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Lars Hinrichs : Lars 2.0

  • -Aktualisiert am

100 Regeln für sein späteres Leben

Menschlich gereift, stellt Hinrichs 100 Regeln für sein späteres Leben auf. Ganz wichtig für ihn: „Es kann nur einen Chef im Unternehmen geben“, was nach seinem Selbstverständnis nur er sein kann. Schnell kommt dann die harte Seite des Lars Hinrichs zutage, die man hinter der netten, jugendlich wirkenden Fassade nicht vermutet: Sätze wie „Jeder kann Fehler machen. Man sollte sie nur nicht zweimal machen“ lassen aufhorchen. Die 110 Mitarbeiter bei Xing wissen inzwischen, was das heißt: Hinrichs hat fast das gesamte Management-Team einmal ausgetauscht. Auch Aussagen wie „Auch wenn manche Menschen sich dagegen entscheiden, sich über eine gewisse Unternehmensstufe hinaus entwickeln zu wollen, sind sie für bestimmte Lebenszyklen eines Unternehmens wichtig“ oder „Man muss unterscheiden: Was ist das Beste für die Firma, und was ist das Beste für den Mitarbeiter?“ zeigen, dass dieser Dreißigjährige etwas mehr erlebt hat als viele seiner Altersgenossen.

Aber er meint es so und legt noch nach. „Die Dauer, bis eine Personalentscheidung getroffen ist, wird immer kürzer. Auch wenn es unangenehm ist – aber wenn man manchen Leuten kündigt, läuft das Unternehmen danach oft besser“, sagt er. Im Börsengang hat er dann noch einmal viel über die Menschen gelernt, über „Gier, Neid und Missgunst“, wie er sagt. Er habe gelernt, wie Menschen funktionieren und wie Menschen manipulieren. Das habe ihm bei seiner Personalpolitik geholfen. Seit dem Sommer sei Xing frei von Mitarbeitern, die viel reden, aber dabei nur eine Bugwelle erzeugen. Meistens ersetzt er das Wort „kündigen“ durch „die Chance geben, woanders erfolgreich zu sein“.

Das hört sich nach harter Hand an, aber er legt Wert darauf, dass bisher nicht einmal fünf Leute Xing freiwillig verlassen haben, das Arbeitsklima mithin also ganz in Ordnung ist am Hamburger Gänsemarkt, wo Lars Hinrichs ohne Starallüren in einem spartanischen Großraumbüro mit seinen Mitarbeitern sitzt. Beim direkten Kontakt falle es leichter, das „Virus“ in die Firma zu bringen, die Änderung als die einzige Konstante zu begreifen. Die dauerhafte Änderung hat er sogar zu seinem Motto erkoren: „Wer aufhört, besser zu werden, hört irgendwann auf, gut zu sein“, hat er – in Anlehnung an Alfred Herrhausen – als Leitspruch für sich und seine Mitarbeiter gewählt. Denn wer bei Xing arbeitet, muss das Tempo des Chefs mitgehen. Jede Woche muss die Plattform verbessert werden, sollte ein neues Produkt freigeschaltet werden. In den Diskussionen um technische Funktionen blüht Hinrichs dann auf, verliert dabei regelmäßig die Zeit aus den Augen. Produktentwicklung macht ihm wirklich Spaß – ganz im Gegensatz zum Management der Organisation. „Das gehört zu den Dingen, die für meine Funktion als Vorstandsvorsitzender weniger Zeit in Anspruch nehmen sollten“, sagt er offen.

Keine Zeit für das Netzwerken alter Schule

Wenn er mal gerade nicht für Xing im Einsatz ist oder sich auf Internetkonferenzen in aller Welt über die neuesten Trends in dieser schnelllebigen Branche umhört, ist er begeisterter Familienvater. Als Hobby gibt er Golf an – weil er viele Freunde hat, die auch Golf spielen und weil man sich an der frischen Luft prima über sich selber ärgern könne. In diesem Jahr, dem Jahr eins nach dem Börsengang, sei er aber nicht ein Mal auf dem Platz gewesen. Keine Zeit für das Netzwerken der alten Schule.

Konkrete Pläne für die Zeit nach Xing hat er auch noch nicht. Er betätigt sich nebenbei als Investor, hat sich privat an zwei Unternehmen beteiligt. Dass ihm das ausreicht, scheint ausgeschlossen. „Ich mache nur Dinge, die ich mit Leidenschaft tun kann.“ Das muss gar nicht das Internet sein, aber mit Technik soll es schon zu tun haben. „Die Idee muss über Technik skalieren“, sagt er und meint wachsen. „Über Menschen zu skalieren kann nie funktionieren.“ Der normale Bürger auf der Straße müsse die Idee verstehen können. Aber immer gelte: „Man muss entweder einen bestehenden Markt revolutionieren oder einen neuen Markt schaffen.“ Darunter macht er es nicht.

Zur Person:

- Geboren am 18. Dezember 1976, wächst er in begüterten Verhältnissen in einer Hamburger Kaufmannsfamilie auf.

- Mit 23 Jahren gründet er seine erste Internetfirma, mit 24 Jahren erlebt er die erste Insolvenz.

- Gestärkt tritt er schon zwei Jahre nach dem Ende der New Economy wieder an - als Gründer des Karriere-Netzwerkes Open Business Clubs, das heute Xing heißt.

- Hinrichs hat auch ohne Studium viel über Wirtschaft und noch mehr über Menschen gelernt und es damit - im Alter von 29 Jahren - bis an die Börse geschafft.

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