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Petra Hesser : Chefin zwischen Billy und Köttbullar

Karriere im Möbelhaus: Ikea-Chefin Petra Hesser Bild: Felix Seuffert

Sie wollte als junge Frau ein Kaufhaus leiten. Heute trägt Petra Hesser die Verantwortung für den größten Markt des schwedischen Einrichtungshauses Ikea.

          5 Min.

          Es gibt Geschichten, die sind einfach zu schön, um nicht wahr zu sein. Etwa die eines niedersächsischen Bundestagsabgeordneten, der des Nachts in leicht angeheitertem Zustand am Zaun des Bundeskanzleramtes rüttelt und Einlass fordert, um einige Jahrzehnte später tatsächlich die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Fast genauso schön wie diese von Gerhard Schröder gerne verbreitete Episode klingt die Vorstellung von einer jungen Frau, die durch ein Kaufhaus in der Provinz schlendert und den Entschluss faßt, eines Tages Chefin eines solchen Hauses zu werden. Und die, rund dreißig Jahre später, nicht nur die Geschicke irgendeines Einzelhändlers leitet, sondern den wichtigsten Markt des größten Einrichtungshauses der Welt verantwortet. Ein schöner Mythos? Nein, beteuert Petra Hesser, von vorne bis hinten alles wahr. Dass sie einmal an der Spitze von Ikea Deutschland stehen würde, habe sie sich damals natürlich nicht träumen lassen, fügt sie mit einem verschmitzten Grinsen hinzu.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Angefangen hat alles Ende der siebziger Jahre in der schwäbischen Provinz. Nach dem Abitur steht Petra Hesser damals vor der Frage, wohin die berufliche Reise gehen soll. Eine konkrete Vorstellung hat sie nicht, nur aus der einengenden Umfeld will sie raus. „Und es sollte was mit Menschen zu tun haben“, erinnert sie sich.

          „Flash“ im Kaufhaus

          Also liebäugelt sie mit einem Psychologiestudium. Gleichzeitig informiert sie sich auch beim Arbeitsamt, wo der Berater findet, dass der neue Ausbildungsgang zum „Handelsassistent“das Richtige sein könnte für sein Gegenüber. Reiner Zufall, wie Hesser heute findet, „hätte der mir etwas anderes geraten, wäre ich wahrscheinlich auch woanders gelandet“. Der Handel aber weckt rasch ihr Interesse. Sie fährt ins badische Lörrach und spricht beim damals renommierten Warenhauskonzern Hertie vor. Anschließend schlendert sie durch das örtliche Kaufhaus, „aber mit ganz anderen Augen, ich fand alles toll“. Sie erzählt von einem „Flash“. Da habe sie den Entschluss gefasst, oder vielmehr er habe sie erfasst: „Ich muss Chefin werden.“ Doch der Weg dahin ist lang.

          Sie leitet in Deutschland den wichtigsten Markt

          Das erste Ausbildungsjahr verbringt Hesser in Freiburg, immerhin schon 300 Kilometer von zu Hause weg, jedoch kein Vergleich zur anschließenden Station in Berlin, der noch damals noch geteilten Stadt. Hier warten völlig neue Erfahrungen auf sie, zum Beispiel, dass die Berliner die schwäbelnde junge Frau im wahrsten Sinne des Wortes nicht verstehen. Sie gewöhnt sich das heimatliche Idiom ab, so dass sie heutzutage selbst für Schwaben nur noch an dem leichten Singsang in der Aussprache zu erkennen ist. Nach zwei Jahren stellt die Abschlussprüfung in Kreuzberg keine wirkliche Hürde mehr dar. Sie kann im Unternehmen bleiben. „Aber mir war klar, dass ich noch nicht ausgelernt hatte.“

          Für die Führungsaufgabe noch nicht reif

          Die logische Folge ist ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Mainz. Nach dem Abschluss kehrt sie zu Hertie zurück, ergattert einen Platz in einem Traineeprogramm. Doch das Unternehmen, das später von Karstadt übernommen wird, befindet sich zu diesem Zeitpunkt schon in unruhigem Fahrwasser. Der Bedarf an Führungskräften sinkt, und das Programm wird nach sieben Monaten abgebrochen.

          „Das war zwar ärgerlich, aber auch eine wichtige Erfahrung“, sagt Petra Hesser. Sie habe damals gelernt: „Es läuft nicht alles von alleine.“ Die junge Frau nutzt die unfreiwillige Auszeit und geht mit sich in Klausur. Das Ergebnis lautet, dass sie an ihrem ursprünglichen Ziel, einer Führungsaufgabe im Handel, festhält.

          Eine Zeitungsanzeige wird schließlich zum Startschuss für ihre Karriere. Der schwedische Ikea-Konzern sucht eine stellvertretende Geschäftsführerin für ein deutsches Einrichtungshaus. Ein Job, genau nach Petra Hessers Geschmack. Es gibt nur einen Haken: „Ich wusste, dass das noch eine Nummer zu groß für mich war.“ Die geforderte Berufserfahrung in einer Führungsposition kann sie nicht vorweisen. Dennoch: Sie will es wenigstens probieren, diese Chance nicht einfach vorbeiziehen lassen und wendet sich an den suchenden Personalberater.

          Die Ikea-Pipeline kennengelernt

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