https://www.faz.net/-gyl-7375c

Josef Bulva : Kämpfernatur am Flügel

  • -Aktualisiert am

Ganz bei sich: Interpreten wie er seien das Dienstpersonal der Komponisten, sagt Josef Bulva. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Josef Bulva war das Wunderkind am Klavier. Nach einer Verletzung an der linken Hand verdiente er sein Geld als Börsenmakler. Und spielte sich wieder in die Konzertsäle zurück.

          5 Min.

          Orte mit ganz besonderer Akustik finden sich nicht immer dort, wo der musikalische Laie sie vermuten würde. In einem großen, weitgehend leerstehenden Saal des Hofguts Bannacker zum Beispiel, vor den Toren Augsburgs gelegen. Lediglich der schwarze Steinway-Flügel deutet auf die Besonderheit des Raumes hin. Das Instrument zieren die Initialen „JB“.

          JB, das ist Josef Bulva. Tschechisches Wunderkind am Klavier, gefördert von einem Regime, das Bulva mit 21 Jahren zum Staatssolisten ernannte und ihm viele Privilegien zugestand. Später dann Emigrant mit neuer Staatsbürgerschaft in Luxemburg und Liebling der Münchner Gesellschaft, immer wieder gefeiert für sein messerscharfes, einzigartiges Klavierspiel. In den neunziger Jahren dann tragisches Unfallopfer mit anschließender Flucht nach Monaco und einer zweiten Karriere als Börsenmakler. Und schließlich vor zwei Jahren triumphaler Rückkehrer auf die Konzertbühnen nach einem weiteren Wunder, dieses Mal einem medizinischen.

          Mit eiserner Disziplin

          Die linke Hand von Bulva, die nach einem Sturz irreparabel zerstört schien, kann dank des Geschicks eines Schweizer Chirurgen sowie Bulvas eiserner Disziplin die Läufe und Oktaven heute wieder so gut meistern wie früher. „Ich habe mein Schicksal immer selbst in die Hand genommen“, sagt er in bestem Deutsch und lächelt dazu, höflich und ein wenig distanziert. Als Aristokrat wird er häufig beschrieben, und so möchte er mit seiner streng-eleganten Kleidung und dem akkurat gescheitelten Haar auch wirken.

          Als „Pianist des wissenschaftlichen Zeitalters“ hat ein bekannter Musikkritiker den 1943 geborenen Bulva einmal beschrieben. Aber es sind eher Momente wie jener im leeren Saal des Hofguts Bannacker, die zum Kern seines Wesens führen, wenn Bulva seine Finger in atemberaubender Geschwindigkeit über die schwarzen und weißen Tasten fliegen lässt, völlig konzentriert nur noch auf die Musik, ohne große Mimik oder Gestik. In diesen Momenten kann man ahnen, wie der im tschechischen Brünn geborene Junge mit neun Jahren beschloss, das anfangs verhasste Klavierspielen in eine Herausforderung umzuwandeln, der er sich täglich viele Stunden stellen wollte: immer wieder Läufe und Oktaven trainieren, schneller werden, besser werden.

          Ein einziges Mal nur als Künstler zufrieden

          “Ich habe mir damals geschworen, das mache ich konsequent und richtig“, sagt er. Und Bulva hatte das Glück, in dem Musikprofessor Václav Lanka einen Lehrer zu haben, der ihn in dieser Form des Klavierspielens methodisch förderte. Ein einziges Mal in seinem Leben, so erzählt Bulva heute, sei er als Künstler zufrieden gewesen. Das war, nachdem er in München ein Brahms-Klavierkonzert mit solcher Virtuosität durchgespielt hatte, „dass selbst die tückischen Stellen in Aufnahmequalität saßen. Ich war für ein paar Stunden glücklich. Und seitdem schäme ich mich dafür. Ich strebe nach Perfektion, wonach denn sonst? Diese Gnadenlosigkeit muss man gegenüber sich selbst haben.“

          Nicht geschämt hat er sich dagegen, die Privilegien anzunehmen, die ihm der tschechische Staat einst bot: Geld, Auto, Reisen. Er wiederum gab dem Regime, was es in Zeiten des Kalten Krieges wollte: den Beweis, dass große Kunst auch aus einem sozialistischen Staat kommen konnte.

          Des Hochverrats angeklagt

          Als Bulva 1972 während einer Auslandsreise nach Luxemburg emigrierte, wurde er zu hause prompt des Hochverrats angeklagt. Reden mag nicht er über diese Zeit und die vielen Gerüchte, er könnte sogar ein Spion im Dienste des Westens gewesen sein. „Ich möchte nicht noch einmal zum Träger von Geheimnissen werden“, sagt er lediglich. Eine Autobiographie zu schreiben kommt wohl auch deshalb nicht in Frage, weil er solche Fragen dann beantwortet müsste. Josef Bulva selbst begründet seine Abneigung, sein bewegtes Leben aufzuzeichnen, allerdings ganz anders. Der Kollege Arthur Rubinstein, der in seiner Autobiographie allzu offenherzig über Affären und andere Ereignisse geschrieben habe, sei ihm eine Warnung. „Rubinstein hat sich in seinem Buch demontiert.“

          Dabei geht Bulva Risiken nicht generell aus dem Weg. Doch der Pianist mit einer Passion für Mathematik und Astrophysik will Risiken analysieren können und dann mit aller Entschlossenheit seine Entscheidungen treffen. Umso vernichtender muss die Winternacht vom 22. März 1996 gewesen sein, als Bulva auf spiegelglatter Straße in seiner alten Heimat ausrutschte und mit der linken Hand in die Glasscherben einer Bierflasche fiel, die unter dem Schnee verborgen waren. Nie mehr würde er mit dieser Hand Klavier spielen können, lautete die Diagnose - die größtmögliche Katastrophe für einen Künstler. Bulva trennte sich anschließend sogar von seinen geliebten Steinway-Flügeln.

          „Ich wollte allein sein und dem Mitleid entkommen“

          Seine nächste Emigration, dieses Mal nach Monaco, wo er schon eine Wohnung besaß und einen Teil seines Vermögens angelegt hatte, folgte wieder einer strengen Logik. „Ich wollte allein sein und dem Mitleid entkommen“, sagt er. Angebote, als Hochschullehrer zu arbeiten, lehnte er ab; es wäre zu schmerzlich gewesen. Doch zugleich wollte der aufwendige Lebensstil finanziert werden. Zudem lebte in Luxemburg noch die damals 75 Jahre alte Mutter, von der Bulva erzählt, sie sei völlig von ihm abhängig gewesen. „Monaco war eine befriedigende Lösung für eine Menge von Kategorien.“

          Mit seinem scharfen Verstand bemerkte er rasch, wie sich auf dem Börsenparkett im Derivatehandel ein gutes Auskommen sichern ließ. „Ich lag mit meinen Anweisungen an meinen Broker meist richtig.“ Als seine Bank dann von einer französischen Großbank übernommen wurde, beschloss Bulva, die Sache ganz in die eigenen Hände zu nehmen, und erhielt die Börsenmaklerlizenz. „Am septischsten kann man Geld mit Geld machen“ - das ist einer dieser Sätze, die Bulva immer wieder sagt. Weil sie eine für ihn zentrale Erkenntnis beinhalten, aber wohl auch, weil er damit weitere Fragen, zum Beispiel, wie viel Geld er an der Börse verdient hat, abblocken kann.

          Der Drang zum Klavier war stärker

          Sicher ist nur, dass sein Drang zum Klavier stärker war als alles andere. Deshalb ließ er die Hand mehrfach operieren und übte neun Jahre lang heimlich, bis die Finger endlich wieder die nötige Kraft und Beweglichkeit hatten. Die monegassische Börsenmaklerlizenz gab Bulva Anfang 2010 zurück. „Und ich bekomme sie auch nicht wieder zurück“, betont er. Dass er nach 14 Jahren Zwangspause wieder Konzerte bestehen würde, daran hat Bulva nie gezweifelt. Ein Virtuose, der sich einst sogar von Ärzten bescheinigen ließ, keinerlei Lampenfieber zu verspüren, kommt erst dann wieder auf die Bühne, wenn er sich seiner selbst völlig sicher ist. Aber Bulva weiß auch, dass die Euphorie über seine Rückkehr nun abklingt und er sich den gnadenlosen Regeln des Konzertgeschäfts stellen muss. Nur die Besten kommen auf die großen Bühnen. Gehört er noch dazu?

          “Ich spiele die schnellsten Oktaven der Welt“, sagt er mit einer über Jahrzehnte erworbenen Selbstsicherheit. Doch anders als früher gehe es ihm jetzt nicht mehr nur um die technische Virtuosität. In der letzten Phase seiner Karriere denkt Bulva auch an Risiken der Interpretation. Und dann spricht er lange über Chopins Trauermarsch, den er immer schnell gespielt hat, und nun plötzlich darüber grübelt, ob er eine bestimmte Passage doch besser langsamer spielen sollte. Und wenn er sein Spiel hier veränderte, würde er damit verstanden? „Das ist das ganze Drama eines Interpreten, das ist eine ganz große Entscheidung“, sagt er.

          „Das Dienstpersonal der Komponisten“

          Wer glaubt, Bulva würde Chopin gerne selbst befragen, irrt. Die großen Komponisten von damals hätten mit anderen Instrumenten und viel kleineren Orchestern gespielt, die heute mögliche Klangfülle sei für sie nicht vorstellbar gewesen. Und überhaupt: Interpreten seien zwar nur „das Dienstpersonal der Komponisten“ - noch so ein Satz, den Bulva immer wieder betont -, aber auf diesem Terrain hätten sie dann auch zu bestimmen. „Komponisten sollen komponieren und nicht spielen.“

          In dem Moment, in dem Josef Bulva über die richtige Interpretation einer einzelnen Note nachdenkt, da wirkt es so, als ob er ganz bei sich angekommen ist, versunken in einer Welt aus Musik. So versunken sitzt er mitunter stundenlang an seinem Steinway, auf dem Hofgut nahe Augsburg, wo er regelmäßig übt, aber mit Vorliebe auch im Konzertsaal des Bayerischen Rundfunks in München. „Dort in der Nacht allein zu spielen“, sagt er, „das ist das wahre Glück.“

          Ich über mich

          Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

          ... der Aufarbeitung der Inspiration aus der zuvorigen Nacht.

          Die Zeit vergesse ich, ...

          ... wenn ich in der Virtuosität des Klavierspiels laboriere.

          Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

          ... muss Talent und Disziplin besitzen, aber auch Glück und Geld haben.

          Erfolge feiere ich ...

          ... nie. Für das Innere des Künstlers gibt es niemals einen Erfolg.

          Es bringt mich auf die Palme, ...

          ... wenn Vorgänge wegen Unkonzentriertheit, Oberflächlichkeit oder Dumheit kollabieren.

          Mit 18 Jahren wollte ich ...

          ... weiter Virtuose bleiben.

          Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

          ... das Tragen von Geheimnissen auf mich nehmen.

          Geld macht mich ...

          ... frei.

          Rat suche ich ...

          ... bei wissenden, forschenden und profunden Menschen.

          Familie und Beruf sind ...

          ... in meinem Beruf kaum zu verschmelzen.

          Den Kindern rate ich, ...

          ... den Chinesen dankbar zu sein.

          Mein Weg führt mich ...

          ... wie jeden anderen auch in den Tod.

          Zur Person

          • Josef Bulva wird 1943 im tschechischen Brünn geboren.
          • Mit neun Jahren beginnt er das Klavierspielen, mit zwölf gibt er erste Mozart-Klavierkonzerte, mit 21 wird er zum Staatssolisten der CSSR ernannt.
          • 1972 emigriert Bulva in den Westen und wird als „Pianist für das wissenschaftliche Zeitalter“ gefeiert.
          • Eine schwere Handverletzung beendet seine Karriere 1996, und Bulva beginnt, erfolgreich an der Börse zu spekulieren. 2009 kehrt er nach mühsamer Rekonvaleszenz auf die Bühne zurück.

          Weitere Themen

          Ein skeptischer Satyr

          Siemens-Musikpreis : Ein skeptischer Satyr

          Er liebt die Klarheit für den Hörer und die ironische Distanz, bisweilen sogar Komik anstelle von Pathos: Der Komponist Georges Aperghis erhält den mit einer Viertelmillion Euro dotierten Ernst von Siemens-Musikpreis 2021.

          Topmeldungen

          Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

          Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

          In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
          Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

          Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

          Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

          Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

          Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.