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Muhammad Yunus : Der globalisierte Dorfbankier

Ökonom, Banker, Armutsbekämpfer und in gewissen Kreisen ein Superstar: Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus Bild: Andreas Pein / F.A.Z.

Seine Mikrokredite für Arme brachten Muhammad Yunus viel Ruhm und den Friedensnobelpreis. Mittlerweile ist er auch PR-Profi in eigener Sache geworden. Und junge Studentinnen verehren ihn teilweise wie einen Popstar.

          5 Min.

          Es sind diese zwei Minuten vor dem Beginn des Dinners. Fast ein bisschen verloren steht Muhammad Yunus vor dem Bankettsaal. Es ist eine seiner Deutschlandreisen, er hat schon etliche Reden hinter sich und soll als Nächstes mit ausgewählten Studenten, Professoren und Wirtschaftsvertretern zu Abend essen. Eine Studentin eilt auf ihn zu und verwickelt ihn in ein Gespräch: „Herr Yunus, was ich Sie schon immer mal fragen wollte ...“ Er lächelt milde und beginnt eine ausführliche Antwort, während er neben der Studentin hergeht, hinein in den Dinner-Saal, mit zu ihrem Tisch. So lange, bis eine Agentin ihn sanft beim Ellenbogen packt. „Sir“, sagt sie mit Nachdruck, „Sir, Sie können hier nicht sitzen, Sie müssen dort drüben sitzen, bei den wichtigen Leuten.“ „Nie darf ich bei den netten jungen Damen bleiben.“ Yunus deutet einen Schmollmund an. Mit kokettem Augenaufschlag lässt er sich an den richtigen Tisch führen. Zurück bleibt die Studentin, selig lächelnd: „Er wollte tatsächlich mit mir zu Abend essen!“, murmelt sie fassungslos.

          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Muhammad Yunus, der Friedensnobelpreisträger aus dem Jahr 2006, hat eine erstaunliche Karriere vom Wirtschaftsprofessor zum Pop-Ökonomen gemacht. Wann immer er in Deutschland auftaucht, findet er sich inmitten einer bunten Fangemeinde wieder. Oft sind es junge, gut ausgebildete Menschen, häufig Wirtschaftsstudenten, die ihn anhimmeln. Ausgerechnet ihn, den kleinen, grauhaarigen, mittlerweile 70 Jahre alten Mann aus Bangladesch, der am liebsten Schlabberhosen und knielange traditionelle Gewänder trägt.

          Eine einzige Idee

          Es ist eine einzige Idee, die Yunus diesen ganzen Ruhm eingebracht hat: die Idee, armen Leuten mit geringen Sicherheiten zu üblichen Konditionen Geld zu leihen. Dass seine Mikrokredite funktionierten, dass die armen Kunden seiner „Grameen Bank“ die Darlehen zuverlässig zurückzahlten, dass Yunus ihnen teilweise aus der Armut heraushalf und gleichzeitig, statt Geschenke zu verteilen, nach marktwirtschaftlichen Prinzipien handelte – all das brachte ihm nicht nur den Friedensnobelpreis ein. Seine Idee weckt Begeisterung quer über ideologische Grenzen hinweg: unter Professoren wie Entwicklungshelfern, bei Nichtregierungsorganisationen wie auch in der FDP. Um zu verstehen, warum ausgerechnet Muhammad Yunus auf diese Idee kam, gibt es eine lange und eine kurze Geschichte.

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          Muhammad Yunus : Der globalisierte Dorfbankier

          Die kurze geht so: Yunus, damals Wirtschaftsprofessor in Bangladesch, unternahm im Jahr 1976 mit seinen Studenten eine Exkursion aufs Land. Sie wollten die Armut erforschen. Dafür wollten sie ihr ins Gesicht sehen. Während dieses Ausflugs kam Yunus mit einer Frau namens Sufiya ins Gespräch, die einfache Bambushocker herstellte. Um den Bambus einkaufen zu können, lieh sie sich Geld von einem privaten Geldverleiher, der Wucherzinsen von bis zu 10 Prozent je Woche nahm. Sie hatte keine Alternative, galt als nicht kreditwürdig, konnte nicht lesen und schreiben und wusste gar nicht, was eine Bank überhaupt war. Der Gewinn aus dem Korbstuhlgeschäft wurde quasi komplett von den Zinsen aufgefressen. In der näheren Umgebung fanden Yunus und seine Studenten 41 weitere Landfrauen, denen es ähnlich erging. Yunus lieh ihnen rund 27 Dollar aus eigener Tasche. Zu seiner Überraschung zahlten alle den Kredit schnell zurück – und machten trotzdem weit mehr Gewinn mit ihrem Korbwebergeschäft als zuvor. Aus diesem Experiment heraus schuf Yunus sein Konzept vom „Kleinstkredit“ und seine Mikrokreditbank „Grameen Bank“, die seither Tausenden bedürftigen Menschen aus der Armut herausgeholfen hat.

          Martin Luther King als großes Vorbild

          Die lange Version der Geschichte beginnt ebenfalls in einem Dorf in Bangladesch. Es heißt Bathua und gehörte 1940, als Yunus dort geboren wurde, noch zum britisch regierten Indien. Die Familie Yunus war verhältnismäßig wohlhabend, der Vater arbeitete als Goldschmied und konnte seinen neun Kindern eine ordentliche Schulausbildung finanzieren. Als Yunus sieben Jahre alt war, erlebte er die Unabhängigkeitsbewegung. „Wir Kinder schauten uns alle Demonstrationen an und ahmten die Slogans nach. Wir dachten, mit der Unabhängigkeit von den Briten käme das Ende der Armut. Dann wurde ich älter und älter, aber das Ende der Armut kam und kam nicht.“ Das sei der Grund gewesen, warum er Ökonomie studierte, sagt Yunus heute.

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