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Judith Holofernes : Heldin auf dem Heimweg

  • -Aktualisiert am

Mama und Popstar: Judith Holofernes Bild: Andreas Pein

Sie sagt von sich, sie sei eine Leisesprecherin. Für eine Frau, die es gewohnt ist, vor Zehntausenden Menschen aufzutreten, ist das ein bemerkenswerter Satz. Doch er sagt viel über Judith Holofernes. Die Sängerin hat etwas Mädchenhaftes und trotzdem sehr Erwachsenes an sich.

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          Sie sagt von sich, sie sei eine Leisesprecherin. Für eine Frau, die es gewohnt ist, vor Zehntausenden Menschen aufzutreten, ist das ein bemerkenswerter Satz. Doch er sagt viel über Judith Holofernes. Die Sängerin hat etwas Mädchenhaftes und trotzdem sehr Erwachsenes an sich. Sie kichert und gluckst, wenn sie etwas komisch findet, schneidet Grimassen und freut sich über Kleinigkeiten. Gleichzeitig stolpert sie selten ohne nachzudenken in einen Satz hinein. Sie wählt ihre Worte sorgsam, sagt kluge Dinge und blickt ihre Gesprächspartner mit freundlichem Ernst an.

          Wie ein klassischer Rockstar sieht die Dreiunddreißigjährige nicht aus, wie sie dort im Strandkorb sitzt, an Bord der Berliner "Ankerklause" im Stadtteil Kreuzberg. Zusammengewuschelte Haare, ein ausgewaschenes T-Shirt, wache Augen. Doch Judith Holofernes ist Teil einer Rock- und Popgeschichte mit märchenhaften Zügen. Mehr als eine Million Platten haben "Wir sind Helden" verkauft und unzählige Konzerte gespielt. Sie haben den Echo gewonnen und in Tausende Mikrofone gesprochen. In diesen Tagen erscheint nun nach drei Jahren ihr neues Album. Es ist das vierte.

          Die ersten Tour-Shirts selbst bemalt

          Begonnen hat alles reichlich unrockig im Sommerkurs einer Musikhochschule. Drei der vier Mitglieder von "Wir sind Helden" lernten sich damals, im Jahr 2000, in Hamburg kennen: Judith, die in Berlin als Liedermacherin auftrat, der Schlagzeuger Pola Roy und Jean-Michel Tourette, der Keyboard und Gitarre spielte. Judith, die gleichzeitig schüchtern und entschlossen war, wollte nicht länger mit ihrer Gitarre alleine bleiben. Sie wollte eine Band und sammelte deshalb die Männer um sich. Später kam noch Mark Tavassol hinzu, der Einzige, der sich bis heute keinen Künstlernamen zugelegt hat.

          „Wir sind Helden” - und Popstars
          „Wir sind Helden” - und Popstars : Bild: Archiv

          Als "Wir sind Helden" anfingen, hatten sie keinen Plattenvertrag. Sie hatten einige von Holofernes Liedern, und sie hatten ein gutes Gefühl. Für die Musik, die sie machen wollten, und füreinander. "Es hat uns über Schwierigkeiten hinweggerettet, dass wir uns so gut verstehen und dass wir hauptsächlich über Humor funktionieren", sagt Judith Holofernes. Harmoniesüchtige Herdenmenschen seien sie. "Uns war immer bewusst, dass wir durch unsere Geschichte etwas teilen. Es schweißt zusammen, wenn man weiß, nur diese drei Menschen haben genau dasselbe erlebt wie ich - nur sie wissen, wovon ich rede, wie sich das anfühlt."

          In bester Guerrilla-Marketing-Manier klebten die Musiker mit treuen Fans der ersten Stunde am Anfang Plakate für die Konzerte. Sie verkauften Secondhand-T-Shirts, die sie selbst bemalt hatten. "Guten Tag - Wir sind Helden" stand darauf. Irgendwann trug Nena bei einem Auftritt ein solches Shirt, und ziemlich bald war es dann vorbei mit der Malerei. Als sie die T-Shirts drucken lassen mussten, war der Band endgültig klar, dass sie so etwas wie einen Durchbruch geschafft hatte. Die erste Single "Guten Tag" veröffentlichte die Gruppe 2002 noch in Eigenregie. Einen Vertrag hatte sie da immer noch nicht. In die Charts schaffte sie es trotzdem. "Wir sind wahnsinnig schnell an einen Punkt gekommen, der jenseits von allem liegt, was ich mir je vorstellen konnte", sagt sie heute.

          „Zwischendurch ein bisschen verlaufen“

          Das erste Album, "Die Reklamation", verkaufte sich 800.000 Mal. Lieder wie "Aurélie" oder "Denkmal" wurden landauf, landab im Radio gespielt. Die Band ging auf Tour, nahm ein zweites Album auf, ging wieder auf Tour, nahm ein drittes Album auf, ging wieder auf Tour - und brauchte plötzlich sehr dringend eine Pause. Das war 2007. "Ich hatte das Gefühl, dass ich mich zwischendurch ein bisschen verlaufen habe", sagt Judith Holofernes.

          Sie und Pola Roy wurden schon ziemlich am Anfang ein Paar. Inzwischen sind sie verheiratet, haben einen Sohn und eine Tochter. Der kleine Friedrich war schon einmal mit auf Tour. Zurzeit planen sie, wie sie das im Herbst mit zwei Kindern hinbekommen können. Das klingt alles nach einer coolen Familien-Popstars-Mischung. Irgendwie ist es das wohl auch, es ist aber auch ziemlich anstrengend. "Ich merke, wie sehr ich mich daran aufreibe", sagt die Künstlerin, ohne dabei schlechtgelaunt zu klingen. "Ich bin schon ein richtiges Muttertier, ich kann das nicht halb machen." Ihre Ansprüche an sich selbst seien eigentlich nicht einlösbar. Alles sei eben "ein totales Experiment".

          Erfolg und Familie schwer vereinbar

          Dass die neue Platte "Bring mich nach Hause" heißt und so viel ruhiger klingt als ihre aufmüpfige Vorgängerin, liegt wohl auch daran, dass die Sehnsucht nach Ruhe und nach zu Hause groß war, als sie entstand. "Es ist eine sehr persönliche Platte", sagt die Sängerin. "Wenn man vorher acht Jahre unterwegs war und dann Ruhe einkehrt, kann sich vieles zeigen: Müdigkeit, Erschöpfung, Fragezeichen, ob man so ein Leben will und wie lange noch." Auf der anderen Seite aber sind auch die Band und die Musik ihr Zuhause. Und gerade in dieser Platte steckt für sie ein Stück Heimat, weil sie musikalisch nah an dem sei, was sie schon immer mochte. "Bring mich nach Hause" wird die Gruppe jedenfalls wieder nach draußen führen, auf Tour. "Das ist nicht so einfach", findet sie. "Ich freue mich auf die Crew, auf die Leute, die ich lange nicht gesehen habe. Aber gleichzeitig weiß ich, dass dieses Leben, das damit verbunden ist, viele Aspekte hat, für die ich eigentlich nicht so doll gemacht bin." Während sie eben noch eine lustige Munterkeit versprühte, ist sie plötzlich nachdenklich; nicht in einem traurigen, eher in einem hellsichtigen Sinne. "Mir ist bewusst, je doller das jetzt durch die Decke geht, desto mehr Arbeit und Dreck macht es auch, und desto schwerer ist es mit einer Familie zu vereinbaren. Das rufe ich mir immer wieder ins Gedächtnis, um daraus die Freiheit zu ziehen, es kommen zu lassen, wie es eben kommt."

          Als Kind wusste sie, dass sie schreiben und Musik machen will. "Ich hatte Popstar-Phantasien, die aber eher aus einem Fan-Herzen heraus geboren waren. In Wirklichkeit wollte ich nur in die Nähe dieses Feuers." Dass sie einmal von der Musik würde leben können, hatte sie nicht zu hoffen gewagt. "Ich glaube, ich wollte eine Mischung aus Patti Smith und Marianne Faithful sein." Vielleicht, sagt sie, schaffe sie das ja noch. Nur auf Marianne Faithfuls Kieferbruch "durch drogenbedingtes Vornüberkippen" würde sie lieber verzichten. "Obwohl es den Exzess für die Stimme wohl braucht."

          Die Hippie-Debatte nervt

          Eigentlich waren es gar keine drei Jahre Pause bis zur neuen Platte. Nach sechs Monaten Auszeit tastete sich die Gruppe an ihr Album heran. Doch zum ersten Mal seit Jahren ließen sie sich wirklich Zeit. Früher hatte vieles an ihnen gezogen. Dieses Mal wollten sie schreiben, wenn sie schreiben, und proben, wenn sie proben, und nicht ins Studio gehen und abends Tanzunterricht nehmen fürs Video. Sie haben die Lieder live eingespielt, also alle zusammen im Proberaum. Und sie haben neue Instrumente erlernt, statt auf den Synthesizer zurückzugreifen.

          Die einen haben an "Wir sind Helden" nie gemocht, dass in vielen Liedern diese weltverbessernde Hippie-Attitüde mitschwingt. Andere waren dagegen empört, sobald sie eine Abkehr vom angeblichen Protestsong-Gewerbe witterten. Judith Holofernes mag es nicht, wenn so über ihre Musik gesprochen wird. Sie findet das kopflastig und irgendwie verkehrt. Inzwischen, sagt sie, habe sie sich relativ gründlich "von Erwartungen unsere Band betreffend" befreit. Dieses Mal hätten sie einfach die Musik gemacht, die sie machen wollten. "Es ist gar nicht so viel Mitteilungsbedürfnis dahinter. Ich habe die Texte geschrieben, weil ich eh immer schreibe, und weniger, weil ich der Welt etwas mitzuteilen hätte."

          Zur Person

          - Judith Holofernes wird am 12. November 1976 in Berlin geboren und wächst in Freiburg auf.

          - Nach dem Abitur geht sie zurück nach Berlin. Sie studiert, allerdings ohne Abschluss, schreibt als freie Journalistin und macht Musik.

          - Im Jahr 2000 lernt sie ihren späteren Mann Pola Roy kennen. Gemeinsam mit zwei anderen Musikern werden sie zur Gruppe „Wir sind Helden“, die es ohne Plattenvertrag in die Charts schafft.

          - Judith Holofernes lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Berlin.

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