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Reinhard Selten : Süchtig nach Wissenschaft

Zu viele Fragen, zu wenig Zeit: Reinhard Selten Bild: Andreas Pein

Wenn ihn ein Problem quält, geht er wandern. Dabei kommen ihm die besten Ideen. Der Spieltheoretiker Reinhard Selten ist bislang der einzige Deutsche, der mit dem Ökonomie- Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

          5 Min.

          Vor uns steht ein mittelgroßer Herr in einem zu weiten, grauen Anzug, der durchaus dem Bild des freundlich-zerstreuten Professors ähnelt: Sein weißes Haar leicht zerzaust, hinter einer Brille hellblaue, skeptische Augen, die Gesichtszüge etwas verträumt. Manchmal macht Reinhard Selten beim Reden eine längere Pause, als hätte er den Faden verloren. Ob ihm das wissenschaftliche Forschen denn Spaß gemacht habe? "Es ist weniger Spaß, man wird getrieben und gequält von den Problemen", sagt er und schaut zu Boden.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Als Schüler wollte er eigentlich Schriftsteller werden. Mit 15 Jahren aber bekam er ein Buch über höhere Mathematik in die Finger. Sofort war er begeistert und eignete sich den Stoff autodidaktisch an. Schon damals war Reinhard Selten, wie er sagt: "wissenschaftssüchtig". Sein Weg führte ihn von der Mathematik und der Psychologie schließlich zur Spieltheorie und zur experimentellen Ökonomie. Hier hat er Großes geleistet; dennoch ist der heute emeritierte Professor von der Universität Bonn bescheiden geblieben.

          Mathematik studieren, das war klar

          Als Sohn eines jüdischen Buchhändlers 1930 im schlesischen Breslau geboren, hatte Selten keinen leichten Start ins Leben. Der Vater musste seinen Laden während der NS-Zeit aufgeben und emigrierte, 1942 starb er fern der Familie. Die Zukunft sah düster aus für den begabten Sohn. Mit vierzehn Jahren musste er wegen seiner halbjüdischen Herkunft das Gymnasium verlassen. Als 1945 die Rote Armee anrückte, floh er mit Mutter und Geschwistern in einem der letzten Züge. Nach Stationen in Sachsen und Österreich landete die Familie im hessischen Melsungen. Dort macht Reinhard Selten das Abitur. "Es war klar, dass ich danach Mathematik studieren würde, aber ebenso klar war mir, dass ich nicht bei der reinen Mathematik stehenbleiben wollte."

          Die Krönung: Reinhard Selten (rechts) erhält 1994 den Nobelpreis

          Schon früh interessierte er sich auch für Psychologie und Wirtschaftswissenschaften. Als Schüler hatte er im "Forbes"-Magazin über Spieltheorie gelesen. An der Frankfurter Universität besorgte er sich das Buch "Spieltheorie und ökonomisches Verhalten" von John von Neumann und Oskar Morgenstern. Es eröffnete ihm eine völlig neue Welt, das systematische Nachdenken über strategische Interaktion. Das hat viele Facetten: Im Kalten Krieg interessierten sich die Militärs dafür, wie sich atomar hochgerüstete Blöcke verhalten. Ein typisches ökonomisches Problem lautet: Was werden Anbieter in einem oligopolistischen Markt machen? Beginnen sie einen Preiskrieg, oder bilden sie ein Kartell?

          Wie reagiert ein Monopolist auf Wettbewerber?

          Selten war einer der Ersten, der solche Fragen mit strikt mathematischen Modellen zu beantworten versuchte. Den Nobelpreis für Wirtschaft erhielt er 1994 gemeinsam mit dem zehn Jahre älteren Ökonomen John C. Harsanyi und dem Mathematiker John Nash. Auf dessen Arbeiten bauten beide auf. Das sogenannte Nash-Gleichgewicht ist jener Ausgang eines Spiels, in dem es für keinen einzelnen Mitspieler einen Anreiz gibt, seine Strategie einseitig zu ändern. Während der geniale Nash aber gegen Ende der fünfziger Jahre an Schizophrenie erkrankte und seine Karriere abbrechen musste, führten Selten und Harsanyi seine Überlegungen fort. Über viele Jahre trafen sie sich immer wieder an der kalifornischen Universität Berkeley, um gemeinsam Probleme zu diskutieren.

          Noch als Habilitand in Frankfurt kam Selten zu einer Einsicht, die das spieltheoretische Denken in neue Bahnen lenkte: Er fragte sich, welche Nash-Gleichgewichte wirklich relevant sind. 1965 entwickelte er hierzu das Konzept des "teilspielperfekten Gleichgewichts". Nun ließ sich etwa analysieren, wie ein Monopolist oder ein Oligopol auf einen neu hinzukommenden Wettbewerber reagiert: Wird es ihm gelingen, neue Anbieter durch einen Preiskrieg aus dem Markt zu verdrängen? Wird schon die bloße Ankündigung eines Kampfes potentielle Wettbewerber abschrecken?

          Eine Kette von Geschäften hält Konkurrenz vom Leib

          Das von Selten entwickelte sequentielle Spiel wird seither den Studenten mit Diagrammen veranschaulicht, die etwas wie Weihnachtsbäume aussehen. An den Enden der Zweige hängen unterschiedlich große Belohnungen. Die Spieler versuchen, von dort über die verschiedenen Äste zur Spitze zu finden - "Rückwärtsinduktion" nennt sich das. Von hinten also wird das Spiel aufgerollt und damit der Weg zum höchsten Gewinn ermittelt.

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