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Thomas Schmidt-Ott : Mit dem Cello zu den Pinguinen

  • -Aktualisiert am

Zirkusdirektor, Kapitän und Intendant: Thomas Schmidt-Ott Bild: Andreas Pein

Brotlose Kunst ist sein Ding nicht. Thomas Schmidt-Ott hat Musik und Marketing zusammengeführt und verantwortet heute das gehobene Kulturprogramm auf Kreuzfahrten.

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          Schon als Student unternahm er Kreuzfahrten. Den Amazonas hinauf, rund um die Arabische Halbinsel, Australien und Hawaii. „Ich habe vermutlich mehr Zeit auf Kreuzfahrtschiffen verbracht als an der Uni.“ Thomas Schmidt-Ott grinst. Damals waren die Schiffe noch schwimmende Altenheime: „Mumienschlepper“ hieß das in der Branche. Zur Zerstreuung des betagten Publikums gab Schmidt-Ott gemeinsam mit drei Kumpeln von der Universität klassische Konzerte auf hoher See. Ein kurioses Hobby in exotischer Umgebung, das sich als außerordentlich inspirierend erweisen sollte, selbst in wissenschaftlicher Hinsicht. „Achtzig Prozent meiner Doktorarbeit sind an Bord von Kreuzfahrtschiffen entstanden.“ Wieder ging es um Musik und Wirtschaft. Schmidt-Ott promovierte über amerikanisches und deutsches Orchestermarketing.

          Konzertiert er heutzutage mit seiner Band „Yellow Cello“ auf hoher See, erlebt das Publikum einen Musiker, Wissenschaftler, Unternehmer und Produzenten, der Kunst, Unterhaltung, Forschung und Finanzen verschmilzt – und zwar äußerst erfolgreich. Beim Kreuzfahrtanbieter TUI Cruises verantwortet Schmidt-Ott das Unterhaltungsprogramm. Das ist derzeit sein Hauptprojekt, gewachsen auf dem Nährboden etlicher ungewöhnlicher Shows, Konzerte, Aufführungen und Vorstellungen, die Schmidt-Ott jahrelang mit seinem Partner, dem Konzertmeister, Regisseur und Dramaturgen Wolfram Korr konzipiert und organisiert hat. Bei einigen seiner außergewöhnlichsten Events gehörte Schmidt-Ott selbst mit zu den Akteuren. Für einen Musikfilm sprang er mit dem Cello vor dem Bauch gemeinsam mit einem Streichquartett aus 6000 Meter Höhe, um auf der Hawaii-Insel Maui Konzerte zu geben. „Culturtainment“ nennt Schmidt-Ott diese Mischung aus Kultur und Unterhaltung. Vor rund zehn Jahren gründete er zusammen mit Korr „Soko Arts, Events & Entertainment“. Die geschäftstüchtigen Musiker planten Kulturprogramme für die Politik, organisierten Kunden- und Sponsoringevents für Unternehmen und konzipierten Projekte mit Theatern. Mittlerweile gehört „Soko“ als Abteilung Entertainment & Stage Productions zum TUI-Konzern.

          Die Doktorarbeit an Bord geschrieben

          Bis zum nächsten Frühjahr muss das Unterhaltungsprogramm für ein neues Kreuzfahrtschiff stehen. „Für andere Projekte bleibt da nicht mehr viel Zeit“, bedauert Schmidt-Ott. So musste er auch seine Habilitationsschrift auf Seite 350 unterbrechen. „Es kamen gleich drei Kreuzfahrten dazwischen.“ Die Arbeit soll wissenschaftlich unterfüttern, was er täglich praktiziert: „Audience Development“, eine Kombination von Kunden-Management mit Kulturpädagogik und Kommunikation. Schmidt-Ott gehört zu den deutschen Pionieren des in den Vereinigten Staaten entwickelten Forschungszweigs. Gemeinsam mit Klaus Siebhaar, Professor für Kultur- und Medienmanagement, gründete er 2005 das Zentrum für Audience Development an der Freien Universität Berlin. In Blockseminaren vermittelt Schmidt-Ott Studenten die Kunst, das Publikum für Kultur zu gewinnen.

          Wie das selbst in strukturschwachen Regionen gelingen kann, demonstriert der Kulturmanager mit den Brandenburgischen Sommerkonzerten. Als Vorsitzender des gleichnamigen Vereins kümmert Schmidt-Ott sich um die Finanzierung des Musikfestivals, also vor allem um Sponsoren. Denn die Ausgaben in Höhe von 600.000 Euro werden komplett privat finanziert.

          Kultur ohne Publikum ist Hobby

          Als Schüler wollte Schmidt-Ott Zirkusdirektor, Kapitän oder Intendant werden. Nun, mit fast 45 Jahren, ist er alles zusammen. Für die Kreuzfahrten konzipiert Schmidt-Ott Zirkus- und Varieténummern, Konzerte, Kabarett und Comedy, Theater und Tanz. Der Produzent schwärmt von einem ungarischen Sandmaler und einer Tuchartistin. So opulent wie sein Programm ist zuweilen auch sein Vokabular. „Unvorstellbar schön“ sei die Nummer der Tuchakrobatin; „wie eine Engelserscheinung“. Aber dann ist auch wieder von „Wertschöpfungskette“ und „Erfolgsparametern“ die Rede. Für Schmidt-Ott gehören künstlerisches und wirtschaftliches Denken zusammen. „Kultur muss ihr Publikum erreichen, sonst ist es Hobby.“ Genüsslich plaziert er noch eine Spitze gegen jene, für die marktwirtschaftliches Denken und die Öffnung von Hochkultur für neue Publikumsschichten Verrat an der Kunst gleichkommt. Es sei endlich an der Zeit, „über amerikanische Verhältnisse“ nachzudenken.

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