toronto und kellnerte bei Mövenpick. Aber das Ganze ging ihm nicht schnell genug. Viel schneller ging es in England. Brûlé bewarb sich als Rechercheur für die BBC in Manchester, wurde aber gleich als TV-Reporter eingestellt. Bald wechselte er nach London und arbeitete für das amerikanische, kanadische und australische Fernsehen. Mit 21 Jahren war er schon London-Büroleiter eines amerikanischen Senders – eine steile Karriere, selbst wenn das Büro nur aus ihm und einem Assistenten bestand. Anschließend wurde er Magazinjournalist und schrieb für mehrere Zeitschriften mit internationalem Ruf.

          Sein Konzept half der angeschlagenen Fluglinie Swiss
          Sein Konzept half der angeschlagenen Fluglinie Swiss : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          „Zu allererst braucht man Neugier“, sagt Brûlé, der auf Formularen unter Berufsbezeichnung bis heute „Journalist“ einträgt. „Hinzu kommt eine offene, liberale, internationale Einstellung, und man muss ein recht widerstandsfähiger Charakter sein, gerade am Anfang. Denn da geht es fast nur darum, dass man abgewiesen wird, dass einem ‚nein!‘ gesagt wird, dass man Kritik einstecken muss. Man muss sehr hartnäckig sein, Verkaufstalent haben und an seinem Ruf arbeiten – als freier Journalist besonders, aber auch, wenn man in einer Redaktion oder einem Unternehmen arbeitet.“

          Im Krankenhaus reiften die Pläne

          Dann kam der Hinterhalt in Afghanistan. „Es hat mich sicher für eine Zeit etwas verlangsamt“, sagt Brûlé. Während er im Krankenhaus lag, kam ihm die Idee für ein neues, internationales Magazin: „Wallpaper“ – das Magazin mit dem Sternchen – stemmte Brûlé 1996 fast im Alleingang. Die Auflage kletterte schnell auf 35.000. Ein Jahr später verkaufte er die Mehrheitsanteile des zur Stilbibel der neunziger Jahre avancierten Magazins, das mal atemlos, mal ironisch durch die Welt von Mode, Design und Luxusprodukten wandelte, für angebliche 1,6 Millionen Dollar an den Konzern Time Warner. 2000 ehrte ihn die British Society of Magazine Editors mit einem Lifetime Award – mit 31 Jahren.

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