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Martin Sonneborn : Bürgerschreck mit Kaufmannslehre

Satire statt Krankenkasse - Martin Sonneborn Bild: Andreas Pein

Sie sind dreist bis unverschämt, unangepasst, aufklärerisch, pubertär und wollen bloß keinen Bürojob? Dann machen Sie bestimmt Karriere – als Satiriker. So wie Martin Sonneborn.

          5 Min.

          Die Zukunft hätte so einfach sein können. Schließlich hat der Mann eine solide Ausbildung in der Tasche. Martin Sonneborn ist gelernter Krankenversicherungskaufmann. Wäre er dem Beruf treu geblieben, hätte er heute rund ein Vierteljahrhundert Berufserfahrung auf dem Buckel und es mit einem bisschen Fleiß und Ehrgeiz mutmaßlich mindestens zum Abteilungsleiter gebracht. Doch da gab es ein Problem: „Ich wusste schon nach drei Tagen, dass ich so etwas nie machen will“, sagt er im Rückblick auf die prägenden Ereignisse Mitte der achtziger Jahre in Osnabrück.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Mit dieser Erfahrung dürfte er nicht alleine dastehen. Doch anders als das Gros der Leidensgenossen, das die Aussicht auf eine solide Lebensplanung dem Drang nach Selbstverwirklichung vorzieht, ist Sonneborn seiner Gesinnung gefolgt und hat dem „gutbürgerlichen“ Milieu bei passender Gelegenheit den Rücken gekehrt. „Gutbürgerlich“ – ein Wort, das er gerne benutzt, um sich abzugrenzen. Zwar zog er die Lehre durch – um Anspruch auf Bafög zu bekommen, wie er schnell nachschiebt. Doch damit war der Weg frei für die wahre Berufung: provozieren, kommentieren, aufdecken, attackieren, pubertäre Streiche aushecken. Dass man damit Karriere machen kann, hat Sonneborn gezeigt. Als Kopf der Zeitschrift „Titanic“ und Parteien-Gründer ist er einer der populärsten Satiriker Deutschlands geworden. Deshalb fährt er mit 44 Jahren Bahn statt Dienstwagen und lebt nicht im Grünen, sondern in Berlin-Charlottenburg.

          Leprahand als Startschuss

          Ist oder wird man Satiriker? „Man ist“, findet Sonneborn, „das ist eine Charakterfrage.“ Viele lebten diese Haltung aber nur heimlich aus, tummelten sich abends in entsprechenden Internetforen und führten ansonsten ein gutbürgerliches – da ist das Wort wieder – Leben. Der offen praktizierende Rest sammele sich früher oder später um die „Titanic“. Doch bis zum erfolgreichen Outing war es ein langer Weg.

          Satire statt Krankenkasse - Martin Sonneborn Bilderstrecke

          Den frischgebackenen Kaufmann zog es zum Studium nach Münster; in eine Wohngemeinschaft mit Grillpartys auch im Februar, wofür die Bewohner von der gutbürgerlichen (!) Nachbarschaft gehasst wurden. Und die Karriere begann mit Empörung. „Gute Satire hat immer etwas mit Empörung zu tun“, sagt Sonneborn. Auslöser war eine Ausstellung zum Thema Lepra, während der Geld für den Kauf einer leprösen Hand aus dem Mittelalter gesammelt wurde. Die Besucher wurden auch aufgeklärt, dass in Spanien immer noch Menschen unter der Krankheit litten. „Ich war empört darüber , dass nicht für diese Leute gesammelt wurde, sondern für eine alte Hand.“

          Seiner Empörung ließ der Student in einem Leserbrief freien Lauf, den er dem Herausgeber einer örtlichen Gratiszeitung zusandte, welcher sich kurz zuvor durch einen couragierten Roland-Kaiser-Verriss hervorgetan hatte. Doch der vermeintliche Bruder im Geist geriet zur Enttäuschung. Es sei ein toller Brief, lautete die Antwort, der auch gedruckt werden müsse – nur nicht bei ihm, sonst liefen im katholischen Münster alle Anzeigenkunden weg. Die Richtung war vorgegeben.

          Manipulation als Handwerk

          1989 wandte sich Sonneborn an „Eulenspiegel“, das einzige zu DDR-Zeiten geduldete Satire-Magazin, welches nun sein gesamtdeutsches Publikum suchte. Ihm imponierte, dass der Verlag vom Osten in den Westen ging und den Preis verdoppelte, deshalb fragte er um ein Praktikum nach. „Die wussten nicht, was das ist, und ich eigentlich auch nicht.“ Man fand trotzdem zusammen. Mit der Redaktionsleitung kam Sonneborn jedoch nicht klar, das Praktikum war bald zu Ende. Doch die ersten Erfahrungen mit Ostdeutschen machten Lust auf mehr. Er wechselte zum Studieren nach Berlin, jobbte nebenher als Marktforscher. Die Konstellation für den Publizistik-Studenten war ideal: morgens Theorie im Hörsaal, mittags Praxis an der Haustür. Die oberste Maxime lautete, den Arbeitsaufwand möglichst klein zu halten. Er lacht, wenn er an einen Auftrag des schwedischen Küchengeräteherstellers Electrolux zurückdenkt. Die Bögen waren so aufgebaut, dass eine hohe Zustimmung die wenigste Mühe bedeutete. Kein Wunder, dass 63 von 65 befragten Berlinern völlig euphorisiert von der Idee eines Kühlschranks für das Wohnzimmer waren. Ein Verkaufsschlager wurde das Gerät trotzdem nicht. „Ich weiß heute, wie man Umfragen manipuliert und wie Marktforschung einzuschätzen ist“, gibt Sonneborn als wichtigste berufliche Erfahrung jener Zeit an.

          Zur „Titanic“ war es damit nur noch ein kleiner Schritt. Schon als Schüler hatte er das Blatt gelesen, war vor allem vom Humor Hans Zipperts geprägt. 1994 schloss er sein Studium mit der Arbeit „,Titanic‘ und die Wirkungsmöglichkeiten von Satire“ ab, ein Jahr später zog er nach Frankfurt und trat in die Redaktion ein, deren Leitung er im Jahr 2000 übernahm.

          Satire als Aufklärung

          Sein großes Verdienst ist, dass er das Blatt mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. In den neunziger Jahren arbeitete er sich vor allem per Telefon und Fax an ostdeutschen Mitbürgern ab, etwa indem er sich als GEZ-Mitarbeiter ausgab, der Gebühren für jahrzehntelanges Schwarzsehen nachforderte, oder als Mitarbeiter des Amtes für Entnazifizierung, der endlich seine Arbeit erledigen wolle. Schonungslos deckte der Bürgerschreck Vorurteile und Unwissen seiner Gesprächspartner auf. Schnelle Lacher auf Kosten des kleinen Mannes also, wie sie mittlerweile jeder Radiosender einfährt? Nein, wehrt sich Sonneborn, es gehe nicht um populistisches Draufhauen, „aber es ist halt der kleine Mann, der ,den Neger‘ verprügelt“. Er wollte zeigen, welche Haltungen dahinterstecken. Außerdem bekamen auch Prominente, vorzugsweise Politiker, ihr Fett weg: Schröder, Lafontaine, Scharping, Wickert, Hahne ... Er führte sie alle aufs Glatteis, deckte deren Eitelkeiten schonungslos auf. Oft sei er enttäuscht gewesen, wie einfach es war.

          In den Feuilletons hat ihm das den Titel „Deutschlands boshaftester Satiriker“ eingetragen. Boshaft? Nein, auch so sehe er sich nicht, wenngleich er nicht bestreiten könne, dass auch niedere Beweggründe eine Rolle spielten. Aber Satire habe auch immer etwas Aufklärerisches. Etwa als Sonneborn auf dem Höhepunkt der CDU-Schwarzgeldaffäre mit Hilfe eines fingierten Kontoauszugs, eines Schweizer Praktikanten und einer Rufumleitung über Luzern die Unionspolitiker Eckart von Klaeden und Willi Hausmann vorführte. Sie glaubten dem Anrufer die Geschichte von den 8,9 Millionen Franken auf einem vergessenen Parteikonto und reisten „in geheimer Mission“ in die Schweiz. Die Bilder der verdutzten Politiker gingen durch die Presse, als Sonneborn sie am Treffpunkt mit einem Koffer erwartete, auf dem „CDU-Schwarzgeld“ prangte. „Wir haben aufgezeigt, wie tief die Volkspartei von dem Skandal verunsichert war.“

          Kuckucksuhr als Bestechungsgeschenk

          Die legendärste Aktion war aber das fingierte Bestechungsfax an eine Handvoll Abgeordnete des Weltfußballverbandes, das die Entscheidung wohl tatsächlich entscheidend beeinflusste und Deutschland die Ausrichtung der WM-Endrunde 2006 sicherte. Eigentlich, sagte Sonneborn, war die Aktion als Unterstützung für den Konkurrenten Südafrika gedacht. „Wir dachten, die Aussicht auf eine Kuckucksuhr und Wurst sei so dämlich, dass es schiefgehen muss.“ Doch der neuseeländische Delegierte schien so verwirrt, dass er sich der Stimme enthielt. Dass Südafrika später den Zuschlag für 2010 bekam, ließ Sonneborn seinen Frieden mit dem Ausgang machen.

          Nach fünf Jahren als Chefredakteur fand Sonneborn die Zeit reif für einen Wechsel: „Ich hatte das Gefühl, dass das Format ausgereizt ist.“ Er blieb dem Heft zwar als Herausgeber verbunden, zog aber nach Berlin und gründete mit einigen Kollegen „Die Partei“ oder vollständig: „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“. Eine vor allem bei jungen Leuten beliebte Plattform, irgendwo zwischen Satire und politischer Willensbildung angesiedelt, die 2005 tatsächlich zur Bundestagswahl antrat und 18.000 Stimmen errang. Die Partei bekennt sich zum Populismus, fordert den Wiederaufbau der Mauer und zählt mittlerweile mehrere tausend Mitglieder in neun Landesverbänden. Trotzdem verweigerte der Bundeswahlleiter ihr 2009 die abermalige Zulassung – Auftakt zu einem intensiv geführten Rechtsstreit. Der Bundeswahlleiter sei ein durchaus ernstzunehmender Gegner, räumt Sonneborn ein, und das Ganze habe viel Kraft gekostet. Deshalb wolle er politisch in nächster Zeit ein bisschen kürzertreten.

          Was jetzt noch kommen kann? Mehr Freiraum als mit der „Titanic“ könne man nicht haben, räumt Sonneborn ein. Früher habe er auf die Frage nach der Zukunft spaßeshalber geantwortet, die Wochenzeitung „Die Zeit“ mal so richtig „in die Scheiße reiten“ zu wollen. „Mittlerweile habe ich das so oft gesagt, dass ich selbst dran glaube. Und da sich bisher alles erfüllt hat, ...“ Der Rest bleibt unausgesprochen, aber das nächste Projekt scheint zu reifen. Der Bürgerschreck ist unterwegs.

          Zur Person:

          - Martin Sonneborn wird am 15. Mai 1965 in Göttingen geboren. Nach dem Abitur an einer katholischen Privatschule absolviert er eine kaufmännische Lehre in einer Osnabrücker Krankenkasse. Anschließend studiert er Germanistik, Publizistik und Politik in Münster, Wien und Berlin.

          - 1995 tritt er in die „Titanic“-Redaktion ein. Fünf Jahre später wird er Chefredakteur der Satire-Zeitschrift.

          - Wiederum fünf Jahre später kehrt er nach Berlin zurück und gründet er „Die Partei“, die im selben Jahr zur Bundestagswahl antritt. 2009 entzieht der Bundestagswahlleiter ihr jedoch die Zulassung.

          - Martin Sonneborn lebt in Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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