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Martin Sonneborn : Bürgerschreck mit Kaufmannslehre

Zur „Titanic“ war es damit nur noch ein kleiner Schritt. Schon als Schüler hatte er das Blatt gelesen, war vor allem vom Humor Hans Zipperts geprägt. 1994 schloss er sein Studium mit der Arbeit „,Titanic‘ und die Wirkungsmöglichkeiten von Satire“ ab, ein Jahr später zog er nach Frankfurt und trat in die Redaktion ein, deren Leitung er im Jahr 2000 übernahm.

Satire als Aufklärung

Sein großes Verdienst ist, dass er das Blatt mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. In den neunziger Jahren arbeitete er sich vor allem per Telefon und Fax an ostdeutschen Mitbürgern ab, etwa indem er sich als GEZ-Mitarbeiter ausgab, der Gebühren für jahrzehntelanges Schwarzsehen nachforderte, oder als Mitarbeiter des Amtes für Entnazifizierung, der endlich seine Arbeit erledigen wolle. Schonungslos deckte der Bürgerschreck Vorurteile und Unwissen seiner Gesprächspartner auf. Schnelle Lacher auf Kosten des kleinen Mannes also, wie sie mittlerweile jeder Radiosender einfährt? Nein, wehrt sich Sonneborn, es gehe nicht um populistisches Draufhauen, „aber es ist halt der kleine Mann, der ,den Neger‘ verprügelt“. Er wollte zeigen, welche Haltungen dahinterstecken. Außerdem bekamen auch Prominente, vorzugsweise Politiker, ihr Fett weg: Schröder, Lafontaine, Scharping, Wickert, Hahne ... Er führte sie alle aufs Glatteis, deckte deren Eitelkeiten schonungslos auf. Oft sei er enttäuscht gewesen, wie einfach es war.

In den Feuilletons hat ihm das den Titel „Deutschlands boshaftester Satiriker“ eingetragen. Boshaft? Nein, auch so sehe er sich nicht, wenngleich er nicht bestreiten könne, dass auch niedere Beweggründe eine Rolle spielten. Aber Satire habe auch immer etwas Aufklärerisches. Etwa als Sonneborn auf dem Höhepunkt der CDU-Schwarzgeldaffäre mit Hilfe eines fingierten Kontoauszugs, eines Schweizer Praktikanten und einer Rufumleitung über Luzern die Unionspolitiker Eckart von Klaeden und Willi Hausmann vorführte. Sie glaubten dem Anrufer die Geschichte von den 8,9 Millionen Franken auf einem vergessenen Parteikonto und reisten „in geheimer Mission“ in die Schweiz. Die Bilder der verdutzten Politiker gingen durch die Presse, als Sonneborn sie am Treffpunkt mit einem Koffer erwartete, auf dem „CDU-Schwarzgeld“ prangte. „Wir haben aufgezeigt, wie tief die Volkspartei von dem Skandal verunsichert war.“

Kuckucksuhr als Bestechungsgeschenk

Die legendärste Aktion war aber das fingierte Bestechungsfax an eine Handvoll Abgeordnete des Weltfußballverbandes, das die Entscheidung wohl tatsächlich entscheidend beeinflusste und Deutschland die Ausrichtung der WM-Endrunde 2006 sicherte. Eigentlich, sagte Sonneborn, war die Aktion als Unterstützung für den Konkurrenten Südafrika gedacht. „Wir dachten, die Aussicht auf eine Kuckucksuhr und Wurst sei so dämlich, dass es schiefgehen muss.“ Doch der neuseeländische Delegierte schien so verwirrt, dass er sich der Stimme enthielt. Dass Südafrika später den Zuschlag für 2010 bekam, ließ Sonneborn seinen Frieden mit dem Ausgang machen.

Nach fünf Jahren als Chefredakteur fand Sonneborn die Zeit reif für einen Wechsel: „Ich hatte das Gefühl, dass das Format ausgereizt ist.“ Er blieb dem Heft zwar als Herausgeber verbunden, zog aber nach Berlin und gründete mit einigen Kollegen „Die Partei“ oder vollständig: „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“. Eine vor allem bei jungen Leuten beliebte Plattform, irgendwo zwischen Satire und politischer Willensbildung angesiedelt, die 2005 tatsächlich zur Bundestagswahl antrat und 18.000 Stimmen errang. Die Partei bekennt sich zum Populismus, fordert den Wiederaufbau der Mauer und zählt mittlerweile mehrere tausend Mitglieder in neun Landesverbänden. Trotzdem verweigerte der Bundeswahlleiter ihr 2009 die abermalige Zulassung – Auftakt zu einem intensiv geführten Rechtsstreit. Der Bundeswahlleiter sei ein durchaus ernstzunehmender Gegner, räumt Sonneborn ein, und das Ganze habe viel Kraft gekostet. Deshalb wolle er politisch in nächster Zeit ein bisschen kürzertreten.

Was jetzt noch kommen kann? Mehr Freiraum als mit der „Titanic“ könne man nicht haben, räumt Sonneborn ein. Früher habe er auf die Frage nach der Zukunft spaßeshalber geantwortet, die Wochenzeitung „Die Zeit“ mal so richtig „in die Scheiße reiten“ zu wollen. „Mittlerweile habe ich das so oft gesagt, dass ich selbst dran glaube. Und da sich bisher alles erfüllt hat, ...“ Der Rest bleibt unausgesprochen, aber das nächste Projekt scheint zu reifen. Der Bürgerschreck ist unterwegs.

Zur Person:

- Martin Sonneborn wird am 15. Mai 1965 in Göttingen geboren. Nach dem Abitur an einer katholischen Privatschule absolviert er eine kaufmännische Lehre in einer Osnabrücker Krankenkasse. Anschließend studiert er Germanistik, Publizistik und Politik in Münster, Wien und Berlin.

- 1995 tritt er in die „Titanic“-Redaktion ein. Fünf Jahre später wird er Chefredakteur der Satire-Zeitschrift.

- Wiederum fünf Jahre später kehrt er nach Berlin zurück und gründet er „Die Partei“, die im selben Jahr zur Bundestagswahl antritt. 2009 entzieht der Bundestagswahlleiter ihr jedoch die Zulassung.

- Martin Sonneborn lebt in Berlin, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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