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Lars Feld : Der Schuldenbremser

Vorbildlich findet Feld auch die Schweizer Schuldenbremse, die im Jahr 2001 durch die Bundesversammlung und eine Volksabstimmung beschlossen wurde und seit 2003 greift. Die Schweizer Schuldenquote ist von 67 auf gut 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken, ganz entgegen dem globalen Trend. Der deutsche Staat hat seit der Finanzkrise mehr als 80 Prozent Verschuldung, im Durchschnitt nähern sich die Industriestaaten der Marke von 100 Prozent. Für einen Finanzwissenschaftler eine spannende Zeit – und eine gefährliche Zeit. Seit 2002 ist Feld zurück in Deutschland und hat sich hier für eine Schuldenbremse nach Schweizer Modell eingesetzt. Erst lehrte er an der Universität Marburg, 2006 wechselte er nach Heidelberg. Schon in der Marburger Zeit bekam er die Einladung, im wissenschaftlichen Beirat beim Bundesfinanzministerium mitzuarbeiten. Feld nahm gerne an. Wie der legendäre Herbert Giersch, eine wichtige Figur der deutschen Wirtschaftswissenschaft der vergangenen Jahrzehnte, spricht Feld von einer „Bringschuld der Ökonomen“. „Wir Ökonomen haben einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten, so wurde uns das eingetrichtert.“

Nur noch selten zu Rockkonzerten

Politikberatung ist ein mühsames Geschäft, wenn Gutachten sang- und klanglos in der Schublade verschwinden. Doch mit der Schuldenbremse erzielten Feld und seine Kollegen einen unverhofften Durchbruch. Im Herbst 2008, auf dem Höhepunkt der Krise, stimmten Bundestag und Länder einer Verfassungsänderung zu. Die deutsche Schuldenbremse ist so etwas wie Felds wissenschaftliches Baby. „Der Erfolg hat viele Väter“, wiegelt er bescheiden ab. Seit Ende vergangenen Jahres hat er eine Professur an der Universität Freiburg und die Leitung des Eucken-Instituts übernommen. Das traditionsreiche Institut, in einer Villa nahe der Altstadt gelegen, ist nach dem Ordoliberalen Walter Eucken benannt, einem der Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft. In dieser Gedankenwelt ist Feld zu Hause. Wie die frühen Ordoliberalen fragt er nach den richtigen Regeln für die Wirtschaft und den Staat. Aber Feld will seine Antworten nicht nur theoretisch, sondern empirisch begründen: Daten sammeln, Daten auswerten – und erst dann entscheiden, welche Regeln bessere Ergebnisse bringen.

Dass Feld Anfang dieses Jahres in den Sachverständigenrat berufen wurde, hat ihn selbst überrascht. Einige mutmaßten, FDP-Wirtschaftsminister Brüderle habe einen Ökonomen bevorzugt, der offen für Steuersenkungen sei. „Man muss schauen, wie viel von zusätzlichen Steuereinnahmen konjunkturell und was strukturell bedingt ist“, sagte Feld dazu. „Die strukturellen Mehreinnahmen sollen für eine Steuerentlastung der Bürger genutzt werden.“ Parteipolitisch ist Feld nicht eindeutig zu verorten. „In manchen Fragen habe ich eine Nähe zur FDP, in anderen Fragen eine Nähe zur CDU, und wenn es um direkte Demokratie geht, dann habe ich eher eine Nähe zu den Grünen.“ Mit dem neuen Posten hat Feld nicht nur Ehre, sondern auch jede Menge zusätzliche Arbeit. Im Herbst beginnt der Sitzungsmarathon, wenn die „Weisen“ ihr Gutachten vorbereiten. Entsprechend hat Feld nur noch wenig Zeit für die Familie. Seine Frau beklagt das. Die Kinder, ein Junge von 16 Jahren und Zwillingsbuben von 13 Jahren, beginnen schon ein eigenes Leben zu leben. Auch für seine Hobbys hat Feld kaum noch Zeit. Nur noch selten geht er zu Rock- oder Jazzkonzerten, gelegentlich ins Fußballstadion.

Die Schuldenkrise nimmt den Forscher voll in Beschlag. Im Jahresgutachten 2009/2010 warnten die „Weisen“ die Regierung: „Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen“ – und mahnten einen konsequenten Kurs zur Haushaltssanierung an. Damals wurde das als Absage an Steuersenkungen verstanden. Mit den Bürgschaften zur Euro-Rettung sind neue Risiken hinzugekommen. Was Lars Feld der Regierung zum Thema Steuern und Schulden rät – es wird in jedem Fall eine Gratwanderung.

Zur Person

Lars Feld, Jahrgang 1966, studiert in Saarbrücken Volkswirtschaftslehre und promoviert in der Schweiz über Steuerwettbewerb.

Seine erste Professur erhält er in Marburg, nun arbeitet er in Freiburg. Seit 2003 berät er das Bundesfinanzministerium. Er ist einer der Väter der Schuldenbremse.

Seit März 2011 ist Feld einer der fünf „Wirtschaftsweisen“, zuständig für das Thema Staatsfinanzen.

Er ist verheiratet und Vater von drei Söhnen, mit denen er manchmal zu Rockkonzerten oder ins Fußballstadion geht.

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