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Lars Hinrichs : Lars 2.0

  • -Aktualisiert am

Mit 22 Jahren den Grimme Award, mit 24 pleite: Lars Hinrichs Bild: Rainer Wohlfahrt

Die New Economy war für Lars Hinrichs ein Crashkurs in BWL und in Menschenkenntnis. Dem raschen Aufstieg im Internet folgte die erste Pleite. Aus dem heutigen Xing-Chef ist ein Unternehmer der alten Schule geworden.

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          Wer mit 14 Jahren – lange bevor das World Wide Web erfunden wird – sich per Akustikkoppler ins Internet einwählt, mit 20 Jahren die Bundeswehr ins Netz bringt und dabei den Generälen auf der Bonner Hardthöhe das Surfen beibringt, mit 21 Jahren das BWL-Studium an der Privatuniversität Witten/Herdecke nach nur einem Tag hinschmeißt, mit 22 Jahren den Grimme Online Award erhält und mit 24 Jahren gleich mit seiner ersten Internetfirma Insolvenz anmelden muss, scheitert entweder grandios am Leben – oder macht Karriere. Lars Hinrichs, heute gerade einmal 30 Jahre alt, hat Karriere gemacht. Auf seine Art – mutig und vor allem selbstbewusst.

          2003, mitten im nuklearen Winter des Internets, gründet er eine Web 2.0 Gemeinschaft, als es den Begriff noch gar nicht gibt. Allein und gegen jeden Rat. Denn seine Freunde halten ihn für verrückt und die Risikokapitalgeber für chancenlos. Also stellt er mit seinem eigenen Geld zehn Leute ein und bringt den später in Xing umbenannten Open Business Club ins Internet. Schritt für Schritt baut er das Unternehmen auf – und stellt seinen Mut abermals unter Beweis, als er vor genau einem Jahr Xing als erstes Unternehmen des Web 2.0 an die Börse bringt. Sicher hätte er seine Kontaktbörse für Manager auch verkaufen können, worauf eigentlich alle Gründer der zweiten Internetgeneration hoffen. Doch Hinrichs, Spross einer Hamburger Bäckerdynastie, ist Unternehmer durch und durch. „Nie“ könne er als Angestellter für andere arbeiten, sagt er. Die Einstellung lohnt sich: Genau ein Jahr ist Xing jetzt an der Börse. Die ganz große Begeisterung für die Aktie bleibt zwar aus; das Unternehmen ist aber heute mit gut 200 Millionen Euro bewertet. Knapp 28 Prozent davon gehören immer noch ihm.

          Bloß nicht ins elterliche Geschäft

          Das Faible für das Internet packt ihn früh, genauso wie der Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen. Einen Einstieg in das elterliche Geschäft kommt für ihn nie in Frage, auch wenn er seine Familie damit enttäuschen muss. Schon während der Schulzeit berät er lieber Unternehmen, die ins Internet wollen. „Das hat einfach mehr eingebracht, als Medikamente für eine Apotheke ausfahren“, sagt Hinrichs.

          Mit dem Portal Xing - früher Open BC - ging Hinrichs an die Börse

          Viel eingebracht hat ihm auch das eintägige Studium an der Universität Witten/Herdecke – nämlich die Erkenntnis, dass man Leute mit Fachwissen einkaufen kann, also nicht alles selber können muss. „Das war eine meiner wichtigsten Erfahrungen“, sagt Hinrichs und beschließt, sich lieber auf seine Talente zu konzentrieren, statt Buchführung zu lernen. „Ich kann Dinge früh erkennen, die in Zukunft wichtig werden, und ich kann Leute begeistern, für mich zu arbeiten“, sagt er über sich, ohne dabei arrogant zu klingen.

          Finanziell unabhängig, baut er zunächst Internetplattformen zum Thema Politik auf: Zum Bundestagswahlkampf 1998 sammelt er relevante Nachrichten auf einer Seite, bittet Politiker zum Chat. Das bringt zwar kein Geld ein, führt aber dennoch zur Gründung von „Politik digital“, einer heute noch bestehenden Seite für Politik im Netz. Statt Geld gibt es dafür später den angesehenen Grimme Online Award. Doch auch damit kann man weder Mieten zahlen noch Leute beschäftigen, und deshalb gründet er im Jahr 2000 – mitten im Trubel der New Economy – zusammen mit Arne Böttcher die Böttcher Hinrichs AG, ein PR-Beratungs- und Softwareunternehmen. „Wir waren die New Kids on the Block“, sagt er über die Zeit, als der eher spröde wirkende Hamburger keine New-Economy-Party auslässt – quasi als Entschädigung für die Studentenpartys, auf denen seine Altersgenossen ihre Jugend genießen. Er macht alles mit, auch wenn er heute zugeben muss, dass damals alle ein wenig verrückt waren, aber eben vor lauter Wald die Bäume nicht gesehen haben. Eine Million Euro Umsatz macht die Firma – bis schon 2001 ein Kunde nach dem anderen wegbricht und das junge Unternehmen Insolvenz anmelden muss. „Das war der teuerste MBA aller Zeiten“, sagt Hinrichs heute über den Crashkurs in Betriebswirtschaftslehre und Menschenkenntnis, denn mit seinem Partner Arne Böttcher hat er sich dann nur noch vor Gericht getroffen.

          100 Regeln für sein späteres Leben

          Menschlich gereift, stellt Hinrichs 100 Regeln für sein späteres Leben auf. Ganz wichtig für ihn: „Es kann nur einen Chef im Unternehmen geben“, was nach seinem Selbstverständnis nur er sein kann. Schnell kommt dann die harte Seite des Lars Hinrichs zutage, die man hinter der netten, jugendlich wirkenden Fassade nicht vermutet: Sätze wie „Jeder kann Fehler machen. Man sollte sie nur nicht zweimal machen“ lassen aufhorchen. Die 110 Mitarbeiter bei Xing wissen inzwischen, was das heißt: Hinrichs hat fast das gesamte Management-Team einmal ausgetauscht. Auch Aussagen wie „Auch wenn manche Menschen sich dagegen entscheiden, sich über eine gewisse Unternehmensstufe hinaus entwickeln zu wollen, sind sie für bestimmte Lebenszyklen eines Unternehmens wichtig“ oder „Man muss unterscheiden: Was ist das Beste für die Firma, und was ist das Beste für den Mitarbeiter?“ zeigen, dass dieser Dreißigjährige etwas mehr erlebt hat als viele seiner Altersgenossen.

          Aber er meint es so und legt noch nach. „Die Dauer, bis eine Personalentscheidung getroffen ist, wird immer kürzer. Auch wenn es unangenehm ist – aber wenn man manchen Leuten kündigt, läuft das Unternehmen danach oft besser“, sagt er. Im Börsengang hat er dann noch einmal viel über die Menschen gelernt, über „Gier, Neid und Missgunst“, wie er sagt. Er habe gelernt, wie Menschen funktionieren und wie Menschen manipulieren. Das habe ihm bei seiner Personalpolitik geholfen. Seit dem Sommer sei Xing frei von Mitarbeitern, die viel reden, aber dabei nur eine Bugwelle erzeugen. Meistens ersetzt er das Wort „kündigen“ durch „die Chance geben, woanders erfolgreich zu sein“.

          Das hört sich nach harter Hand an, aber er legt Wert darauf, dass bisher nicht einmal fünf Leute Xing freiwillig verlassen haben, das Arbeitsklima mithin also ganz in Ordnung ist am Hamburger Gänsemarkt, wo Lars Hinrichs ohne Starallüren in einem spartanischen Großraumbüro mit seinen Mitarbeitern sitzt. Beim direkten Kontakt falle es leichter, das „Virus“ in die Firma zu bringen, die Änderung als die einzige Konstante zu begreifen. Die dauerhafte Änderung hat er sogar zu seinem Motto erkoren: „Wer aufhört, besser zu werden, hört irgendwann auf, gut zu sein“, hat er – in Anlehnung an Alfred Herrhausen – als Leitspruch für sich und seine Mitarbeiter gewählt. Denn wer bei Xing arbeitet, muss das Tempo des Chefs mitgehen. Jede Woche muss die Plattform verbessert werden, sollte ein neues Produkt freigeschaltet werden. In den Diskussionen um technische Funktionen blüht Hinrichs dann auf, verliert dabei regelmäßig die Zeit aus den Augen. Produktentwicklung macht ihm wirklich Spaß – ganz im Gegensatz zum Management der Organisation. „Das gehört zu den Dingen, die für meine Funktion als Vorstandsvorsitzender weniger Zeit in Anspruch nehmen sollten“, sagt er offen.

          Keine Zeit für das Netzwerken alter Schule

          Wenn er mal gerade nicht für Xing im Einsatz ist oder sich auf Internetkonferenzen in aller Welt über die neuesten Trends in dieser schnelllebigen Branche umhört, ist er begeisterter Familienvater. Als Hobby gibt er Golf an – weil er viele Freunde hat, die auch Golf spielen und weil man sich an der frischen Luft prima über sich selber ärgern könne. In diesem Jahr, dem Jahr eins nach dem Börsengang, sei er aber nicht ein Mal auf dem Platz gewesen. Keine Zeit für das Netzwerken der alten Schule.

          Konkrete Pläne für die Zeit nach Xing hat er auch noch nicht. Er betätigt sich nebenbei als Investor, hat sich privat an zwei Unternehmen beteiligt. Dass ihm das ausreicht, scheint ausgeschlossen. „Ich mache nur Dinge, die ich mit Leidenschaft tun kann.“ Das muss gar nicht das Internet sein, aber mit Technik soll es schon zu tun haben. „Die Idee muss über Technik skalieren“, sagt er und meint wachsen. „Über Menschen zu skalieren kann nie funktionieren.“ Der normale Bürger auf der Straße müsse die Idee verstehen können. Aber immer gelte: „Man muss entweder einen bestehenden Markt revolutionieren oder einen neuen Markt schaffen.“ Darunter macht er es nicht.

          Zur Person:

          - Geboren am 18. Dezember 1976, wächst er in begüterten Verhältnissen in einer Hamburger Kaufmannsfamilie auf.

          - Mit 23 Jahren gründet er seine erste Internetfirma, mit 24 Jahren erlebt er die erste Insolvenz.

          - Gestärkt tritt er schon zwei Jahre nach dem Ende der New Economy wieder an - als Gründer des Karriere-Netzwerkes Open Business Clubs, das heute Xing heißt.

          - Hinrichs hat auch ohne Studium viel über Wirtschaft und noch mehr über Menschen gelernt und es damit - im Alter von 29 Jahren - bis an die Börse geschafft.

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