https://www.faz.net/-gyl-6m1pj

Josef Wilfling : Mord ist sein Hobby

Acht Löffel waren zu viel: Als die Besenstiel-Marie immer mehr Zucker in ihren Tee schüttete, wusste Josef Wilfling, dass sie schuldig war Bild: Andreas Müller

Er hat den Mord an Rudolph Moshammer aufgeklärt, Serientäter überführt. 22 Jahre lang war Josef Wilfling Kommissar. Jetzt schreibt er darüber.

          5 Min.

          Seine erste Tat führte den gerade ernannten Chef in den Keller der Münchener Polizei. „Gleich welcher Deliktbereich, ob Raubmorde, Homomorde oder Morde an alten Frauen, wir holen alle ungeklärten Morde aus den Katakomben“, forderte Josef Wilfling seine Kollegen auf. Wo immer die neuen Möglichkeiten von DNA-Untersuchungen anwendbar waren, überprüften die Ermittler die Asservate und schalteten die Spezialisten der Rechtsmedizin ein. „Die sind Gold wert“, sagt Josef Wilfling mit Nachdruck. Dass er die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern schätzt, bekräftigt er mehrfach in seinem Büro, das er sich mit Schreibtisch, rotem Sofa und Dartscheibe in seiner Wohnung eingerichtet hat.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Diese liegt in einem gediegenen Münchner Viertel, nicht weit von der Justizvollzugsanstalt Stadelheim entfernt. „Da sitzt meine Kundschaft.“ Der Pensionär, der einen randvollen Terminkalender hat, lacht, als er das sagt. Sein Lachen klingt abgebrüht, aber nicht gefühllos. 42 Jahre lang war Josef Wilfling im Polizeidienst tätig, die Hälfte dieser Zeit bei der Münchner Mordkommission. Längst ist der mittelgroße Mann mit der kräftigen Statur und den nur auf den ersten Blick weich erscheinenden Gesichtszügen einem großen Publikum bekannt. Er hat schlagzeilenträchtige Fälle geklärt, Mörder Prominenter wie Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer hinter Gitter gebracht. Einige dieser Fälle hat er aufgeschrieben. „Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden“ ist kernig, zuweilen derb formuliert, kein Lektor hat die Sätze in diesem Buch glatt poliert. „Ich bin Sachbuchautor, schreibe ohne Pathos, ohne Wölkchen. Das ist kein Buch für feinsinnige Intellektuelle. Die Realität ist grausamer und brutaler als jede Fiktion - das sage nicht ich, das sagt Hitchcock.“

          Kann jeder Mensch zum Mörder werden?

          Inzwischen schreibt der Vierundsechzigjährige an seinem zweiten Buch, darin befasst er sich mit Fragen, die ihm in Lesungen gestellt werden: Kann jeder Mensch zum Mörder werden? „Ja.“ Aber es geht auch um das Tabuthema, welche Rolle die Opfer spielen, und den bis heute nicht geklärten Mord einer russischen Witwe, die ihren reichen, deutschen Kurzzeit-Ehemann hat umbringen und in Moskau einäschern lassen - „der perfekte Mord eines eiskalten, raffinierten Miststücks. Ich habe oft genug gesehen, was Geld anrichten kann.“ Dass er einmal als „legendärer Mordermittler“ und „Ehren-Quincy“ der Münchener Rechtsmedizin gefeiert würde, das hätte sich das einstige Flüchtlingskind nicht vorstellen können. „Ich war nie der Karrieretyp der nach Posten gestrebt hat. Das war mir zuwider, war mir wurscht. Ich wollte etwas haben, was Spaß macht.“ Er zögert. „Das ist vielleicht das falsche Wort, aber zumindest an der Front arbeiten, dort, wo was los ist.“ Sich in administrative Dinge zu versenken habe ihn nie gereizt. Anstatt einen Karriereplan zu verfolgen, verfolgte er lieber Gewaltverbrechen. „Die aufzuklären, das ist unsere Bringschuld gegenüber den Angehörigen. Da kommt man nicht auf die Idee, nach dem Sinn des Lebens zu fragen.“ Bei der Mordkommission, „der Königsdisziplin“, hat er sich beworben, als er 33 Jahre alt war und als Schutzpolizist zum Großbrand eines jüdischen Altenheims gerufen wurde. Wilfling musste den Rabbiner zu sieben verkohlten Leichen führen, alle Überlebende des Holocaust. Die Bilder brannten sich in seinen Kopf ein.

          „Die Mordkommission ist eine Dienststelle, die zum Erfolg verdammt ist.“ Denn da seien die trauernden Angehörigen, und da sei der Druck der Öffentlichkeit. Wie den meisten Ermittlern gehen ihm vor allem Verbrechen an Kindern nahe. Sein schlimmster Fall war der Mord an dem achtjährigen Peter, getötet von dem aus der Haft entlassenen Kindermörder Martin Prinz, der sich an der Suche nach dem vermissten Jungen beteiligte. Das ist lange her, aber zur Mutter des Jungen hat Wilfling noch heute Kontakt. Sich diesen Abgründen auszusetzen, an Tatorte gerufen zu werden, wo ein zarter Kinderkörper geschändet wurde, wo ein Besenstiel im Hals eines erschlagenen Greises steckt, das erfordert eine robuste Natur. „Man braucht dazu eine gewisse Stabilität“, sagt Wilfling lapidar, über Selbstverständlichkeiten in der Welt der Einschusswinkel redet er nicht gerne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Überleben in Syrien : Nomaden des Kriegs

          Assads Truppen hinterlassen auf dem Vormarsch in Idlib verbrannte Ende. Die Menschen in Syrien fliehen – bis es nicht mehr weitergeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.