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Lars Feld : Der Schuldenbremser

Wirtschaftswissenschaftler Lars Feld Bild: Foto Rainer Wohlfahrt

In der Psychiatrie hat Lars Feld viel über die Natur des Menschen gelernt. Heute sind die Staatsfinanzen krank. Der Ökonom setzt auf bessere Regeln.

          5 Min.

          Es kann einem schwindelig werden angesichts der Milliarden-Kredite und -Bürgschaften für die Rettung finanziell angeschlagener Eurostaaten. Auch Lars Feld ist bei der Sache etwas mulmig. „Die Familie meines Vaters hat in den zwanziger Jahren vor der Weltwirtschaftskrise durch eine unselige Bürgschaft ihr Vermögen verloren“, erzählt der Ökonom, der die Regierung zum Thema Schulden und Steuern berät. Er war einer der ersten, die für eine Umschuldung Griechenlands plädierten. Dass Athen seine Schulden je komplett zurückzahlen kann, glaubt Feld nicht.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Seit März dieses Jahres ist er Mitglied des fünfköpfigen Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – im Volksmund „die Wirtschaftsweisen“ genannt. Der 45 Jahre alte Professor für Finanzwissenschaft von der Universität Freiburg hat sich gleich mit kecken Einwürfen vorgewagt. Etwa als der Anhänger direkter Demokratie anregte, doch das Volk über die Euro-Rettung abstimmen zu lassen. Dieser Vorschlag kam in der Regierung nicht besonders gut an. Gleichzeitig versteht es Feld, seinen Rat in einer fröhlichen, freundlichen Weise zu vermitteln. Sein Verhältnis zu Finanzminister Wolfgang Schäuble ist gut. Der jugendlich wirkende Professor mit dem kleinen Stecker im Ohr strahlte richtig, als er den Minister vor wenigen Wochen als Redner in Freiburg begrüßen durfte.

          Noch spätabends in der Bibliothek

          Als junger Mann dachte Feld nicht daran, dass er einmal Volkswirtschaftsprofessor und Regierungsberater werden würde. Beide Eltern hatten nur mittlere Reife, der Vater war Kreditsachbearbeiter in einer Bank. Lars Feld, geboren nahe Saarbrücken, träumte davon, Rockmusiker zu werden. Nach Abitur und Wehrdienst arbeitete er als Pfleger in einer Klinik, erst in der Geriatrie, dann in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung. „Aus der Schule hatten wir noch eine sozialillusionistische Vorstellung, dass die Menschen alle kooperativ sind. In der Psychiatrie habe ich das extreme Gegenbild kennengelernt.“ Mit dem Pflegejob finanzierte er sich sein Studium in Saarbrücken. Anfangs wollte er Journalist werden, dafür begann er, Politik zu studieren. Schon im ersten Semester merkte Feld aber, dass ihn die volkswirtschaftliche Vorlesung viel mehr faszinierte.

          Ein Studienfreund erzählt, wie sich Feld noch spätabends in der Bibliothek in den Bücherbergen vergrub, während die anderen längst in der Kneipe saßen. „Der hat wirklich alles gelesen“, sagt der Freund, nicht ohne einen Anflug spöttischen Neides. Das in der Klinik verdiente Geld gab Feld für Lehrbücher aus. Später hat er die Klassiker der Ökonomie – von Adam Smith bis Keynes und Hayek – studiert. Den Arbeitseifer hat ihm der Vater beigebracht. „Mein Vater hat mir auf liebevolle Weise die protestantische Arbeitsethik vermittelt“, sagt Feld. Als Professor und Berater mit einer 70-Stunden-Woche profitiert er von der früh erlernten Arbeitsdisziplin. Einmal hätte es Feld in seiner frühen akademischen Karriere beinahe aus der Bahn geworfen. Er war gerade Doktorand beim Finanzwissenschaftler Werner Pommerehne geworden, einem der produktivsten Forscher auf dem Gebiet der Steuern und der Steuermoral. „Er hat uns die Angst vor der Forschung genommen“, erinnert sich Feld. Doch plötzlich starb der Professor mit nur 51 Jahren an einem Herzinfarkt. Feld stand ohne Doktorvater da.

          Glück im Unglück

          Er hatte Glück im Unglück. Auf der Beerdigung seines Mentors sprach ihn ein Professor aus der Schweiz an, Gebhard Kirchgässner, ob er die Dissertation in Sankt Gallen fortführen wolle. Thema der Doktorarbeit waren die Auswirkungen des Steuerwettbewerbs. Die konnte Feld nun vor Ort studieren. Der Umzug in die Schweiz brachte aber auch einige Härten. Seine Frau, eine junge Ärztin, hatte soeben ihren ersten Sohn zur Welt gebracht. „Mein Gehalt reichte für die Familie vorne und hinten nicht.“ Erst später erhielt seine Frau eine Arbeitserlaubnis. Langsam lebte sich die Familie ein. Die Schweiz ist dem Wissenschaftler im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen. Ihr politisches System ist dezentral, mit eigenständigen Kantonen. Feld sieht das als großen Vorzug an. Er ist überzeugt, dass die direkte Demokratie und Steuerwettbewerb gut sind, weil sie mehr Wahlmöglichkeiten, mehr Effizienz und mehr Dynamik bringen. Seine Untersuchungen zeigen, dass Kantone und Gemeinden mit direkter Demokratie insgesamt sparsamer und effizienter arbeiten. Die Ausgaben und die Verschuldung sind geringer, die Sozialsysteme zielgenauer. Und die Bürger haben eine höhere Steuermoral, weil sie wissen, wie der Staat ihr Geld einsetzt.

          Vorbildlich findet Feld auch die Schweizer Schuldenbremse, die im Jahr 2001 durch die Bundesversammlung und eine Volksabstimmung beschlossen wurde und seit 2003 greift. Die Schweizer Schuldenquote ist von 67 auf gut 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken, ganz entgegen dem globalen Trend. Der deutsche Staat hat seit der Finanzkrise mehr als 80 Prozent Verschuldung, im Durchschnitt nähern sich die Industriestaaten der Marke von 100 Prozent. Für einen Finanzwissenschaftler eine spannende Zeit – und eine gefährliche Zeit. Seit 2002 ist Feld zurück in Deutschland und hat sich hier für eine Schuldenbremse nach Schweizer Modell eingesetzt. Erst lehrte er an der Universität Marburg, 2006 wechselte er nach Heidelberg. Schon in der Marburger Zeit bekam er die Einladung, im wissenschaftlichen Beirat beim Bundesfinanzministerium mitzuarbeiten. Feld nahm gerne an. Wie der legendäre Herbert Giersch, eine wichtige Figur der deutschen Wirtschaftswissenschaft der vergangenen Jahrzehnte, spricht Feld von einer „Bringschuld der Ökonomen“. „Wir Ökonomen haben einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten, so wurde uns das eingetrichtert.“

          Nur noch selten zu Rockkonzerten

          Politikberatung ist ein mühsames Geschäft, wenn Gutachten sang- und klanglos in der Schublade verschwinden. Doch mit der Schuldenbremse erzielten Feld und seine Kollegen einen unverhofften Durchbruch. Im Herbst 2008, auf dem Höhepunkt der Krise, stimmten Bundestag und Länder einer Verfassungsänderung zu. Die deutsche Schuldenbremse ist so etwas wie Felds wissenschaftliches Baby. „Der Erfolg hat viele Väter“, wiegelt er bescheiden ab. Seit Ende vergangenen Jahres hat er eine Professur an der Universität Freiburg und die Leitung des Eucken-Instituts übernommen. Das traditionsreiche Institut, in einer Villa nahe der Altstadt gelegen, ist nach dem Ordoliberalen Walter Eucken benannt, einem der Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft. In dieser Gedankenwelt ist Feld zu Hause. Wie die frühen Ordoliberalen fragt er nach den richtigen Regeln für die Wirtschaft und den Staat. Aber Feld will seine Antworten nicht nur theoretisch, sondern empirisch begründen: Daten sammeln, Daten auswerten – und erst dann entscheiden, welche Regeln bessere Ergebnisse bringen.

          Dass Feld Anfang dieses Jahres in den Sachverständigenrat berufen wurde, hat ihn selbst überrascht. Einige mutmaßten, FDP-Wirtschaftsminister Brüderle habe einen Ökonomen bevorzugt, der offen für Steuersenkungen sei. „Man muss schauen, wie viel von zusätzlichen Steuereinnahmen konjunkturell und was strukturell bedingt ist“, sagte Feld dazu. „Die strukturellen Mehreinnahmen sollen für eine Steuerentlastung der Bürger genutzt werden.“ Parteipolitisch ist Feld nicht eindeutig zu verorten. „In manchen Fragen habe ich eine Nähe zur FDP, in anderen Fragen eine Nähe zur CDU, und wenn es um direkte Demokratie geht, dann habe ich eher eine Nähe zu den Grünen.“ Mit dem neuen Posten hat Feld nicht nur Ehre, sondern auch jede Menge zusätzliche Arbeit. Im Herbst beginnt der Sitzungsmarathon, wenn die „Weisen“ ihr Gutachten vorbereiten. Entsprechend hat Feld nur noch wenig Zeit für die Familie. Seine Frau beklagt das. Die Kinder, ein Junge von 16 Jahren und Zwillingsbuben von 13 Jahren, beginnen schon ein eigenes Leben zu leben. Auch für seine Hobbys hat Feld kaum noch Zeit. Nur noch selten geht er zu Rock- oder Jazzkonzerten, gelegentlich ins Fußballstadion.

          Die Schuldenkrise nimmt den Forscher voll in Beschlag. Im Jahresgutachten 2009/2010 warnten die „Weisen“ die Regierung: „Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen“ – und mahnten einen konsequenten Kurs zur Haushaltssanierung an. Damals wurde das als Absage an Steuersenkungen verstanden. Mit den Bürgschaften zur Euro-Rettung sind neue Risiken hinzugekommen. Was Lars Feld der Regierung zum Thema Steuern und Schulden rät – es wird in jedem Fall eine Gratwanderung.

          Zur Person

          Lars Feld, Jahrgang 1966, studiert in Saarbrücken Volkswirtschaftslehre und promoviert in der Schweiz über Steuerwettbewerb.

          Seine erste Professur erhält er in Marburg, nun arbeitet er in Freiburg. Seit 2003 berät er das Bundesfinanzministerium. Er ist einer der Väter der Schuldenbremse.

          Seit März 2011 ist Feld einer der fünf „Wirtschaftsweisen“, zuständig für das Thema Staatsfinanzen.

          Er ist verheiratet und Vater von drei Söhnen, mit denen er manchmal zu Rockkonzerten oder ins Fußballstadion geht.

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